DeutschlandRadio Berlin

Wortspiel

19. November 1998, 19.05 Uhr

 

Vor 50 Jahren:

Der Wilhelmstraßenprozeß

Ehemalige Diplomaten und Beamte des Auswärtigen Amtes

in Nürnberg vor Gericht

 

Dokumentation

von

Annette Wilmes 

 

Redaktion: Winfried Sträter

 

 

Besetzung:

Sprecherin:                               Erzählerin und Kommentatorin

Zitator 1                                   Zitate aus Presse und Literatur

Zitator 2                                   Zitate des Gerichts

Zitator 3                                   Zitate der Ankläger

Zitator 1:                                  Der ehemalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Ernst Freiherr von Weizsäcker, wurde am Freitag, aus Lindau kommend, in das Nürnberger Gerichtsgefängnis eingeliefert. Weizsäcker wird im kommenden Prozeß gegen hohe Beamte des ehemaligen Auswärtigen Amtes einer der Hauptangeklagten sein. Er wurde vom amerikanischen Hauptankläger, General Taylor, von der französischen Militärregierung für Deutschland angefordert.

 

Sprecherin:                               Das schrieb der „Telegraf“ am 25. Juli 1947. Weiter heißt es in dem Blatt, das in der britischen Zone Berlins erschien:

 

Zitator 1:                                  Weizsäcker war bereits vor zwei Monaten in Nürnberg, wo er vom amerikanischen Ankläger im kommenden Prozeß gegen das ehemalige Reichsaußenministerium, Professor Robert M. W. Kempner, verhört wurde. Damals hatte er jegliche Kenntnis der Vorgänge in den Konzentrationslagern und der Behandlung von polnischen Priestern abgestritten, ebenso wie er angeblich nichts von der Abschiebung der Juden nach dem Osten wußte. Aus inzwischen von amerikanischen und anderen alliierten Behörden aufgefundenem Beweismaterial geht jedoch hervor, daß Weizsäcker persönlich an der Deportierung von Juden nach den Balkanländern und in die Gaskammern von Auschwitz beteiligt war.

 

Sprecherin:                               Ein Briefwechsel 1942. Korrespondenz zwischen dem Chef der Sicherheitspolizei und dem Auswärtigen Amt. Am 9. März 1942 teilt Adolf Eichmann mit,  1000 französische und staatenlose Juden, die in Frankreich 1941 verhaftet worden sind, sollen nach Auschwitz transportiert werden. Er fragt, ob dagegen Bedenken vorlägen. Am 11. März schreibt die SS wieder an das Auswärtige Amt, es sollen weitere 5000 Juden aus Frankreich in den Transport hineingenommen werden. Am 20. März kommt die Antwort: Das Auswärtige Amt erhebt keine Bedenken gegen die Deportation von insgesamt 6000 Juden. Dieser Brief trägt unter anderem Weizsäckers Paraphe und seinen handschriftlichen Vermerk: „polizeilich gekennzeichnete Juden“.

 

Zitator 3:                                  Der größte und letzte der Nürnberger Prozesse betraf fast ausschließlich höchste Regierungsbeamte und wurde daher als der „Ministerien“- oder der Prozeß gegen die Wilhelmstraße“ bekannt;  amtlich war es der Prozeß der Vereinigten Staaten gegen Ernst von Weizsäcker und Genossen, Fall 11.

 

Sprecherin:                               Das schrieb Brigadegeneral Telford Taylor, der Hauptankläger in den Nürnberger Nachfolgeprozessen, in seiner bereits im April 1948 veröffentlichten ausführlichen Zusammenfassung der Prozesse, die 1950 auch in deutscher Sprache herauskam. Der Prozeß gegen die hohen Beamten des Nazi-Staates war einer von zwölf Prozessen, die in der Nachfolge des Hauptkriegsverbrecher-Prozesses verhandelt wurden. Wilhelmstraßen-Prozeß wurde er nach jener Berliner Straße genannt, in der das Auswärtige Amt und andere wichtige Ministerien ihren Sitz hatten.

Während der Hauptkriegsverbrecher-Prozeß 1946 noch unter der Regie der vier Siegermächte geführt worden war, klagten in den Nürnberger Nachfolgeprozessen die Amerikaner exemplarisch Verbrechen der Medizin, der Justiz, der Wehrmacht, der SS, der Wirtschaft und eben der hohen Reichsbeamten an.

Die gesamte Verhandlung dauerte siebzehn Monate. Am 15. November 1947 wurde die Anklageschrift eingereicht, am 18. November 1948 endete die Beweisaufnahme, am 11. April 1949 wurden die Urteile, am 14. April die einzelnen Strafen verkündet. Die Niederschrift der Verhandlung umfaßte 28.000 Seiten, das dokumentarische Beweismaterial mehr als 9000 Urkunden.

 

Zum Verteidigungsstab des Angeklagten Ernst von Weizsäcker gehörte sein Sohn Richard, damals 28 Jahre alt, Student der Jurisprudenz. Der spätere Bundespräsident erinnert sich:

 

Regie:                                      Take 1

In der Tat war ich juristisch in gar keiner Weise qualifiziert, um mich an einem Strafprozeß zu beteiligen, zumal, wenn er nach einer Strafrechts- und Strafprozeßordnung ablaufen mußte und auch legitimer Weise ablief, die ja mit der deutschen gar nicht allen Punkten übereinstimmt.

Aber ich war nicht Verteidiger, sondern Hilfsverteidiger, also ein Mitarbeiter in der Verteidigung, durfte aber auch ein Talar tragen und mit auftreten. Mein leidenschaftliches Interesse an der Zeit, die nun hinter uns lag, aber natürlich auch meine rein menschliche Beziehung zu meinem Vater, hat mich dazu gedrängt, alles mögliche zu tun, um zugelassen zu werden zu dieser Funktion. Und das haben die Amerikaner ohne Anstand getan, das fand ich großzügig und vernünftig.

