DeutschlandRadio Berlin

 

Wortspiel

30. Juli 1998, 19.05 Uhr

 

Krupp und IG-Farben

Die Nürnberger Prozesse gegen führende Industrielle

 

von

Annette Wilmes 

 

Redaktion: Winfried Sträter

 

 

 

Besetzung:

 

Sprecherin:                               Erzählerin und Kommentatorin

Zitator 1                                   Zitate aus Presse und Literatur

Zitator 2                                   Zitate des Gerichts

Zitator 3                                   Zitate der Ankläger

 

 

Zitator 3:                                      In vollständiger Mißachtung aller sittlichen und humanitären Überlegungen zwang die I.G. Farben ihre Zwangsarbeiter unter anderem zu übermäßig langen und anstrengenden Arbeitseinsätzen, ohne dabei auf ihre Gesundheit und physische Kondition zu achten.

 

Sprecherin:                               Zitat aus der Anklageschrift, die Vierundzwanzig Männern  am 3. Mai 1947 im Nürnberger Gerichtsgefängnis überreicht worden war. Die Vereinigten Staaten von Amerika klagten die Köpfe der Interessen-Gemeinschaft Farbenindustrie Aktiengesellschaft an:

 

Zitator 3:                                 

n   der Planung und Vorbereitung von Angriffskriegen

n   der wirtschaftlichen Ausplünderung der von Deutschland während des Krieges besetzten Länder

n   der Beschäftigung und Mißhandlung von Sklavenarbeitern

n   der Mitgliedschaft in verbrecherischen Organisationen

n   des gemeinsamen Planes und der Verschwörung.

 

 

Sprecherin:                               Die Beschäftigung und Mißhandlung von Sklavenarbeitern nahm in der Anklageschrift zentralen Raum ein.

 

Zitator 3:                                  Einziges Kriterium für das Recht zu leben war die Effizienz besagter Zwangsarbeiter. Durch ungenügende Ruhezeiten, schlechtes Essen (das den Häftlingen verabreicht wurde, wenn sie im Bett lagen) und schlechte Unterkunft (ein Bett aus unsauberem Stroh mußte von bis zu vier Häftlingen geteilt werden) starben viele bei der Arbeit oder an Krankheiten, die sie sich dort zugezogen hatten. Bei den ersten Anzeichen nachlassender Produktivität - auch wegen Krankheit oder Erschöpfung - wurden die Arbeiter der wohlbekannten „Selektion“ unterzogen. „Selektion“ bedeutete, daß der Arbeiter nach einer oberflächlichen Untersuchung, die ergeben hatte, daß er nicht innerhalb weniger Tage an seine Arbeit  zurückkehren konnte, zur Tötung nach Birkenau überstellt wurde. Die Bedeutung von „Selektion“ und „Birkenau“ kannte jeder in Auschwitz. (...)

Das Verhalten der I.G. in Auschwitz kann am besten mit einem Himmler-Zitat beschrieben werden: „Was geht das uns an? Schauen Sie weg, wenn Ihnen schlecht wird.“

 

Sprecherin:                               Der Prozeß wurde am 27. August 1947 im Justizpalast in Nürnberg eröffnet. Am 30. Juli 1948 wurde das Urteil verkündet: 11 von den noch 23 Angeklagten wurden freigesprochen, 12 zu Freiheitsstrafen verurteilt, die niedrigste betrug eineinhalb Jahre, die höchste 8 Jahre Gefängnis.

 

Parallel zu dem IG-Farben-Prozeß wurde ein weiterer Prozeß gegen Industrielle geführt: Gegen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach und seine 11 Direktoren. Einen Tag nach dem Urteil im IG-Farben-Prozeß, am 31. Juli 1948, wurde auch im Krupp-Prozeß das Urteil verkündet.

 

 

 

Regie:                                  Take 1  (O-Ton Wochenschau 1948, bitte einblenden)

In Nürnberg wurde der Prozeß gegen eine Reihe leitender Direktoren der Krupp-Werke beendet. Die Hauptangeklagten, Alfried Krupp von Bohlenund Halbach und zwei andere Großindustrielle der Rüstungsindustrie, erhielten je 12 Jahre Gefängnis. In der Urteilsbegründung wurde den Angeklagten insbesondere systematische Plünderung ausländischen Eigentums und menschenunwürdige Behandlung von Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen zur Last gelegt. Alfried Krupps gesamtes Vermögen, einschließlich der Krupp-Werke, verfällt der Beschlagnahme.

 

Regie:                                      endet mit Musik, bitte ausblenden

 

 

Sprecherin:                               Der IG-Farben und der Krupp-Prozeß vor dem amerikanischen Militärtribunal in Nürnberg waren zwei von zwölf Prozessen, die in der Nachfolge des Hauptkriegsverbrecher-Prozesses verhandelt wurden.

Während der Hauptkriegsverbrecher-Prozeß noch unter der Regie der vier Siegermächte geführt worden war, klagten in den Nürnberger Nachfolgeprozessen die Amerikaner exemplarisch Verbrechen der Medizin, der Justiz, der Wehrmacht, der SS, der Diplomaten und eben der Wirtschaft an.

 

 

Regie:                                      Take 2  (O-Ton engl. Film)

The Krupp Family, who with the other German industrialists first backed Hitler and then produced the weapons for world domination, have been scattered and arrested. This family armed Germany in the Franco-Prussian War. They made „Big Berta“ und the first submarines of the Kaiser in World War I. They are just as responsible for killing Allied soldiers as Hitler and Göring. And by killing they grew rich.

 

Regie:                                      den O-Ton bitte unter den folgenden Text legen

 

Zitator 3:                                  Die Krupp Familie hat, wie die anderen deutschen Industriellen, Hitler unterstützt und die Waffen zur Erringung der Weltherrschaft produziert. Diese Familie stellte das Riesengeschütz „dicke Berta“ her und des Kaisers erste Unterseeboote im Ersten Weltkrieg. Sie ist für die Tötung alliierter Soldaten genauso verwantwortlich wie Hitler und Göring - und durch Töten wurde sie reich.

 

Regie:                                      den O-Ton bitte wieder hochziehen:

                                               ...an by killing they grew rich.

 

 

Sprecherin:                               Ein englischer Film-Kommentar.

Neben dem Hauptangeklagten Alfried Krupp von Bohlen und Halbach waren in Nürnberg 11 Direktoren angeklagt.

 

Regie:                                      Bitte zügig und schnell hintereinander lesen lassen,       eventuell Gerichtsatmo unterlegen

 

 

Zitator 2:                                  Friedrich von Bülow

 

Zitator 3:                                  Karl Eberhard

 

Zitator 2:                                  Edouard Houdremont

 

Zitator 3:                                  Max Ihn

 

Zitator 2:                                  Friedrich Janssen

 

Zitator 3:                                  Heinrich Korschan

 

Zitator 2:                                  Hans Kupke

 

Zitator 3:                                  Heinrich Lehmann

 

Zitator 2:                                  Ewald Löser

 

Zitator 3:                                  Erich Müller

 

Zitator 2:                                  Karl Pfirsch

 

 

Sprecherin:                               Brigadegeneral Telford Taylor war in den Nürnberger Nachfolgeprozessen der Hauptankläger. Bereits Ende April 1948 veröffentlichte er eine ausführliche Zusammenfassung der Prozesse, die 1950 auch in deutscher Sprache herauskam. Über den Krupp-Prozeß schrieb er unter anderem:

 

Zitator 3:                                  Die Anklageschrift setzte auseinander, daß die Firma Krupp eine führende Rolle in dem geheimen und illegalen Wiederaufrüstungsprogamm unter der Weimarer Republik gespielt, Hitlers Machtergreifung unterstützt, die deutsche Industrie nach Naziprinzipien organisiert und bewußt und gewollt an der Wiederaufrüstung Deutschlands zum Zwecke ausländischer Eroberungen mitgearbeitet habe; ferner „als ein integrierender Teil der Angriffshandlungen“, „Eigentum und Hilfsquellen von besetzten Ländern gestohlen und ausgebeutet sowie Staatsangehörige dieser Gebiete versklavt habe“. 

 

 

Sprecherin:                               Anders als zum Beispiel im Fall Friedrich Flick, der schon im Dezember 1947 zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war, enthielt der Krupp-Prozeß keine Anklagen, die mit Arisierung und SS-Tätigkeit etwas zu tun hatten. Krupp war kein genuiner Nazi.