 

 

Sprecherin:                               Der Prozeß gegen Ernst von Weizsäcker war der letzte der Nürnberger Nachfolgeprozesse, in denen insgesamt 177 Angeklagte vor Gericht standen.

Richard von Weizsäcker:

 

Regie:                                      Take 2

Also es sind nun bestimmte Sektoren herausgegriffen worden, teilweise durchaus konsequent, also wenn man den sogenannten Ärzteprozeß oder den Prozeß gegen die IG-Farben und gegen das Haus Krupp ansieht, das waren also klar definierbare Themen. Gerade in dem Prozeß, bei dem es um meinen Vater ging, aber war nun eine solch klare Definition überhaupt von Ferne nicht vorhanden. Er wird immer Wilhelmstraßenprozeß genannt, in Wirklichkeit nannte ihn die Presse alsbald Omnibusprozeß, weil da ungefähr 20 Angeklagte vereinigt wurden, die schon während der Nazi-Zeit untereinander kaum irgendeine Verbindung hatten und in Bezug auf ihre Einstellung zur Nazizeit oft einander diametral widersprachen.

 

 

Sprecherin:                               Robert  Kempner, stellvertretender Hauptankläger in Nürnberg und Direktor des Anklagestabes für die politischen Behörden, veröffentlichte 1983 unter dem Titel „Ankläger einer Epoche“ seine Lebenserinnerungen. Die Nürnberger Prozesse nehmen darin breiten Raum ein. Er erklärt auch, wie es dazu kam, daß im letzten der Nürnberger Prozesse so viele verschiedene Angeklagte zusammengefaßt wurden:

 

Zitator 1:                                  Im Frühjahr 1947, noch während ich mit der Anklage des Wilhelmstraßen-Prozesses beschäftigt war, kam ein Ukas aus Washington, wir sollten finanziell kürzer treten. Zwölf Prozesse seien o.k., weitere Anklagen müßten jedoch zusammengelegt werden. Man fing an zu sparen, der Krieg war zu Ende, und es gab Abgeordnete, die für solche Unternehmen aus politischen und sonst welchen Gründen kein großes Interesse hatten.

Telford Taylor rief mich und sagte: „Wir müssen in den Wilhelmstraßen-Prozeß noch verschiedene aufnehmen, die nicht aus dem Auswärtigen Amt sind.“ Ich hatte parallel eine Anklage gegen die Reichskanzlei vorbereitet, die fix und fertig war. Sie betraf sechs Herren, an der Spitze der Chef Hans Heinrich Lammers. Sie ist nie zum Leben gekommen und liegt noch heute in meinem Safe.

 

Sprecherin:                               Robert Kempner mußte Lammers und eine ganze Reihe ehemaliger Minister im Wilhelmstraßen-Prozeß mit anklagen, ebenso Bank-Direktoren und SS-Generale. Neben Ernst von Weizsäcker, der von 1938 bis 43 Staatssekretär im Auswärtigen Amt und danach Botschafter im Vatikan war, saßen auf der Anklagebank:

 

 

Regie:                               Bitte zügig und schnell hintereinander lesen lassen

 

 

Zitator 1:                                  Gottlob Berger, General der SS

 

Zitator 2:                                  Ernst Wilhelm Bohle, Gauleiter, Chef der

                                               Auslandsorganisation der NSDAP

 

Zitator 1:                                  Richard Walther Darré, Ernährungs- und

                                               Landwirtschaftsminister

 

Zitator 2:                                  Otto Dietrich, Reichspressechef

 

Zitator 1:                                  Otto von Erdmannsdorff, Ministerialdirigent im

                                               Auswärtigen Amt

 

Zitator 2:                                  Hans Kehrl, Ministerialbeamter im Rüstungsmini-

                                               sterium

 

Zitator 1:                                  Wilhelm Keppler, Staatssekretär im

                                               Auswärtigen Amt

 

Zitator 2:                                  Paul Körner, Staatssekretär und Vertreter von

                                               Göring

 

Zitator 1:                                  Hans-Heinrich Lammers, Reichsminister und

                                               Chef der Reichskanzlei

 

Zitator 2:                                  Otto Meißner, Staatsminister und

                                               Leiter der Präsidialkanzlei

 

Zitator 1:                                  Paul Pleiger, Leiter der „Hermann-Göring-Werke“

 

Zitator 2:                                  Emil Puhl, Vizepräsident der Reichsbank

 

Zitator 1:                                  Karl Rasche, Direktor der Dresdner Bank

 

Zitator 2:                                  Karl Ritter, Botschafter und Verbindungsmann

                                               zwischen dem Auswärtigen Amt und dem

                                               Oberkommando der Wehrmacht

 

Zitator 1:                                  Walter Schellenberg, Chef des Geheimdienstes

 

Zitator 2:                                  Lutz Schwerin von Krosigk, Finanzminister

 

Zitator 1:                                  Adolf Steengracht von Moyland, Nachfolger

                                               Ernst von Weizsäckers als Staatssekretär

 

Zitator 2:                                  Wilhelm Stuckart, Staatssekretär im

                                               Innenministerium

 

Zitator 1:                                  Edmund Veesenmayer,

                                               Regierungsbevollmächtigter in Ungarn

 

Zitator 2:                                  Ernst Wörmann, Unterstaatssekretär im

                                               Auswärtigen Amt

 

 

Sprecherin:                               Die Anklagevorwürfe faßt Telford Taylor in seiner Prozeßübersicht zusammen:

 

 

Zitator 3:                                  Die Anklageschrift beschuldigte 16 Angeklagte der Begehung von Verbrechen gegen den Frieden. Sieben Angeklagte waren wegen Kriegsverbrechen, einschließlich der Mitschuld am Lynchen von abgesprungenen Fliegern und der Ermordung und Mißhandlung von Kriegsgefangenen, angeklagt.