Diana Maria Friz, Nichte Alfried Krupps, schrieb in ihrem Buch „Die Stahlgiganten“ über ihren Onkel, er sei schweigsam und stolz gewesen. Weiter heißt es :

 

Zitator 1                                   Die Jahre zwischen 1943 und 1953 wurden entscheidend für sein späteres Leben. Die Wechselbäder des Schicksals, denen er in diesen Jahren ausgesetzt war, prägten ihn und sein zukünftiges Handeln wesentlich. 1943 wurde  er von seinem inzwischen schwerkranken und vor sich hin dämmernden Vater zum Nachfolger und Alleininhaber der Firma ernannt. Es folgten zwei Jahre an entscheidender Stelle in der Firmenleitung, Jahre allerdings, in denen er mitgerissen wurde vom Sog der Kriegsereignisse und den Entscheidungen, die andere für ihn trafen oder vorab schon getroffen hatten. 1945 nahmen ihn die amerikanischen Besatzer in Haft. Zwei Jahre verbrachte er in verschiedenen Lagern und Gefängnissen, bis ihm 1947 schließlich in Nürnberg der Prozeß gemacht wurde.

 

 

Sprecherin:                               Welches Verhältnis Vater Gustav  und Sohn Alfried Krupp von Bohlen und Halbach zu den Machthabern und dem System des Dritten Reiches hatten, diese Frage zu beantworten, überließ Buchautorin Diana Maria Friz dem Historiker Golo Mann, der sich in einem Manuskript mit der Krupp-Familie auseinandergesetzt hatte, das bis zu diesem Zeitpunkt, 1990, unveröffentlicht geblieben war. Golo Mann zunächst über den Vater Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, der eigentlich schon im Hauptkriegsverbrecherprozeß vor dem Internationalen Militärgericht angeklagt werden sollte. Er war jedoch zu krank. Golo Mann schreibt:

 

Zitator 1:                                  Streng rechtlich gesinnt, konnte er es nicht verhindern, daß Nachrichten von den Rechtsbrüchen der ersten Monate, der willkürlichen Verhaftungen, Morde, Folterungen gerüchteweise in sein geschütztes Arbeitszimmer drangen. Es scheint, daß er darüber krank wurde, krank durch den Zwiespalt in seiner Seele: halb im Ernst, halb widerwillig und von heimlichen Zweifeln gequält, eine Macht bejahen zu müssen, die dergleichen tat. ... Der auf ihm lastende Druck wurde durch seine Frau nicht leichter gemacht; tief mißtraute Bertha Krupp dem neuen Regime. Mit dessen Oberherrn wünschte sie so wenig zu tun zu haben, daß sie bei dessen erstem Besuch auf dem Hügel sich mit Migräne entschuldigte und ihre älteste Tochter ihm die Honneurs machen ließ.

 

Sprecherin:                               Golo Mann ließ Sohn Alfried in seinem Aufsatz selber reden, um dessen Unbekümmertheit zu zeigen:

 

Zitator 1                                   Die Wirtschaft brauchte eine ruhige oder aufwärts steigende Entwicklung. Infolge des Kampfes zwischen den vielen deutschen Parteien und der Unordnung gab es keine Möglichkeit für aufbauende Tätigkeit. ... Wir hatten den Eindruck, daß Hitler uns solch eine gesunde Entwicklung bescheren würde. Tatsächlich hat er das getan. ... Wir Kruppianer haben uns nie viel um Ideen gekümmert. Wir wollten nur ein System, das gut funktionierte und das uns eine Gelegenheit gab, ungestört zu arbeiten. Politik ist nicht unsere Sache.

 

Sprecherin:                               Das sagte Alfried Krupp von Bohlen und Halbach  rückblickend 1947.

Ein System, das funktionierte, hatte er haben wollen. Es gipfelte im gnadenlos gut funktionierenden System der Zwangsarbeit, an dem sich auch Krupp beteiligte.  Aber im Prozeß wollte Alfried Krupp dafür keine Verantwortung übernehmen. Sein Verteidiger  Otto Kranzbühler sagte  in dem Chronos-Film „Industrie und Terror“ von Jost von Morr, der 1980 im WDR gesendet wurde:

 

 

Regie:                                      Take 3

Dieses Programm der Sklavenarbeit, der sogenannten Sklavenarbeit, muß man erst mal in den richtigen Größenordnungen sehen. Da die deutschen Männer im Kriege waren, wurde ein großer Teil der Arbeitsleistung im Kriege von Ausländern vollzogen, das waren Kriegsgefangene, freiwillige ausländische Arbeitskräfte, zwangsweise hereingeholte ausländische Arbeitskräfte und KZ-Häftlinge, insgesamt 5 Millionen. Krupp beschäftigte davon 1,5 Prozent, das zeigt schon, daß von irgendeiner Verantwortung für dieses Programm gar keine Rede sein kann.

 

 

 

Sprecherin:                               Die großen Stahlfirmen arbeiteten im Zweiten Weltkrieg ausschließlich für die Rüstung. Die vorgegebenen Produktionsziele erreichten sie durch den Einsatz von Zwangsarbeitern. Konnten sich die Leiter der Rüstungswerke überhaupt den Anordnungen der Hitler-Regierung widersetzen, ohne sich selbst zu gefährden?

Hauptankläger Telford Taylor sagte dazu 1980 in einem Interview:

 

 

Regie:                                      Take 4 (O-Ton, amerikanisch)

There certainly would have been measure of danger. How great it’s hard to say, there were some situations, where such people who opposed Hitler suffered and other situations they did not. But of course, in that respect they were in no different situation from lots of other people who were given unlawful orders and faced the dilemma of whether to risk something in order to obey the law or whether to give in.

 

 

Regie:                                      O-Ton bitte unter den folgenden Text ziehen

 

Zitator 3                                   Sicher wäre das riskant gewesen - wie sehr, ist schwer zu sagen. In manchen Situationen litten die Menschen, die Widerstand gegen Hitler leisteten, in anderen nicht. Aber natürlich waren die Industriellen dabei in keiner anderen Lage als viele andere Leute, denen rechtswidrige Befehle gegeben wurden und die sich vor der Entscheidung sahen, ob sie - um dem Gesetz zu gehorchen - etwas riskieren oder  nachgeben sollten. 

 

Regie:                                      bitte O-Ton wieder hochziehen:

                                               ...whether to give in.

 

 

Sprecherin:                               Von den Punkten I Und IV der Anklage - Führung eines Angriffskrieges und Verschwörung - waren die Angeklagten auf Antrag der Verteidigung schon während des Prozesses freigesprochen worden. Übrig blieben  Punkt II - Ausraubung -  und Punkt III - Zwangsarbeit. Wegen Ausraubung wurden sechs Angeklagte verurteilt, vier freigesprochen. Wegen der Ausbeutung von Zwangsarbeitern wurden alle für schuldig befunden, bis auf Karl Pfirsch, Direktoriums- und Vorstandsmitglied, Leiter der Berliner Niederlassung, Wehrwirtschaftsführer.

Das Gericht hielt Alfried von Bohlen und Halbach sowie 10 seiner Direktoren für schuldig, das Kriegsrecht verletzt zu haben, indem sie bereitwillig am Zwangsarbeitsprogramm teilnahmen und verantwortlich waren für entsetzliche Mißhandlungen der Gefangenen, Deportierten und Konzentrationslager-Insassen.

Der Einwand der Verteidigung, die Angeklagten hätten unter Zwang gestanden, wurde uneingeschränkt zurückgewiesen. Im Urteil heißt es:

 

Zitator 2:                                  Selbst wenn wir annehmen, daß Krupp als Ergebnis seiner Opposition gegen die Politik des Reiches die Aufsicht über seine Werke verloren hätte und seine Mitarbeiter ihre Stellungen, so ist es doch schwer, zu dem Schluß zu kommen, daß der Einwand des Zwanges eine für sie so günstige, für ihre unglücklichen Opfer aber so nachteilige Wahl gerechtfertigt hätte, wobei die Opfer ihrerseits keine Wahl hatten. Oder um den Rechtssatz zu gebrauchen: Das Mittel stand in völligem Mißverhältnis zum zugefügten Übel. In diesem Zusammenhang sollte auf die beachtliche juristische Meinung hingewiesen werden, daß Furcht vor Verlust des Eigentums nicht den Einwand des Zwanges rechtfertigen kann.

Die schlimmste zur Verteidigung angedeutete Möglichkeit war, daß Gustav Krupp und seine Direktoren nicht nur die Macht über die Werke verloren haben würden, sondern in ein Konzentrationslager gekommen wären, wenn sie sich geweigert hätten, die zur Erreichung der Produktionsquote notwendigen illegalen Maßnahmen anzuwenden.

Es muß  hierzu in aller Billigkeit gesagt werden, daß, von welchem Standpunkt das Beweismaterial auch angesehen wird, die Angeklagten im Konzentrationslager nicht in einer schlimmeren Lage gewesen wären als die Tausende von hilflosen Opfern, die sie selbst täglich den Gefahren des Todes und schwerer Körperschädigungen aussetzten, sowie den Luftangriffen auf ihre Waffenfabriken, den erzwungenen Diensten sowie den anderen Beleidigungen, denen sie unterworfen waren.

 

Sprecherin:                               Drei Angeklagte, darunter Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, wurden zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Einer wurde freigesprochen, die anderen erhielten Haftstrafen von zwei Jahren zehn Monaten beziehungsweise sechs, sieben, neun und zehn Jahren.

Am 31. Januar 1951, also zweieinhalb Jahre nach dem Urteil, wurden jedoch alle begnadigt und aus der Haft in der Festung Landsberg entlassen.

 

Zitator 1:                                  Das Gefühl, während des Prozesses sei nicht Recht gesprochen, sondern schlicht Rache an den Besiegten genommen worden, verließ Alfried nie.

 

Sprecherin:                               Heißt es im Buch von Diana Maria Friz.

Tatsächlich waren die Strafen relativ hoch ausgefallen, in beiden anderen Nürnberger Industriellen-Prozessen war das Strafmaß niedriger. Im Flickprozeß wurden höchstens 7 Jahre, im IG-Farben-Prozeß höchstens 8 Jahre Freiheitsstrafe verhängt.

     

 

Regie:                                      Take 5, Gerichtsatmo, amerikanischer O-Ton:

Military tribunal no. 3 is now in session. God save the United States of America and this honourable tribunal. There will be order in the Court.

Military Tribunal no. 6 will come to order. The Secretary General will call the roll of the defendants.

 

Regie:                                      den O-Ton bitte unter folgenden Text ziehen:

 

 

Sprecherin:                               Der IG-Farben-Prozeß begann im August 1947. Mit 23 Angeklagten war dies der größte der Industriellen-Prozesse in Nürnberg. 19 waren Mitglieder des Vorstandes der IG-Farben, vier weitere wichtige Beamte des Konzerns. Der Gerichtsmarschall ruft die Namen der Angeklagten auf.  

 

Regie:                                      den O-Ton bitte wieder hochziehen:

„Carl Krauch!“ - „Jawohl.“  -  „Hermann .. Hermann Schmitz!“  - Jawohl.“

„Georg von Schnitzler!“ - „Jawohl.“

 

 

Sprecherin:                               Neben Carl Krauch, Vorsitzender des Aufsichtsrats, Hermann Schmitz, Vorsitzender des Vorstandes und Georg von Schnitzler, Vorsitzender des Handels- und des Technischen Ausschusses, saßen 20 weitere Männer auf der Anklagebank:

 

Regie:                                      Bitte zügig und schnell hintereinander lesen las-  sen, eventuell Gerichtsatmo unterlegen

 

 

Zitator 3:                                  Otto Ambros

 

Zitator 2:                                  Ernst Bürgin

 

Zitator 3:                                  Heinrich Bütefisch

 

Zitator 2:                                  Walter Dürrfeld

 

Zitator 3:                                  Fritz Gajewski

 

Zitator 2:                                  Heinrich Gattineau

 

Zitator 3:                                  Paul Haefliger

 

Zitator 2:                                  Erich von der Heyde

 

Zitator 3:                                  Heinrich Hörlein

 

Zitator 2:                                  Max Ilgner

 

Zitator 3:                                  Friedrich Jähne

 

Zitator 2:                                  August von Knieriem

 

Zitator 3:                                  Hans Kühne

 

Zitator 2:                                  Hans Kugler

 

Zitator 3:                                  Carl Lautenschläger

 

Zitator 2:                                  Wilhelm Mann

 

Zitator 3:                                  Fritz Ter Meer

 

Zitator 2:                                  Heinrich Oster

 

Zitator 3:                                  Christian Schneider

 

Zitator 2:                                  Carl Wurster

 

 

Sprecherin:                                 Von den 23 Angeklagten wurden 11 freigesprochen. Die anderen erhielten Freiheitsstrafen, die zwischen eineinhalb und 8 Jahren lagen. Ein vergleichsweise mildes Urteil. Vor allem, wenn man bedenkt, daß die Vorwürfe gegen die IG-Farben die härtesten waren, die jemals gegen Industrielle erhoben wurden.

Hauptankläger Telford Taylor schreibt:

 

Zitator 3:                                  Nach der Auffassung der Anklagebehörde war das Beweismaterial gegen die IG-Farben-Angeklagten das schwerwiegendste, soweit Industrielle in Nürnberg als Angeklagte in Betracht kamen. Dies galt besonders für die Anklagepunkte Angriffskrieg und Verschwörung dazu; die Staatsanwaltschaft war überzeugt, ihr Material beweise, daß:

 

Zitator 1:                                  die Leiter von IG-Farben lange vor Hitlers Machtergreifung eine Diktatur wünschten, die „handeln“ konnte, ohne Rücksicht auf die Launen der Massen nehmen zu müssen.

 

Zitator 3:                                  Sie strebten die Beherrschung der gesamten europäischen chemischen Industrie an und wenn möglich auch außerhalb Europas.

 

Zitator 1:                                  Noch bevor Hitler die Macht an sich riß, hatten IG-Farben mit ihm Abmachungen für eine Regierungsunterstützung zur Ausdehnung ihrer Anlagen für synthetisches Gasolin abgeschlossen.

 

Zitator 3:                                  IG Farben unterstützte Hitlers Machtübernahme und die Festigung seiner Gewalt durch weitgehende finanzielle Zuwendungen und durch systematische Propaganda.

 

Zitator 1:                                  IG-Farbens Hauptangeklagter, Carl Krauch, war Görings direkter Berater und der führende Mann der gesamten chemischen Industrie.

 

Zitator 3:                                  Görings Vier-Jahres-Plan  war zu 75 Prozent ein Farbenprojekt.

 

Zitator 1:                                  Die Leiter der IG-Farben wußten infolge ihrer strategischen Position auf dem Gebiet der Produktion von Gummi, Benzin, Giftgas, daß die Wiederaufrüstung bei weitem jeden vorstellbaren Verteidigungszweck überstieg.

 

Zitator 3:                                  IG-Farbens Beratungen mit den militärischen und politischen Führern überstiegen bei weitem das Gebiet der technischen Angelegenheiten und waren äußerst aggressiv und in jeder Beziehung auf Krieg gerichtet.

 

Sprecherin:                               So überzeugt die Anklagebehörde von ihrem Beweismaterial auch war, das Gericht teilte ihre Auffassung nicht. Alle Angeklagten wurden von der Anklage der Verschwörung, der Planung und Durchführung von Angriffskriegen freigesprochen. Schon im Internationalen Militärtribunal sei ein strenger Maßstab für den Grad der Teilnahme sogar für diejenigen festgesetzt worden, die ihr Land in den Krieg gestürzt hatten, schrieben die Richter im Urteil.

 

Zitator 2:                                  Die Angeklagten, die jetzt vor uns stehen, waren weder Staatsbeamte in dem zivilen Sektor der Regierung noch hohe Offiziere. Ihre Teilnahme war dem Grade nach die von Mitläufern, nicht die von Führern. Wenn wir den Maßstab herabsetzen, der zur Feststellung der Teilnahme erforderlich ist, um auch die Personen einzuschließen, dann wird es schwierig, logisch die Stelle zu finden, wo die Grenzlinie zwischen den Schuldigen und den Unschuldigen in der großen Masse des deutschen Volkes gezogen werden kann. Es ist selbstverständlich undenkbar, daß die Mehrheit aller Deutschen verdammt werden soll mit der Begründung, daß sie Verbrechen gegen den Frieden begangen hätten. Das würde der Billigung des Begriffs der Kollektivschuld gleichkommen.

 

Regie:                                      Take 6 (O-Ton Gericht)  0.37“

Georg von Schnitzler! - Ja. - Defendant George von Schnitzler have you a counsel? - Jawohl. - Was the indictment in the german language served upon you at least 30 days ago? - Jawohl. - Have you had an opportunity to read the indictment? - Ja. - Have you read the indictment? - Ja. - (0,29 “)

 

Regie:                                      den O-Ton bitte unter den folgenden Text ziehen:

 

Sprecherin:                               Gleich zu Beginn der Verhandlung waren die Angeklagten einzeln aufgerufen und danach gefragt worden, ob sie anwaltlich vertreten sind, ob sie die Anklageschrift rechtzeitig und in deutscher Sprache erhalten haben, ob sie Gelegenheit hatten, sie zu lesen, ob sie sie auch gelesen haben. Schließlich die Frage, schuldig oder nicht schuldig?     (ca.  0,18 “)

 

Regie:                                      O-Ton bitte wieder hochziehen

Defendant Georg von Schnitzler, how do you plead to this indictment, guilty or not guilty?