Sämtliche Angeklagten waren wegen Kriegsverbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, begangen gegen die Zivilbevölkerung nach Ausbruch des Krieges, einschließlich der Verfolgung und Ausrottung von rassischen und religiösen Gruppen, wirtschaftliche Ausraubung und Plünderung in besetzten Ländern und Deportierung zur Zwangsarbeit.

15 Angeklagte waren auch als Mitglieder verbrecherischer Organisationen, wie der SS oder des Führerkorps der NSDAP, angeklagt.

 

 

Sprecherin:                               Ankläger Robert Kempner war bis 1933 selbst im Staatsdienst tätig, als Chefjustitiar der Preußischen Polizei. Dann trat das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in Kraft, Kempner mußte gehen, ein „Rausschmiß“, wie er in seinen Memoiren schreibt, „wegen politischer Unzuverlässigkeit in Tateinheit mit forgesetztem Judentum“.  Über die Rolle der hohen Ministerialbürokratie im Dritten Reich äußerte sich Kempner in dem Chronos-Film „Das Schlimmste Verhindern?“ von Jost von Morr, der 1980 im WDR gesendet wurde:

 

Regie:                                      Take 3

Ich möchte da einen Unterschied machen zwischen denen,die gleich rausgeworfen wurden, ich gehöre auch dazu. Trennung von denen, die gleich rausgeworfen wurden und den anderen. Die schwenkten teilweise ein wie die pommerschen Rekruten. Ohne die Leute wäre vieles schiefgegangen. Das waren eben die Techniker, die können ebenso gut bei einer Demokratie wie unter dem Druck einer Diktatur arbeiten. Aber nötig sind sie.

 

 

Sprecherin:                               Der spätere bayerische Innenminister Dr. Alfred Seidl verteidigte in Nürnberg den Chef der Reichskanzlei, Hans-Heinrich Lammers. Seidl im Chronos-Film:

 

Regie:                                      Take 4

Ich halte das Urteil von Dr. Kempner, der ja selbst Verwaltungsbeamter im preußischen Innenministerium war, für völlig falsch. Herr Dr. Kempner überschätzt die Bedeutung der Verwaltungsbeamten im nationalsozialistischen Staat ganz gewaltig. Man muß zunächst einmal an die Spitze aller Überlegungen die Tatsache stellen, daß der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei und alle ihm nachgeordneten 12 Hauptämter ein Staat im Staate waren, der von der übrigen Verwaltung völlig getrennt war, und auf diese SS-Hierarchie hatte ein Mann wie Lammers, von Meißner war nicht die Rede, überhaupt keinen Einfluß, von bestimmten Verwaltungsvorgängen, die rein organisatorischer Natur waren, vielleicht einmal abgesehen. Die Verwaltungsbeamten haben genauso wie in jedem anderen Staat den Willen der Staatsführung vollzogen und wenn sie es nicht getan hätten, der Regierungsrat Huber oder Ministerialdirigent Meier, dann hätte es eben irgend jemand anderer getan. Ich darf an das Beispiel von Bormann erinnern, Bormann war kein Jurist, war kein Verwaltungsbeamter und er hatte einen ungeheuren Einfluß auf das politische Geschehen ausgeübt.

 

 

Sprecherin:                               Zu Beginn der Verhandlung gab es die gleiche  Prozedur wie schon in den anderen Nachfolgeprozessen.

 

Regie:                                      Take 5 (Gerichtsatmo, Gerichtsmarschall)

Each defendant will rise when his name is called and answer the questions asked him by the tribunal and speak directly into the microphone.

 

 

Sprecherin:                               Die Angeklagten wurden vom Gerichtsmarschall einzeln aufgerufen und danach gefragt, ob sie anwaltlich vertreten seien, ob sie die Anklageschrift rechtzeitig und in deutscher Sprache erhalten hätten, ob sie Gelegenheit gehabt hätten, sie zu lesen, ob sie sie auch gelesen hätten. Schließlich die Frage, schuldig oder nicht schuldig?

 

 

Regie:                                      Take 6 (Gerichtsmarschall)

Defendant Hans Heinrich Lammers, how do you plead to this indictment, guilty oder not guilty?

Nicht schuldig!

 

 

Sprecherin:                               Verteidiger Alfred Seidl im Interview für den Chronos-Film von 1980:

 

Regie:                                      Take 7

Lammers war, wenn Sie so wollen, der oberste Reichsnotar, der mußte also die gesamte Gesetzgebung steuern und die Folge war natürlich die, daß im Wilhelmstraßen-Prozeß gegen ihn eine Unzahl von Gesetzen vorgelegt wurde, die er mit unterschrieben hat, denn er war der für das ordnungsmäßige Zustandekommen dieser Gesetze dem Staatsoberhaupt und dem Reichskanzler gegenüber verantwortliche Staatsorgan.

 

 

Sprecherin:                               Robert Kempner hält dagegen:

 

 

Regie:                                      Take 8

Er war immerhin Reichsminister und Chef der Reichskanzlei, kein kleiner Mann. Er spielte besonders darin eine Rolle, daß er Entscheidungen treffen konnte, wenn Hitler nicht da war oder Hitler es nicht selbst tun wollte, dann ging er in sein Zimmer zurück und sagte, er sähe Hitler und kam raus ‘der Führer hat entschieden’. Der war gar nicht da.

 

 

Sprecherin:                               Der Angeklagte Lutz Schwerin von Krosigk, Finanzminister im Dritten Reich, wird vom Gerichtsmarschall aufgerufen und gefragt:

 

Regie:                                      Take 9

... to this indictment, guilty oder not guilty?