„Nicht Schuldig.“ (0,08“)       

 

 

Sprecherin:                               Alle Angeklagten plädierten auf nicht schuldig. Auch der Hauptangeklagte, der Vorsitzende des Aufsichtsrates der IG-Farben, Carl Krauch:

 

Regie:                                      Take 7

Defendant Carl Krauch, how do you plead to this indictment, guilty or not guilty?

Nicht schuldig.

 

Sprecherin:                               Oder Hermann Schmitz:

 

Regie:                                      Take 8

Defendant Hermann Schmitz, how do you plead to this indictment, guilty oder not guilty?  - Auf keinen Fall schuldig.

 

 

Sprecherin:                               Carl Krauch, Georg von Schnitzler und Hermann Schmitz  gehörten aber zur Gruppe jener 12 Angeklagten im IG-Farben Prozeß, die verurteilt wurden: Georg von Schnitzler und Hermann Schmitz wegen Plünderung, Carl Krauch wegen Sklavenarbeit. Beide Straftatbestände wurden vom Militärtribunal als spezielle Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft.

Wie schon im Krupp-Prozeß war auch bei der IG-Farben der Vorwurf, am Zwangsarbeitsprogramm mitgewirkt zu haben, der wichtigste von den übrig gebliebenen Anklagepunkten.

Der Hauptangeklagte Carl Krauch war  Chemiker und Organisator, Vorstandsmitglied und Vorsitzender des Aufsichtsrats der IG-Farben. Unter anderem war er zuständig für den Einsatz der Zwangsarbeiter im Buna-Werk Monowitz in Polen, wo nach seinem Verfahren synthetischer Kautschuk, eben Buna, hergestellt werden sollte. Krauch ist wegen der Teilnahme an diesem Programm zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt worden.

 

In der US-amerikanischen Anklagebehörde bereitete Drexel Sprecher die Anklage in den Industrie-Prozessen vor, insbesondere im Fall IG-Farben. Sprecher sagte  im Interview für den Chronos-Film „Industrie und Terror“ von 1980:

 

 

Regie:                                        Take 9  (amerikanischer O-Ton)  1,08“

Farben more than doubled its size during the war years and Farben made a great deal of growth and profit from the employment of slave labour. Now if they had not bid so much through Krauch, who had a dual roll, Krauch was pleni-potentary for the government, for the chemistry industry, and in the Four-Year-Plan he had only one superior between himself and Göring. And Göring said in his interrogations: he never reported to me, so he must have reported to somebody else. In fact he could set the quotas similar it’s the leaders who set the quotas with the reins that German industrials rings of the large combines selling their own products.

Therefor it’s circular reasoning to say that a man like Krauch being head of the supervisory board of IG-Farben was forced to take slave labor. I will show you a document later on which I hope you will put on the camera which will show Krauch having the idea that Russian prisoners of war should first be employed by industry, the armaments industry.  

 

 

Regie:                                      O-Ton bitte unter den folgenden Text ziehen:

 

 

Zitator 3:                                  Die IG-Farben hat ihre Größe während der Kriegsjahre mehr als verdoppelt, und sie hat einen großen Teil ihres Wachstums und Profits durch die Beschäftigung von Sklavenarbeitern gewonnen. Krauch hatte eine doppelte Funktion: er war Bevollmächtigter der Regierung für die chemische Industrie, und im Vierjahresplan hatte er nur einen Vorgesetzten zwischen sich und Göring. In der Praxis konnte er die Erzeugungsquoten selber festsetzen. Es waren die Führer der deutschen Wirtschaftskartelle selber, die die Quoten für die Produkte festsetzten, die sie verkauften. Darum ist es eine verkehrte Logik zu sagen, daß ein Mann wie Krauch, Chef des Aufsichtsrats der IG-Farben, gezwungen gewesen wäre, Sklavenarbeiter zu nehmen. Ich werde Ihnen ein Dokument zeigen, aus dem hervorgeht, daß die Idee, russische Kriegsgefangene in der Rüstungsindustrie zu beschäftigen, von Krauch stammt.

 

Sprecherin:                               Das Dokument war ein Geheimschreiben an den Chef des Rüstungsamtes, General Thomas, in dem einer der Angeklagten erwähnt, daß „Professor Krauch einen Gedankengang über den Einsatz russischer Kriegsgefangener entwickelt“ habe. „Die Gedanken von Professor Krauch sind in der Anlage kurz skizziert.“

Wie verteidigten sich die Angeklagten gegenüber solchen Vorwürfen in Nürnberg?

Dr. Friedrich Silcher war in der IG-Farben Leiter der Zentralen Konzernrechtsabteilung in Berlin und enger Mitarbeiter des Vorstandsvorsitzenden und späteren Angeklagten Hermann Schmitz. In Nürnberg war er unter anderem Verteidiger für die IG als Unternehmen. Silcher nimmt Stellung im Chronos-Film „Industrie und Terror“:

 

Regie                                       Take 10

Dazu muß man vorweg mal wissen, daß es während des Krieges und natürlich mit der Dauer immer zunehmend, daß es da überhaupt keine Produktion und keine Errichtung neuer Werke und nichts gab, ohne Anordnung der staatlichen Stellen unter dem Gesichtspunkt der Rüstung und Rüstungswirtschaft und so weiter. Und man bekam also Produktionsauflagen und nur so konnte man bauen und nur so konnte man produzieren. Und dazu brauchte man dann Arbeitskräfte und die wurden wiederum von den Arbeitsämtern zugewiesen, der deutsche Arbeitsmarkt, der trocknete naturgemäß zunehmend aus, wurde alles eingezogen, wurde alles durchgekämmt, und so entstand allmählich das Prinzip, „Fremdarbeiter“ ins Land zu holen.

 

 

Sprecherin:                               Die Bedingungen für die Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen waren in der Regel katastrophal. Am schlimmsten traf es die an die Rüstungsbetriebe vermittelten KZ-Insassen.

Die Angeklagten Otto Ambros und Walter Dürrfeld erhielten im IG-Farben Prozeß die höchste Strafe: 8 Jahre Freiheitsentzug. Sie waren die Hauptverantwortlichen für das, was in Monowitz bei Auschwitz mit den Zwangsarbeitern geschah.

General Telford Taylor 1948 in Nürnberg:

 

Regie:                                      Take 11 (amerikanischer O-Ton)

In conquered Poland Ambros was shown a town where one of Himmler’s largest concentration camps hat just been built, the town was Oswiecym, known to the Germans as Auschwitz. Ambros found the site otherwise suitable and was particulary interested in the possibility of using the concentration camp inmates to erect a plant. All of which was supported by other defendants. They agreed an construction of the Farben Auschwitz plant was promptly undertaken. But how did Auschwitz during those yeas later be supported in some detail. Himmler or Preiss furnished the defendants with the miserable inmates of this camp. The slaves were directed to build the Buna factory.

 

 

Regie:                                      O-Ton zunächst frei stehen lassen, dann unter    folgenden Text ziehen:

 

 

Sprecher 3:                              Im eroberten Polen wurde dem hier angeklagten Ambros eine Stadt gezeigt, wo gerade eines von Himmlers größten Konzentrationslagern gebaut worden war: Oswiecym, den Deutschen als Auschwitz bekannt. Ambros war besonders an der Möglichkeit interessiert, die KZ-Insassen zu benutzen, um eine Fabrik zu errichten. Das alles wurde von den anderen Angeklagten unterstützt. Der Bau der IG-Farben Fabrik in Auschwitz wurde prompt durchgeführt. Himmler lieferte den Angeklagten die elenden Insassen des Lagers. Die Arbeitssklaven mußten die Buna-Fabrik bauen.

 

Regie:                                      O-Ton bitte wieder hochziehen.

                                               .... to build the Buna factory.

 

 

Sprecherin:                                 Nur wenige der damaligen Häftlinge überlebten die Zwangsarbeit. Einer von ihnen ist Adam König, er lebt heute in Berlin. Er war als 16jähriger aus seiner Heimatstadt Frankfurt am Main nach Sachsenhausen verschleppt worden.

 

Regie:                                      Take 12  (König)

Ich kam nach Monowitz im Oktober 1942, damals wurden alle jüdischen Gefangenen aus den KZs im Reichsgebiet nach Auschwitz deportiert. Ich kam damals aus Sachsenhausen mit ca. 400 anderen jüdischen Gefangenen. Ich war von 1939 bis 1942 in Sachsenhausen und am 22. Oktober 1942 wurden wir nach Auschwitz deportiert, waren drei Tage und drei Nächte in geschlossenen Güterwaggons unterwegs, kamen dort an, zunächst in das Stammlager. Dort wurden nach einigen Tagen, nach ‘ner knappen Woche Transporte zusammengestellt von arbeitsfähigen Häftlingen, die in der Nähe von Auschwitz auf dem Gelände der Gemeinde Monowitz ein Häftlingslager aufbauen sollten, das speziell dazu ausersehen war, für den IG-Farben Konzern Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen.

 

 

Sprecherin:                               Ein weiterer ehemaliger Häftling, der das Lager von Monowitz überlebte, heißt Hans Frankenthal. Er stammt aus Schmallenberg im Sauerland, wo er auch nach dem Krieg wieder lebte und arbeitete, heute wohnt er in Dortmund.

 

Regie:                                      Take 13 (Frankenthal)

Ich bin am 3. März 1943 nach Auschwitz gekommen mit einem Transport mit allen meinen Angehörigen. Wir wurden auf der Rampe ausselektiert, mein Bruder und ich, wir kamen dann von der Rampe von Birkenau von der Rampe in das neu erstellte und noch im Bau befindliche Konzentrationslager, was von IG-Farben gebaut worden ist.

Es gibt nun gerade, bei IG-Farben ist das besondere, daß das Konzentrationslager er selber, der IG-Farben-Konzern, erstellt hat. Man muß wissen, der Beginn war 1940 dieses IG-Farben Werkes Buna in Auschwitz. Die ersten Häftlinge kamen von Auschwitz 1 und mußten zu Fuß laufen. Das paßte dem IG-Farben-Konzern nicht. Dann wurde eine Kleinbahn gebaut, wurde eine Brücke gebaut über die Sola, und die Häftlinge wurden per Loren dahin transportiert. Dann gab es eine Übereinkunft zwischen dem Reichssicherheitshauptamt IV Eichmann und IG-Farben, daß neben dem Werk ein Konzentrationslager gebaut wurde. IG-Farben verlangte, ständig 10.000 Zwangsarbeiter zu bekommen, die er dann auch immer bekommen hat.

Das war Monowitz. Was noch unbedingt erwähnt werden muß, daß man dieses Konzentrationslager Monowitz in dem Dörfchen Monowitz gebaut hat. Man hat die Polen dort vertrieben, hat das Dorf abgerissen und ein Konzentrationslager dort gebaut. Das wissen die meisten nicht, und diese Polen sind bis zu dem heutigen Tage noch nicht entschädigt worden.

 

 

Sprecherin:                               Es gab auch weiterhin Verbindungen zu den anderen Lagern.

 

Regie:                                      Take 14 (Frankenthal)

Wir standen ständig mit den anderen Lagern in Verbindung, denn wir kriegten ja praktisch jeden Tag Neuzugänge. Das, was am Tage vorher gestorben war, oder umgekommen sind oder vor Erschöpfung zusammen gebrochen sind, wurden am nächsten Tag wieder aufgefüllt. Und vor allen Dingen die Funktionshäftlinge hatten immer wieder Verbindungen zu Auschwitz Iund zu Auschwitz II, Birkenau.

 

 

Sprecherin:                               Die  Direktoren hättenj sich nicht herausreden können, sie hätten von dem anderen Lager, Auschwitz-Birkenau,  nichts gewußt, meint Hans Frankenthal:

 

Regie:                                      Take 15 (Frankenthal)

Unter keinen Umständen. Denn die Direktoren sind ja mehrmals vom Kommandanten Höß eingeladen worden und sind bei ihm zu Gast gewesen. Und das Haus des Kommandanten Höß stand ja nur 50 Meter vom Konzentrationslager entfernt.

 

 

Sprecherin:                               Rudolf Höß, Erster Lagerkommandant des Konzentrationslagers Auschwitz, wurde 1947 in Polen vor Gericht gestellt und auf dem Lagergelände des Konzentrationslagers hingerichtet. In den Jahren seiner Gefangenschaft schrieb er seine Erinnerungen auf, außerdem sagte er im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß vor dem Internationalen Militärtribunal bereitwillig als Zeuge aus, merkwürdigerweise als Zeuge der Verteidigung.

So sagte er über den späteren Angeklagten IG-Farben Direktor Walter Dürrfeld:

 

Zitator 1:                                  Er war vorläufiger Leiter von Buna in Auschwitz bis zur Fertigstellung des Betriebes. Ihm waren alle Angelegenheiten in Bezug auf Verwaltung, Bau und Maschinerie unterstellt. Er besuchte auch das Lager Auschwitz selbst. Er wußte von der Vergasung von Menschen in Birkenau und war besorgt wegen der Weise, in der er diese schrecklichen Dinge seinen Mitarbeitern und Untergebenen erklären sollte. Dr. Dürrfeld, gerade so wie andere Betriebsdirektoren, war verantwortlich für die schlechte Behandlung der Insassen in demselben Maße, wie ich als Kommandant des Konzentrationslagers für die Ausschreitungen des letzten Unteroffiziers verantwortlich gewesen war.

 

Sprecherin:                               Dürrfeld wurde in Nürnberg zu 8 Jahren Haft verurteilt.

Über Otto Ambros sagte Zeuge Rudolf Höß:

 

Zitator 1:                                  Er besuchte das Lager in Auschwitz während meiner Zeit 2- oder 3 mal. Ich sah ihn verschiedene Male im Buna-Betrieb Auschwitz.

Ich nehme bestimmt an, daß Dr. Ambros sowohl wie alle anderen Besucher des Auschwitzer Lagers über die Vernichtung von Menschenleben in Birkenau Bescheid wußte, da in der Stadt Auschwitz, den Bunawerken und der restlichen Umgebung des Auschwitzer Lagers von den Ausrottungen ganz allgemein gesprochen wurde.

 

Sprecherin:                                 Die Aussagen von Rudolf Höß im Hauptkriegsverbrecherprozeß waren für die Verteidigung verheerend.

Joseph Borkin, der an der Vorbereitung der Anklage gegen die IG-Farben beteiligt war, schrieb in seinem 1979 erschienenen Buch „Die unheilige Allianz der I.G. Farben“:

 

Zitator 3:                                  Ein ebenso erfolgloser Vorstoß der Verteidigung war der Versuch, nachzuweisen, daß die Angeklagten nicht wußten, was in Auschwitz passierte. Die Anklagevertretung bewies, daß während der dreieinhalbjährigen Existenz der IG Auschwitz Ambros die Anlagen achtzehnmal besuchte, Bütefisch siebenmal, Jähne und Ter Meer jeweils zweimal und Krauch, Knieriem und Schneider je einmal. Dürrfeld wohnte während der ganzen Zeit auf dem Firmengelände. Außerdem wurden sowohl das Direktorium als auch die Bauleitung laufend mit Berichten versorgt, die über sämtliche Gruppen von Arbeitern genau Rechenschaft ablegten.

 (...) Niemand, der Auschwitz besuchte, konnte übersehen, daß seine wahre Funktion die eines Vernichtungszentrums war. Der Geruch des Todes aus seinen Schornsteinen verpestete die Luft im Umkreis von mehreren Kilometern. Die Versuche, die Situation als gut und sauber zu beschreiben, konnte man nur als lachhaft bezeichnen.

 

Sprecherin:                               Mehr Erfolg hatte die Verteidigung mit der Strategie, daß sich die Angeklagten auf einen Notstand zu beriefen. Als Zeugen benannte sie Feldmarschall Erhard Milch, der selbst wegen Beteiligung am Zwangsarbeitsprogramm zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. Über seine Zeugenaussage schreibt  Joseph Borkin:

 

Zitator 3:                                  Man befragte ihn über die Konsequenzen, mit denen ein deutscher Industrieller zu rechnen gehabt hätte, falls er sich geweigert hätte, Lagerhäftlinge oder Kriegsgefangene zu beschäftigen, die ihm für die Rüstungsproduktion zugeteilt worden waren. Milch antwortete, daß man diesen Industriellen sofort unter Arrest und dann wegen Unterminierung des Kampfgeistes vor den Volksgerichtshof gestellt hätte, was normalerweise das Todesurteil bedeutete.

 

Sprecherin:                               Im Urteil heißt es unter der Überschrift „Notstand als Entschuldigungsgrund“:

 

Zitator 2:                                  Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Weigerung eines leitenden Angestellten der I.G., die vom Reich festgesetzten Produktionsprogramme zu erfüllen oder für die Erfüllung Sklavenarbeiter zu verwenden, eine Herausforderung bedeutet hätte, die als hochverräterische Sabotage behandelt worden wäre und sofort harte Vergeltungsmaßnahmen im Gefolge gehabt hätte. Es ist sogar glaubhaft bewiesen, daß Hitler die Gelegenheit, an einer führenden Persönlichkeit der I.G. ein Exempel zu statuieren, freudig begrüßt hätte.