- Nicht Schuldig. -

 

 

Sprecherin:                               Der Ankläger, Robert Kempner, über den ehemaligen Finanzminister:

 

 

Regie:                                      Take 10

Er war bei der Mörderei des Dritten Reiches insofern beteiligt, als er die finanziellen Ausplünderungen vorgenommen hat. Er hat die Juden ausgeplündert. Sein Ministerium war die Zentralstelle dafür neben anderen Organisationen. Das war seine Rolle, und zwar umso schlimmer, als er es besser wußte, er war ein Rhodes-Scholar, er war ein gebildeter Mann, er hat vielleicht sogar enge Beziehungen zur Bekenntniskirche gehabt und das mitgemacht. Gräßlich.

 

 

Sprecherin:                               Schwerin von Krosigk wurde von Rechtsanwalt Stefan Fritsch verteidigt. Auch er kam im Chronos-Film zu Wort:

 

 

Regie:                                      Take 11

Zunächst einmal darf ich feststellen, daß der Reichsfinanzminister Graf Schwerin-Krosigk kein typischer Politiker war, vielleicht überhaupt kein Politiker, sondern in erster Linie Beamter. Zum zweiten darf ich feststellen, daß an seiner persönlichen Integrität überhaupt nicht zu zweifeln ist, und insbesondere auch das Gericht in Nürnberg nicht gezweifelt hat. Wenn er die Verordnung über die Einziehung des Vermögens der Juden - nicht die Grundsatzverordnung, nach der die Beschlagnahme zu erfolgen hat, sondern die Art der Verwertung - unterschrieben hat, so ist es nach meiner Überzeugung wirklich geschehen, weil ja sicherzustellen war, daß die Gelder auch nicht in andere Hände kamen. Das war nach meiner persönlichen Kenntnis sein erstes Bestreben. Er wollte also auch Schlimmeres verhüten. Dazu ein Punkt: im Paragraphen 2 dieser Verordnung ist ausdrücklich festgehalten, daß Mischehen oder bei Mischehen nur der jüdische Teil die Kontribution oder den Steueranteil zu zahlen hatte.

Ich bin also davon überzeugt, daß auch in diesem Fall Schwerin-Krosigk nur mitgewirkt hat, um die Dinge nicht noch schlimmer werden zu lassen.

 

 

Sprecherin:                               Zu seiner Entschuldigung brachte Schwerin von Krosigk vor Gericht vor, das Ministerium habe über die Abgaben genau Buch führen wollen, falls einmal eine Rückerstattung erfolgen könne.

Dazu der Kommentar von Robert Kempner:

 

Regie:                                      Take 12

Es gibt Diebe, die stecken so die Sachen ein, und es gibt welche, die registrieren offenbar ihre Beute. Ich weiß nicht, ober er auch gedacht hat, daß die Goldplomben von getöteten KZ-Opfern, ob die nach dem Tode vielleicht den Leichen in den Särgen wieder eingesetzt werden sollten.

 

 

Sprecherin:                               Auch das Gericht kam zu dem Schluß, daß Lutz Schwerin von Krosigk sich schuldig gemacht hatte. Die Strafe lautete: 10 Jahre Freiheitsentzug.

Im Urteil hoben die Richter jedoch hervor, daß es sich bei dem Angeklagten nicht um einen typischen Nazi handelte. Er war schon während der Weimarer Zeit Staatsbeamter im Finanzministerium gewesen, unter der Kanzlerschaft von Papens wurde er zum Finanzminister ernannt. Nachdem Hitler zur Macht gekommen war, blieb Schwerin von Krosigk  wegen seiner hervorragenden Fachkenntnisse im Amt, nicht etwa wegen parteipolitischer Verbindungen. Im Urteil heißt es:

 

Zitator 2:                                  In der Tat gehört er zu jenen Angeklagten, die sich nicht hinter der Behauptung verschanzt haben, sie hätten im Amt bleiben müssen und hätten weder ihren Abschied nehmen noch zurücktreten können, auch wenn sie es gewollt hätten. Er hat ausgesagt, er habe das Judenpogrom zur Zeit der Grünspanaffäre im November 1938 sowie die darauffolgenden Maßnahmen immer als tief beschämend für das deutsche Volk angesehen.

 

Sprecherin:                               Warum also ist er geblieben? Sein Verteidiger Stefan Fritsch:

 

Regie:                                      Take 13

Als er im Amt war, das haben mir viele der Landesbischöfe persönlich oder brieflich bestätigt, ich nenne dabei die Landesbischöfe Mararens, Wurm, Meiser, insbesondere aber vielleicht den Landesbischof Lilje.

Herr Lilje hat mir in Hamburg in einem Gespräch erklärt, daß er ihn geradezu, den Ausdruck gebrauche ich jetzt, ich weiß nicht, welcher Ausdruck damals fiel, kniefällig gebeten habe, er solle doch im Amt bleiben, sonst wären die Konsequenzen gar nicht abzusehen für die Kirche. Es wäre unzweifelhaft die Kirchensteuer, dieser Angriff wurde ständig versucht, die Einziehung der Kirchensteuer in Wegfall gekommen durch die Finanzämter, und die Kirchen hätten kein Einkommen mehr gehabt und wären auf die milden Gaben der Kirchenangehörigen angewiesen gewesen.