 

Sprecherin:                               In diesem Punkt kam das Gericht im IG-Farben-Prozeß zu einem völlig anderen Ergebnis als das Gericht im Parallelverfahren gegen Krupp: Im Krupp-Prozeß ließen die amerikanischen Richter Zwang als Entschuldigungsgrund nicht gelten.

Auch der ehemalige Zwangsarbeiter Hans Frankenthal kann sich nicht vorstellen, daß die Industrie damals ernsthaft etwas zu befürchten gehabt hätte:

 

Regie:                                      Take 16 (Frankenthal)

Es gibt da Beispiele. Die Firmen haben nicht unter Druck gestanden. Und zwar bei dem Jubiläum von Siemens vor einem halben Jahr in Berlin besaß Siemens sogar die Frechheit, zu sagen, sie hätten diese Arbeiter nicht angefordert, sondern sie wären ihnen aufgezwungen worden. Das ist nicht wahr. Es gibt genug Beweise, wie immer wieder Firmen an das Reichssicherheitshauptamt IV und V Arbeitskräfte anforderten. Nachher, wo die Arbeitskräfte hier im Reich weniger wurden, verlangten ja auch die Betriebe zum Beispiel bei Dortmund nah bei, bei Gelsenberg in Gelsenkirchen gab es ungarische jüdische Zwangsarbeiter, in Lippstadt bei der Lippstädter Metall- und Eisenbahnfabrik gab es Zwangsarbeiter. Die sind immer wieder angefordert worden. Also das ist ein Behauptung, die darf nicht so stehen bleiben. Denn billiger konnte man ja nicht an Arbeitskräfte kommen. Ein KZ-Häftling kostete, wenn er nicht Facharbeiter war, 3 Mark, und die Facharbeiter 4 Mark. Sie sind ja an Gewinne gekommen, die unbeschreiblich sind.

 

 

Sprecherin:                               Die Bedingungen im Lager Monowitz waren verheerend. Das amerikanische  Militärtribunal schrieb in der Urteilsbegründung:

 

Zitator 2:                                  Die Arbeitsunfähigen oder diejenigen, die sich der Disziplin nicht unterwarfen, wurden in das Konzentrationslager Auschwitz zurückgeschickt oder, was weit öfter der Fall war, nach Birkenau, um in den dortigen Gaskammern liquidiert zu werden. Selbst in Monowitz waren die Unterkünfte zu gewissen Zeiten unzureichend, um die große Zahl der in den barackenartigen Gebäuden zusammengepreßten Arbeiter angemessen unterzubringen. Die Ernährung war ungenügend und das gleiche galt für die Bekleidung, besonders im Winter.

Fälle von menschenunwürdiger Behandlung kamen auch auf der Baustelle vor. Hin und wieder wurden die Arbeiter vom Werkschutz und den Vorarbeitern geschlagen, die die Gefangenen während der Arbeitszeit zu beaufsichtigen hatten. Manchmal kam es vor, daß Arbeiter zusammenbrachen. Zweifellos war ihre Unterernährung und die durch lange und schwere Arbeitsstunden hervorgerufene Erschöpfung der Hauptgrund für diese Vorfälle. Gerüchte über die Aussonderung aus der Zahl der Arbeitsunfähigen für den Gastod liefen um.  Es steht außer Zweifel, daß die Furcht vor diesem Schicksal viele Arbeiter und insbesondere Juden dazu gebracht hat, die Arbeit bis zur völligen Erschöpfung fortzusetzen. (...)

Die von dem Konzentrationslager Auschwitz zur Verfügung gestellten Arbeiter lebten und arbeiteten unter dem Schatten der Liquidierung.

Die Verteidigung hat nicht ganz ohne Grund betont, daß die Konzentrationslagerhäftlinge unter dem Befehl der SS gelebt und unter der unmittelbaren Aufsicht und Leitung der mit der Ausschlachtung der Baustelle und dem Bau des Betriebes beauftragten Firmen (es waren mindestens 200) gearbeitet hätten. Es ist klar erwiesen, daß die I.G. eine menschenunwürdige Behandlung der Arbeiter nicht beabsichtigt oder vorsätzlich gefördert hat. Tatsächlich hat die I.G. sogar Schritte unternommen, um die Lage der Arbeiter zu erleichtern. Freiwillig und auf eigene Kosten hat die I.G. den Arbeitern auf der  Baustelle eine heiße Mittagssuppe verabreicht. Diese war ein Zusatz zu den üblichen Rationen.

 

Sprecherin:                               Hans Frankenthal:

 

Regie:                                      Take 17

Das stimmt, aber dieser ein Liter Wassersuppe war keine Suppe, um am Leben zu bleiben.

Bei der sogenannten Buna-Suppe gab es noch Abstufungen, es gab einige Kommandos, die die nicht bekamen, aber was ich als das schlimmste, was ich damals feststellen mußte, daß man von den Meistern aus uns eine halbe Stunde Zeit ließ, diese Suppe zu essen, auch das wurde von IG-Farben verboten, uns wurde gesagt, die Suppe muß gegessen werden, es muß sofort wieder angefangen werden zu arbeiten. Man nahm uns selbst diese 30 Minuten Pause weg.

 

 

Sprecherin:                               Daß die Verantwortlichen der IG-Farben „Schritte unternommen“ hätten, „um die Lage der Arbeiter zu erleichtern“, wie es im Urteil heißt, konnte auch der ehemalige Zwangsarbeiter Adam König damals nicht feststellen.

 

 

Regie:                                      Take 18

Ich habe des öfteren mit Angestellten, Meistern, Angestellten des IG-Farben Konzerns sprechen können. Ich habe keine Gelegenheit gehabt, mit denjenigen, die die Politik bestimmten, das ist klar, und hab mitunter den Eindruck gewonnen, daß die Meister große Gewissensbisse haben, weil sie ja wußten, was in der Nachbarschaft von Monowitz, also in Auschwitz-Birkenau vor sich ging. Und sie wußten auch, daß diejenigen, die nicht mehr arbeitsfähig waren in Monowitz, daß die selektiert wurden, um in der Nachbarschaft in Auschwitz-Birkenau industriemäßig vergiftet zu werden.

Aber was diese Konzernleitung anbetrifft, die diese Bestimmungen für den Aufenthalt der Gefangenen in Monowitz festgelegt hat, kann man nicht sagen, oder gibt es für meine Begriffe keinen Beweis dafür, daß sie sich dafür eingesetzt hätten, daß die Menschen, die Arbeitskräfte, die bei ihnen gearbeitet haben, ihre Arbeitskräfte, unter menschenwürdigen Bedingungen ihre Arbeitskraft reproduzieren konnten. Sonst wären ja nicht 30.000 an Unterernährung und Überarbeitung gestorben oder umgebracht worden.

Sie haben ja gesehen, unter welchen Bedingungen die Leute arbeiten mußten, wohnen mußten, zu Grunde gingen, unter welchen Bedingungen sie zu Grunde gingen, sie hätten ja dagegen Einspruch erheben können. Sie hätten ja sagen können, wir machen mit Euch einen Vertrag, ihr leiht uns die Arbeitskräfte, unter der Bedingung, daß ein Minimum an Menschenwürde und Menschlichkeit gewahrt bleiben muß. Aber solche Forderungen gab es nicht. Das konnte es auch nicht geben, weil die meisten führenden Leute aktive Mitglieder der NSDAP waren.

 

 

Sprecherin:                               So die Ansicht des ehemaligen Zwangsarbeiters Adam König.

Der Publizist Otto Köhler hat in seinem Buch über die Geschichte der IG-Farben - „... und heute die ganze Welt“ - eine Szene beschrieben, in der IG-Vorstandsmitglied Otto Ambros zusammen mit seinem Aufsichtsratschef Carl Krauch, seinen beiden Vorstandskollegen Fritz ter Meer und Heinrich Bütefisch sowie dem örtlichen IG-Direktor Walter Dürrfeld durch das Gelände gingen.