 

 

Sprecherin:                               Nürnberger Justizpalast, Januar 1948. Der Gerichtsmarschall fragt den prominentesten Angeklagten bei Prozeßbeginn:

 

Regie:                                      Take 14 (Gerichtsatmo, Gerichtsmarschall)

Defendant Ernst von Weizsäcker, have you a counsel? - Bitte wiederholen Sie -

Have you a counsel to represent you? - Ja -  Has the indictment in the German language been served upon you at least 30 years ago? - Ja - How do you plead to this indictment: guilty or not guilty? - Bitte wiederholen Sie, Sie sprechen zu schnell, das kann man nicht verstehen. - Pardon me. How do you plead to this indictment: guilty or not guilty? - Ich erkläre mich für nicht schuldig.

 

 

Sprecherin:                               Auch Ernst von Weizsäcker blieb im Amt, obwohl er von den Greueltaten der Nazis wußte. 1942 erteilte er Adolf Eichmann die Genehmigung für die Deportation von 6000 Juden aus Frankreich nach Auschwitz. Weizsäcker tat dies, obwohl er sich als Gegner der Nationalsozialisten sah.  Ein Regimegegner, der sich dem Regime zur  Verfügung stellt?

Richard von Weizsäcker, der in Nürnberg an der Verteidigung seines Vaters beteiligt war, versucht die Frage zu beantworten:

 

Regie:                                      Take 15

Die Hauptfrage, ob er im Amt bleiben sollte oder nicht, stellte sich ja nicht zum ersten Mal im Jahr 1942, sondern zum ersten Mal im Jahr 33. Wo das Gros der Berufsdiplomaten vor der Frage stand, sollten sie ihre Fähigkeiten dafür einsetzen, um keinen irrsinnigen Verlauf der deutschen Außenpolitik zuzulassen, oder hätten sie sich zum Zweck einer rechtzeitigen Bremse gegenüber der wertenden Hitlerdiktatur schon von vornherein alle miteinander mehr oder weniger kollektiv versagen sollen? Er blieb damals, wie fast alle anderen seiner Kollegen, im Amt. Das zweite Mal war im Jahr 38, als er dann Staatssekretär werden sollte. Und da war halt sein Hauptziel ein außenpolitisches, nämlich zu verhindern, daß eine Revision der Verhältnisse, wie sie nach dem ersten Weltkrieg geschaffen worden waren, mit der Gefahr eines Krieges, einer gewaltsamen Auseinandersetzung, verbunden werden sollte. Den Frieden zu erhalten, das war der ganze Sinn seines Entschlusses, im Amt zu bleiben. Aber je länger der Krieg dauerte, desto mehr sah er, daß er darin gescheitert war, und desto stärker drängte er heraus, kam aber erst im Jahr 43 aus Berlin weg an den Vatikan.

 

 

Sprecherin:                               Ernst von Weizsäcker wurde jedoch in Nürnberg  wegen „Verbrechen gegen den Frieden“ angeklagt. In der Anklageschrift hieß es, er habe „Hitlers Kriegspolitik begeistert unterstützt“. Richard von Weizsäcker:

 

 

Regie:                                      Take 16

Na ja, also in Anklageschriften stehen ja manchmal Dinge drin, das gilt ja für alle Länder, die letzten Endes vor keinem ernsthaften Urteil der Geschichte bestehen können. Es gab halt zwei Hauptanklagepunkte, und das eine war die sogenannte Führung von Angriffskriegen, und das andere waren die Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bei letzterem ging es vor allem um die Frage der Mitwirkung der Dienststellen des Auswärtigen Amtes an der Deportation von Juden. Bei ersterem, und das war ja der Haupttätigkeitsbereich von meinem Vater, die angebliche Beteiligung oder, wie die Anklage meinte, sogar die begeisterte Beteiligung an der Vorbereitung von Angriffskriegen, das war nun das absolut groteske genaue Gegenteil von dem, was er gemacht hat. Und dabei ist es ja auch, bei dem Gericht selber, nicht geblieben. Er hat sich wirklich um das Gegenteil bemüht, und die Anklage hat einfach auf diesem Gebiet daneben gegriffen.

Es gibt ja Leute, die haben ihn als ein nicht eingeschriebenes Mitglied derjenigen Widerstandsgruppe bezeichnet, die schon im Jahr 1938 im Herbst einen Putsch gegen Hitler machen wollte.

Als der 20 Juli 1944 kam, hat es ja bekanntlich im Reichssicherheitshauptamt ein Papier gegeben, in dem es hieß, Weizsäcker gehöre dazu und könne nur leider nicht zur Rechenschaft gezogen werden, weil er inzwischen eben in Rom saß und die Alliierte Front die Gestapo daran hinderte, einen Zugriff auf meinen Vater zu nehmen.

 

 

Zitator 2:                                  Die Planung, Vorbereitung, Einleitung oder Führung von Angriffskriegen mit den ihnen anhaftenden Schrecken, Leiden und Verlusten ist ein Verbrechen, das die schwerste Strafe verdient. Dafür gibt es keine Rechtfertigung oder Entschuldigung.

 

 

Sprecherin:                               Heißt es im Urteil des amerikanischen Militärtribunals.

 

Zitator 3:                                  Die Hauptverhandlung endete im November 1948.

 

Sprecherin:                               Schreibt Hauptankläger Telford Taylor über den Wilhelmstraßen-Prozeß:   

 

Zitator 3:                                  Das Gericht brauchte jedoch fünf Monate zur Vorbereitung des Urteils, das dementsprechend ausführlich und sorgfältig ausgearbeitet war. Das Urteil ist 833 Schreibmaschinenseiten lang.

 

 

Sprecherin:                               Ursprünglich waren auch Ernst von Weizsäcker und sein Unterstaatssekretär Ernst Wörmann wegen „Verbrechen gegen den Frieden“ verurteilt worden. Dieser Punkt wurde jedoch nachträglich, am12. Dezember 1949, aufgehoben. Die Verteidigung hatte letztlich Erfolg.

Richard von Weizsäcker zum Prozeßverlauf:

 

Regie:                                      Take 17

Im Grunde genommen war es eine große Aufarbeitung der Zeitgeschichte durch eine unvorstellbare Fülle von Dokumenten und durch auch eine sehr große Zahl von Zeitzeugen aus dem In- und Ausland, die dazu aussagen sollten. Was den Vorwurf der Führung eines Angriffskrieges anbetrifft, so ging es vor allem darum, die Mitglieder der politischen Führungen und  Auswärtigen Ämter anderer Länder, also bis dahin dann unserer Kriegsgegner zu Aussagen über ihre Verbindungen und Erfahrungen mit meinem Vater einzuladen, und das hat im Großen und Ganzen ja auch seinen Eindruck auf das Gericht nicht verfehlt, obwohl ich sagen muß, daß das wichtigste Land in dem Zusammenhang, nämlich Großbritannien, leider in seinem Außenministerium einer mehr oder weniger ausdrücklichen Weisung folgte, sich an diesen Prozessen nicht zu beteiligen.

Was aber die Verbrechen gegen die Menschlichkeit anbetrifft, so sind natürlich vor allem eine sehr große Anzahl von Bekundungen, insbesondere von Juden, in dem Prozeß versammelt worden, die eben sehr glaubwürdig bezeugt haben, wie viel und wie unermüdlich sich mein Vater dafür eingesetzt hat, um einzelnen Menschen oder auch Gruppen von Menschen die Ausreise oder das Überleben oder das Untertauchen zu ermöglichen. Indem ich das sage, möchte ich aber gleich hinzufügen, er hat nie für sich in Anspruch genommen, daß diese ihm ganz selbstverständlich erscheinende Hilfe für verfolgte Menschen eine Rechtfertigung dafür gewesen wäre, um im Amt zu bleiben. Denn das, was im Kern an Grauenhaftem geschah, konnte er ja nicht verhindern und hat es trotzdem in hoher Amtsposition miterlebt.

 

 

Sprecherin:                               Und sich dadurch schuldig gemacht, wie es die Anklage und letztlich auch das Gericht sahen. Telford Taylor schreibt:

 

 

Zitator 3                                   Viel Aufmerksamkeit hat während des Prozesses der Fall des Angeklagten von Weizsäcker erregt, der ein Diplomat von guter Erziehung und angenehmem Auftreten war und zahlreiche prominente Freunde in verschiedenen europäischen Ländern hatte. Das Beweismaterial bezüglich seiner Handlungen als Vertreter Ribbentrops während der Jahre 1938 bis 43 wurde von dem Gericht mit größter Vorsicht abgewogen, und von Weizsäcker wurde von mehreren Anklagepunkten freigesprochen. Das Gericht stellte jedoch seine Beteiligung an der Deportation von Juden aus europäischen Ländern zur Zwangsarbeit nach Vernichtungslagern wie Auschwitz fest.

 

Sprecherin:                               Wie verschieden die Person Ernst von Weizsäckers gesehen werden kann, zeigt der Chronos-Film  „Das Schlimmste verhindern?“, in dem er  Positionen von Verteidigung und Anklage gegenüberstellt. Zunächst kommt Professor Hellmut Becker zu Wort, der Weizsäckers Verteidiger-Team in Nürnberg leitete, dann Ankläger Robert Kempner.

 

Regie:                                      Take 18

(Becker:) Ich würde sagen, daß sein Hauptverdienst die intensiven Warnungen an die Alliierten vor dem kommenden Krieg gewesen sind, Warnungen, die soweit gingen, daß sie mit Sicherheit zu seinem Tode geführt hätten, wenn Hitler davon gewußt hätte. Und die Aufrechterhaltung dieser Verbindung mit den deutschen Widerstandsgruppen war ein anderes wichtiges Verdienst und schließlich die vielen Hilfen für Einzelpersonen, wie sie im Prozeß dann unzählige Male bezeugt worden sind.

 

(Kempner:) Weizsäcker war zweifellos eine der interessantesten und eine sehr problematische Persönlichkeit. Wenn jemand in dieser hohen Stellung ist und dann gewissermaßen auf zwei Hochzeiten tanzt, der Hochzeit der guten Leute und auf der anderen Seite der des Teufels, dann ist es schwer, über diesen Menschen eine Beurteilung abzugeben. Das schlimme bei Weizsäcker war meines Erachtens, daß er nicht von Anfang an diese Doppelrolle, die er gespielt hat, wie er sagt, uns bekanntgegeben hat. Bei den ersten Vernehmungen in Nürnberg hat er zum Beispiel erklärt: Wie wissen doch, Herr Kempner, mit Judensachen hatte das Auswärtige Amt nichts zu tun. Als ihm dann einiges vorgezeigt wurde, da sagte er, er sei erschüttert. Nun hatte ich gerade von einem Mann wie Weizsäcker erwartet, daß er sagt, ich habe in dieser furchtbaren Situation, schrecklich. Hier stehe ich, ich kann nicht anders.

 

 

Sprecherin:                               Hellmut Becker, der Verteidiger - Robert Kempner, der Ankläger.

Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, der als junger Mann seinem Vater in Nürnberg als Hilfsverteidiger zur Seite stand, erinnert sich an seine Begegnung mit dem Ankläger Robert Kempner:

 

Regie:                                      Take 19

Robert Kempner war, wie man weiß, preußischer Beamter und mußte dann im Zusammenhang mit der Machtergreifung der Nazis sein Amt räumen und ist dann später ausgewandert. Er kannte sich im ganzen deutschen Beamtenwesen sehr gut aus und hat nun mit Hilfe der Möglichkeiten, die das amerikanische Prozeßrecht bietet, eine sehr planmäßige und konzentrierte Verfolgung der, wie Kempner fand, korrumpierbaren Mentalität des deutschen Beamten betrieben. Schwierig war, daß er dafür sich auch einiger Methoden bediente, die jedenfalls ich, aber ich glaube, das darf man doch auch sagen, die unserer hiesigen Vorstellung von einem Prozeß eigentlich kaum entsprechen. Der bekannteste Fall, der damals ja auch in der Presse behandelt wurde, war, daß ein Ministerialdirektor des Auswärtigen Amtes, Herr Gaus, der Leiter der Rechtsabteilung, von Kempner eingeladen wurde, mit der Anklagebehörde zusammenzuarbeiten, um auf diese Weise der Anklage gegen sich selbst zu entgehen. Nun, der Wahrheit zu dienen, ist immer ehrenhaft. Aber hier gewissermaßen erpreßt zu werden, es hat also Dokumente über diese Vernehmungen gegeben, die Kempner mit Gaus angestellt hat, die dann schließlich doch auch das amerikanische Gericht in ein gewisses Entsetzen versetzt hat. Kempner hat in der Aufdeckung und Verfolgung von Nazi-Verbrechen ja auch weit über diesen Prozeß hinaus zweifellos große Verdienste erworben und ist in der Reihe der zeitgeschichtlichen Persönlichkeiten darin keineswegs zu eliminieren. Dennoch waren seine Methoden, wenn ich so sagen darf, auch sein Wesen, in der Verfolgung, wie ich fand, bitte, das ist meine subjektive Meinung, nun doch nicht immer nur von dem Wunsch nach Aufdeckung der objektiven Wahrheit, sondern von der Erreichung des Verfolgungszieles geprägt. Und daß er dann also einmal auch mir, man traf sich ja häufig da in dem Prozeß, dann gesagt hat, er fände die Verteidigung meines Vaters ausgezeichnet, wir hätten nur einen Fehler gemacht, wir hätten ihn zum Verteidiger meines Vaters machen müssen, das fand ich nun doch einen Grad von Zynismus, den ich nicht mehr sehr witzig fand.

 

 

Sprecherin:                               In seinen Lebenserinnerungen beschreibt Robert Kempner, wie es zu seiner Begegnung mit Friedrich Wilhelm Gaus, dem Ministerialdirektor aus dem Auswärtigen Amt, gekommen war. Zuvor hatte Kempner die Geheimakten des Auswärtigen Amtes, die vollständig erhalten waren, durchgesehen und war dabei auf sehr aufschlußreiche Dokumente gestoßen. Besonders im „Ordner D (Abteilung Deutschland), betrifft Endlösung der Judenfrage“, auf das Protokoll einer Konferenz vom 20. Januar 1942 am Wannsee. Alle, die an der Konferenz teilnahmen, waren einverstanden mit dem, was Reinhard Heydrich und Adolf Eichmann dort vorschlugen. Heydrich war von Hermann Göring zum „Beauftragten für die Vorbereitung der Endlösung der europäischen Judenfrage“ ernannt worden.

Robert Kempner schreibt:

 

Zitator 1:                                  Mit Recht wollten sich die Teilnehmer bei mir später rausreden. Es war doch entsetzlich, was da entdeckt worden war. Sie hatten die Bedeutung des Projekts von Anfang an erkannt. Wenn Heydrich zu so etwas einlädt, weiß man doch schon, was los ist. Wie akkurat die Teilnehmer Bescheid wußten, geht schon aus ihrer Angst hervor, überhaupt dabeigewesen zu sein. Der springende Punkt der Besprechung war nämlich im Protokoll festgehalten. Europa sollte vom Westen nach Osten durchkämmt, elf Millionen Juden der Zwangsarbeit ausgesetzt werden und wer noch übrig blieb, war auszumerzen. Letzteres hatte man mündlich formuliert, wie Eichmann erzählte. Im Protokoll hingegen ist das Wort ‘ausmerzen’ ziemlich unelegant damit umschrieben worden, daß der die Zwangsarbeit überlebende Teil der Sonderbehandlung unterzogen werde.

 

Sprecherin:                               Vom Auswärtigen Amt war Unterstaatssekretär Martin Luther  bei der Konferenz dabei gewesen. Er starb im Mai 1945 an Herzversagen. Kempner schreibt:

 

Zitator 1:                                  Also nun saß ich da mit dem Wannseeprotokoll und den Antwortschreiben an Eichmann: „Wir sind damit einverstanden, daß die Juden abtransportiert werden.“ Ich war natürlich  vom Standpunkt der Anklage interessiert, wer alles solche Anfragen im Auswärtigen Amt  bekommen hatte - in welcher Angelegenheit? Der Tatbestand war klar. Die gesamte politische Abteilung von Oben bis Unten mit einigen wirklichen Ausnahmen (die wenigen Widerstandskämpfer, die in London auf solche Dinge aufmerksam gemacht hatten, wie Solf, der am 20. Juli hingerichtet wurde), waren darin verwickelt. Ich überlegte mit meinen Kollegen, wie der Fall anzufassen sei.

 

Sprecherin:                               In dieser Situation erinnerte sich Robert Kempner an Friedrich Wilhelm Gaus:

 

Zitator 1:                                  Ich erinnerte mich, daß der Justitiar des Auswärtigen Amtes, der große Formulierer, der den Hitler-Stalin-Pakt formuliert und gebrochen, der schon unter Stresemannn Verträge geschrieben hatte, noch als Zeuge im Gefängnis saß.

 

Sprecherin:                               Friedrich Wilhelm Gaus zeigte sich kooperativ und berichtete bereitwillig über die Aktivitäten des Auswärtigen Amtes, stellte seine eigene Rolle aber eher klein dar. Er habe die politischen Entscheidungen Ribbentrops zwar formuliert, sei aber dagegen gewesen, schließlich sei er mit Ricarda Huch verwandt.