 

Zitator 1:                                  Da kamen ihnen ihre beiden jüdischen Mitbürger Dr. Fritz Löhner-Beda und Dr. Raymond van den Straaten entgegen, die zur Betriebsfamilie der IG Farben gehörten und sich gerade auf dem Weg zur Arbeit befanden. Einer der IG-Direktoren streckte die Hand zu Dr. Löhner-Beda aus und sagte zu seinem SS-Begleiter: „Diese Judensau könnte auch rascher arbeiten.“

Worauf ein anderer von den fünf IG-Direktoren bemerkte: „Wenn die nicht mehr arbeiten können, sollen sie in der Gaskammer verrecken.“

Nach der Inspektion durch die Fünf vom Rat der Götter wurde Dr. Löhner-Beda von den Bewachern aus seinem Arbeitskommando herausgeholt, so geschlagen und getreten, daß er sich nur noch mühsam in die Baracke zurückschleppen konnte und starb.

Dr. van Straaten, der das bezeugte, gab nicht an, wer von den fünf IG-Direktoren damals in Auschwitz diese Äußerungen machte: Otto Ambros, Heinrich Bütefisch, Walter Dürrfeld, Carl Krauch oder Fritz ter Meer?

Wir wissen nicht, wem von den Fünfen wir den morddienlichen Hinweis am ehesten zutrauen müssen, und schon gar nicht, wem wir es am wenigsten zutrauen könnten. Alle waren dabei.

 

Sprecherin:                               Nur diese fünf wurden in Nürnberg wegen der Teilnahme am Zwangsarbeitsprogramm verurteilt:

Otto Ambros zu acht Jahren Freiheitsstrafe,  Heinrich Bütefisch zu sechs, Walter Dürrfeld zu acht, Carl Krauch zu sechs und Fritz ter Meer zu 7 Jahren. Sie alle waren in Auschwitz und in Monowitz gewesen. Die anderen Vorstandsmitglieder wurden in diesem Punkt freigesprochen. Sieben wurden wegen Plünderung verurteilt, Fritz ter Meer wurde in beiden Punkten für schuldig befunden.

Einer der Richter hatte eine andere Auffassung von der Verantwortlichkeit der IG-Farben-Manager. Richter Paul Hebert  schrieb  in seiner „abweichenden Meinung“:

 

Zitator 2:                                  Das Beweismaterial hat klar ergeben, daß die Angeklagten nicht, wie sie behaupten, tatsächlich nur aus Zwang und unter dem Druck der bestehenden Regierungsverordnungen und Anweisungen Zwangsarbeiter beschäftigt haben; eine Tatsache, die als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Falle von nicht deutschen Staatsangehörigen anzusehen ist. Die Gerichtsverhandlung hat keinerlei glaubwürdige und wesentliche Beweise dafür ergeben, daß irgendeiner der Angeklagten wirklich hinsichtlich dieser Lösung des Arbeitsmarktproblems durch die Regierung, die sich in den Bestimmungen spiegelte, entgegengesetzter Meinung war. Im Gegenteil, die Verhandlung hat ergeben, daß die IG-Farben ihre Mitarbeit zur Verfügung stellten und jede sich neu ergebende Quelle an Arbeitskräften gern verwandte. Diese Angeklagten ließen sich in ihrer Mißachtung der grundlegenden Menschenrechte durch nichts hindern... Die gesamte Organisation von IG-Farben war in ihrer Politik vom Geist der Zusammenarbeit mit dem Dritten Reich hinsichtlich der Ausnützung der Zwangsarbeiter durchdrungen. Der Vorstand war für diese Politik verantwortlich. Aus diesem  Grunde kann die strafrechtliche Verantwortlichkeit nicht nur auf die direkt an Auschwitz Beteiligten beschränkt werden. Sie schließt weitere Farben-Vorstandsmitglieder und -Fabrikleiter ein und umfaßt auch jene, die wissentlich an der Schaffung dieser Gesamtpolitik teilnahmen. Auf Grund des Beweismaterials bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß alle Mitglieder des Vorstandes die Verantwortlichkeit für die Annahme dieser Politik teilen, obwohl verschiedene Grade der unmittelbaren Beziehung bei den verschiedenen Angeklagten festzustellen sind.

 

Sprecherin:                               Auch im Krupp-Prozeß waren sich die Mitglieder des Militärtribunals nicht einig gewesen. Hier hielt einer der Richter die Strafen für zu hoch.

Ob zu milde oder zu streng geurteilt wurde, kann dahingestellt bleiben. Denn: auch die verurteilten Industriellen mußten ihre Strafen nicht vollständig verbüßen.  Anfang der 50er Jahre waren alle aus der Haft entlassen. Viele machten wieder im Industrie-Management Karriere.

Hans Frankenthal:

 

Regie:                                      Take 19

Was noch das allerschlimmste war, diese Direktoren sind alle wieder in Direktorensessel nachher ‘reingekommen, es war einer, ich kann’s jetzt nicht sagen, ob’s Bütefisch war oder wer es war, ist ja auch zum Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen worden. Aufgrund unserer Proteste wurde dieses Bundesverdienstkreuz wieder zurückgezogen.

 

 

Sprecherin:                               Heinrich Bütefisch, SS-Obersturmführer, Wehrwirtschaftsführer, Mitglied des „Freundeskreises Reichsführer SS“, 1948 wegen „Versklavung“ zu sechs Jahren Haft verurteilt, 1951 bereits entlassen, wurde 1952 Aufsichtsratsmitglied der Ruhr-Chemie, Kohle-Öl-Chemie und anderer Firmen. 1964 bekam er das Große Verdienstkreuz, erst aufgrund heftiger Proteste wurde es ihm im selben Jahr wieder abgenommen.

Auch der zu 8 Jahren Haft verurteilte Otto Ambros wurde bereits 1952, nach vier Jahren, wieder entlassen. Kurze Zeit später fand man ihn als Mitglied zahlreicher Aufsichtsräte. 1982 sagte er einem Reporter des San Francisco Chronicle auf die Frage, was er denn im Krieg getan habe: „Das ist doch schon so lange her. Es hatte mit Juden zu tun. Wir denken darüber nicht mehr nach.“

Auch Fritz ter Meer, zu sieben Jahren verurteilt, machte schnell wieder Karriere: Er wurde unter anderem  Aufsichtsratsvorsitzender bei Bayer. Sein Kommentar zur Zwangsarbeit in Monowitz:

 

Zitator 1:                                  „Den Häftlingen ist dadurch kein besonderes Leid zugefügt worden, da man sie ohnedies getötet hätte.“

 

Sprecherin:                               Der Wille der Amerikaner, die Hauptverantwortlichen des NS-Regimes hart zu bestrafen, ließ Ende der 40er Jahre stark nach. Den Stimmungsumschwung 1948/49 und seine juristischen Folgen verdeutlicht eine Episode bei den Nürnberger Prozessen.

Damals fand der noch junge Journalist Gerhard Leo heraus, daß in das IG-Farben Werk  Leverkusen auch Kinder zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren.

Leo, der schon 1933, noch ein Kind, mit seiner Familie Deutschland verlassen mußte und in Frankreich Zuflucht fand, war während des Krieges als junger Mann in der Résistance aktiv. Nach Deutschland zurückgekehrt arbeitete er zunächst in Düsseldorf. Im Winter 1947 bekam er durch einen Leser, der im Arbeitsamt Opladen arbeitete,  Hinweise darauf, daß Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren im IG-Farben Betrieb in Leverkusen beschäftigt worden waren.

Gerhard Leo, der heute als Publizist in Berlin lebt:

 

Regie:                                      Take 20  (Leo)

Tatsächlich hat der I.G.-Farben-Konzern Hunderte von russischen und von polnischen Kindern beschäftigt, meistens waren sie ohne Eltern da, andere waren zusammen mit ihren Eltern deportiert worden, und die arbeiteten dort beim Reinigen von Gefäßen in der Chemie-Industrie, also eine gesundheitsschädigende Arbeit, bekamen sehr wenig zu essen, sie lebten unter schlechten sanitären Verhältnissen. Eine Reihe von ihnen sind gestorben, es gab damals extra einen kleinen Kinder-Friedhof auf dem allgemeinen Friedhof in Leverkusen, und ich bin ihren Arbeitsbedingungen nachgegangen, habe Zeugenaussagen eingeholt von IG-Farben-Angestellten, die sich noch erinnern konnten daran.

 

 

Sprecherin:                               Auf Leos  Artikel, der unter anderem in der Berliner Frauenzeitschrift „Für Dich“ erschien,  wurde der Nürnberger Chefankläger Telford Taylor aufmerksam. Gerhard Leo  wurde nach Nürnberg zitiert und sollte dort als Zeuge im IG-Farben-Prozeß aussagen.

Die journalistische Recherche wurde nachvollzogen und juristisch wasserdicht gemacht. So wurden im Keller des Arbeitsamtes Opladen Arbeitsbücher von 6-12jährigen Kindern beschlagnahmt. „Sklavenarbeit für Kinder im IG-Farbenwerk Leverkusen“ - so sollte der neue Anklagepunkt im Nürnberger Prozeß heißen.

Dazu kam es jedoch nicht mehr. Gerhard Leo erinnert sich:

 

Regie:                                      Take 21

Eines Tages, das war schon im Spätsommer 1948, empfingen mich meine amerikanischen Partner sehr betreten und sagten mir, sie hätten neue Instruktionen aus Washington bekommen, die die bisherigen Befehle für die Nachfolgeprozesse völlig veränderten. Und zwar sollte man die Urteile so abfassen und so gestalten, daß eine Zusammenarbeit zwischen diesen Konzernen oder auch den Generalen für die Zukunft eben nicht ausgeschlossen sei. Und sie sagten mir, daß die Bildung einer Regierung in Westdeutschland sei vorgesehen, das sei schon alles beschlossen, und natürlich würde man sich auch auf Kräfte stützen müssen, die in Nürnberg verurteilt worden seien oder noch verurteilt würden.

 

 

Sprecherin:                               Für die amerikanischen Ankläger war das ein herber Schlag.

 

Regie:                                      Take 22 (Leo)

Sie waren außerordentlich betroffen davon. Ihre Hoffnungen, daß sie hier ein großes geschichtliches Werk machen könnten, die sahen sie zerbrochen, aber ich habe sie eigentlich ein bißchen aufgerichtet, soweit ich das konnte. Ich habe gesagt, aber hört mal zu, was ihr gesammelt habt an Anklagepunkten und an Beweisen, das bleibt bestehen. Und das Urteil ist ja nicht so wichtig wie die Wahrheit, die ihr herausgefunden habt. Und die wird noch in Generationen wird sie die Leute bewegen und auch vielleicht ihr Handeln beeinflussen.

 

 

Sprecherin:                               Vor allem aus Kirchenkreisen wurde heftige Kritik an den Nürnberger Nachfolgeprozessen geübt. Hanns Lilje, Bischof der Landeskirche Hannover, der größten lutherischen Landeskirche Deutschlands, forderte 1949 einen Schlußstrich:

 

Zitator 1:                                  Der Augenblick ist gekommen, mit der Liquidation unserer Vergangenheit zu einem wirklichen Abschluß zu kommen. Ich spreche nicht von der wichtigsten psychologischen Erkenntnis, daß es vier Jahre nach dem Abschluß des Krieges keinen rechten Sinn mehr hat, noch immer nach Vergeltung zu rufen. ... Wir haben von Gott eine Frist bekommen für die Klärung unserer eigenen Vergangenheit. Nach menschlichem Urteil ist diese Frist vorbei. ... Es kann ein tiefes Verständnis des Glaubens der Christen an die Vergebung der Sünden sein, wenn sich unsere Blicke von der Vergangenheit abwenden und entschlossen in die Zukunft richten.

 

Autorin:                                    Der evangelische Bischof Lilje 1949.

Dem wachsenden deutschen Druck gaben die Amerikaner mit der frühzeitigen Begnadigung der Verurteilten nach. Ungelöst blieb damit auch das Problem der Entschädigung für die Zwangsarbeiter. Die Zwangsarbeiter aus osteuropäischen Ländern haben selbst 50 Jahre nach Kriegsende keinen Pfennig Entschädigung erhalten.

Der IG Farben Konzern, so wollten es damals die Alliierten, wurde aufgelöst. Die drei größten Einzelfirmen, die aus der Entflechtung hervorgingen, sind Hoechst, Bayer und BASF.  Der ehemalige Zwangsarbeiter Adam König:

 

Regie:                                      Take 23

Wir haben eine Situation, wo die IG-Farben in Abwicklung, die 1955 gegründet wurde, um bestehende Eigentumsverhältnisse, Eigentumsfragen zu lösen, daß sie ihren eigenen Vorstandsmitgliedern jährlich 30 Millionen Mark an Pensionen zahlen und sich verpflichtet haben, einmalig 30 Millionen Mark für die Zwangsarbeiter zur Verfügung zu stellen, aber dabei wurden die Osteuropäer völlig ausgenommen, mit der Begründung, sie hätten keine diplomatischen Beziehungen mit ihnen oder es sei noch kein Friedensvertrag geschlossen, so daß wir also eine Situation haben, eine anachronistische Situation, indem diejenigen, die Unrecht getan  haben an anderen, darüber bestimmen können, wem sie etwas bezahlen und wem nicht. Also das ist ein Riesenmangel in der Urteilssprechung der Alliierten, daß man sie entlassen hat, sie wurden ja bis 1955 kontrolliert vom Alliierten Kontrollrat, daß man sie aus der Verantwortung entlassen hat, dafür zu sorgen, daß die Zwangsarbeiter, die für ihre Profite gesorgt haben, Profit gearbeitet haben, daß sie entschädigt werden.

 

 

Sprecherin:                               Hans Frankenthal gehört zu denen, die von den IG-Farben in den 50er Jahren eine Entschädigung erhalten haben.

 

Regie:                                      Take 24

Wer weniger wie sechs Monate bei IG-Farben gearbeitet hat, bekam 2500 Mark, die länger wie sechs Monate bei IG-Farben gearbeitet haben, bekamen 5000 Mark. Mein Bruder und ich haben diese Höchstsumme bekommen. Aber da konnte man schon bei diesem Vergleich merken, es hat kaum Menschen gegeben, die länger wie sechs Monate bei IG-Farben gearbeitet haben, dann waren sie schon erschöpft und sind in den Gaskammern gelandet. Und deshalb gab man uns, die wenigen, die über sechs Monate bei IG-Farben gearbeitet haben, 5000 Mark. Und darauf beruft sich immer die IG-Farben in Abwicklung, wir hätten ja schon unser Geld bekommen, kann man nicht akzeptieren, ich habe über zwei Jahre bei IG-Farben gearbeitet und das für 5000 Mark und meine Gesundheit geopfert. Ich bin mit Knochentuberkulose und Tuberkulose wieder nach Hause gekommen, alles das habe ich mir bei IG-Farben eingehandelt.

Der größte Witz waren ja erstmal die Fragebögen, die man uns zuschickte, in deutsch, in englisch und in hebräisch, weil es ja auch in Israel einige Überlebende gab. Und wir mußten alle drei Zeugen benennen, die mit uns in Auschwitz bei IG-Farben gearbeitet hatten. Die Nummern, die wir auf unseren Armen hatten, die uns eintätowiert worden sind, erkannten sie nicht an. Wir mußten drei Überlebende namhaft machen, die bezeugten, daß wir bei IG-Farben gearbeitet haben.

 

 

 

Sprecherin:                               Von der Bundesregierung erhielten die überlebenden KZ-Häftlinge 5 Mark pro Hafttag, das sind 150 Mark pro erlittenen Haftmonat. Die Überlebenden aus Osteuropa erhielten nichts.

 

 

Regie:                                      Take 25 (Frankenthal)

Wir werden immer weniger. Das ist ja das, wo sich die Bundesrepublik so gut wie die Betriebe, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben, die verlassen sich darauf, je länger wir es hinziehen, je länger wir es verzögern, je weniger brauchen wir zu entschädigen. Denn das regelt die Natur automatisch, wir sterben langsam weg.

 

 

Sprecherin:                               Hans Frankenthal ist im Auschwitz-Komitee aktiv und seit 1989 bei den sogenannten „Kritischen Aktionären“ der „IG-Farben in Auflösung“. Mit dem Erwerb von Aktien haben sich die Kritiker das Recht verschafft, auf den Aktionärsversammlungen auftreten zu können.

 

Regie:                                      Take 26

Auf den Aktionärsversammlungen ist immer das, was wir verlangen: wir verlangen von IG-Farben in Abwicklung, das Vermögen, was am Tage der Abwicklung vorhanden war. Wir wollen dieses Geld in eine Stiftung einbringen und den Erhalt der Konzentrationslager Auschwitz und für Überlebende, die sich in großer Not befinden. Und die gibt es reichlich, vor allen Dingen in Amerika und in Israel. Denn die Bundesrepublik hat es bis heute noch nicht für nötig gehalten, um die Folgeschäden zu vergüten. Denn es ist an mehreren Namen zu beweisen, einen möchte ich hier sagen, Primo Levi, ein italienischer Jude, der auch in Auschwitz bei IG-Farben gearbeitet hat, der sehr gute Bücher geschrieben hat, denn wir müssen alle über dieses Thema sprechen, sonst landen wir im Irrenhaus. Selbst das viele Schreiben, was er getan hat, hat nichts geholfen, er hat sich vor zehn Jahren das Leben genommen. Das ist in uns noch drin, wir werden IG-Farben in Auschwitz nie wieder los.

 

 

***