 

Zitator 1:                                  Wir gingen hinter dem court house in den Pegnitz-Wiesen spazieren. Ich sage: „Was kann man tun, um den Augias-Stall auszumisten? Das Auswärtige Amt war doch eine Mörderbande. Über Ihr Schicksal kann ich Ihnen gar nichts sagen. Wenn wir Dokumente von Ihnen finden, daß Sie bei den Judensachen mitgewirkt haben, sind Sie mit drin, wenn wir keine finden, sind Sie nicht mit drin. Sie wissen, daß die Russen sich auch für Sie interessieren.“

„Das letzte, was ich tun kann, ist die Wahrheit zu sagen“, sagte Gaus. „Das hat für Deutschland noch eine Bedeutung.“

„Schreiben Sie das auf. Ich will gar nichts wissen. Schreiben Sie einen Brief an General Taylor.“

 

Sprecherin:                               Auf der ersten Seite der „Neuen Zeitung“ in München wurde diese längere handgeschriebene Erklärung von Gaus veröffentlicht, in der er sich zur Kollektivschuld der deutschen Beamten bekannte.

Robert Kempner schreibt in seinen Erinnerungen:

 

Zitator 1:                                  Wir haben Gaus dann aus der Haft entlassen, es gab kein einziges Papier mit seiner Unterschrift, noch einen Zeugen, der gegen ihn auftreten konnte. Später bin ich angepöbelt worden, ich hätte Gaus auf dem Spaziergang mit der Bemerkung erpreßt, die Russen interessierten sich für ihn. Ich habe jedem Gefangenen mitgeteilt, wenn ein fremder Staat etwas wollte, weil ich mich dazu verpflichtet fühlte - übrigens mit der inneren Absicht, wir wollen die Herren verarzten und nicht fremde politische Gesichtspunkte reinbringen lassen. Selbstverständlich ist von allen Sündern des Auswärtigen Amtes die ungeheure Belastung verspürt worden, wenn ‘einer von uns’ sagte: Das stimmt alles, was in den Dokumenten steht. Man brauchte nicht auf irgendeinen Eichmann zu warten, der unmittelbar Beteiligter war, sondern hatte jemanden, der bei all den Leuten bis zu dieser Minute als objektiv gegolten hatte und jede Paraphe kannte.

 

Sprecherin:                               Auch die Paraphe auf dem Brief an Eichmann, die ohne Zweifel von Ernst von Weizsäcker stammte. Richard von Weizsäcker über die Dokumente, die für Ankläger und Richter in Nürnberg die Schuld seines Vaters bewiesen:

 

Regie:                                      Take 20

Das gehört natürlich zu den Kernproblemen des Verständnisses. In Wirklichkeit scheinen diese Dokumente zu belegen, daß es das Auswärtige Amt war, in dessen Händen das Schicksal der Juden lag. Das Auswärtige Amt, das kann man nun auch gar nicht mehr einheitlich beantworten, innerhalb des Auswärtigen Amtes gab ‘s ja da auch verschiedene Stränge. Aber daß die Abzeichung dieser Dokumente durch meinen Vater und seinen nächsten Mitarbeiter, Herrn Wörmann, in dem Zusammenhang für unsere heutigen Kenntnisse schwer verständlicher Vorgang ist, das kann ja doch im Ernst nicht bestritten werden. Bei allem tiefen Zutrauen nicht nur im menschlichen, sondern auch im politisch gewissensbezogenen Beziehung zu meinem Vater, er hat sich wohl der Vorstellung hingegeben, daß auf der einen Seite das Schicksal der Juden sowohl in, sagen wir mal, dem besetzten Frankreich, als auch im Osten aufs äußerste gefährdet sein würde, war sich im Jahr 42 gewiß nicht über das im Klaren, was wir unter dem Begriff des Holocaust oder des Vernichtungslagers von Auschwitz genau wissen. Trotzdem ist, bei aller, wie soll ich sagen, vollkommen eingeschränkten Einwirkungsmöglichkeit gegenüber diesen Vorgängen, dies eine schwer nachvollziehbare Komponente der damaligen Zwangslagen gewesen, wie wir sie aus heutiger Sicht sehen.

 

 

Sprecherin:                               Zur Wannsee-Konferenz und zur Rolle des Auswärtigen Amtes nimmt das amerikanische Militärgericht in seiner Urteilsbegründung ausführlich Stellung. Im Prozeß war das Amt vor allem durch die Angeklagten Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär von 1938 bis 43, Ernst Wörmann, Unterstaatssekretär und Adolf Steengracht von Moyland, Staatssekretär von 1943 bis 45, repräsentiert. Im Urteil heißt es:

 

Zitator 2:                                    Die Massendeportation der Juden nach dem Osten, die die Ausrottung vieler Millionen zur Folge hatte, fand ihren Ausdruck in der berühmten Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942. Das Auswärtige Amt hat bei den Verhandlungen und auch bei den zur Durchführung und Unterstützung dieses Programmes durchgeführten Aktionen eine wichtige Rolle gespielt. Weizsäcker und Wörmann haben es weder ins Leben gerufen noch mit Begeisterung unterstützt noch innerlich gebilligt. Die Frage ist, ob sie von dem Programm Kenntnis hatten und ob sie es irgendwie in wesentlichem Umfang gefördert, begünstigt oder durchgeführt haben. Es besteht keine Frage darüber, daß sowohl Ribbentrop als auch Luther es taten.

 

 

Sprecherin:                               Außenminister Joachim von Ribbentrop war schon im Hauptkriegsverbrecher-Prozeß in Nürnberg zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Unterstaatssekretär Martin Luther, Leiter der Abteilung Deutschland im Ministerium, war bei Kriegsende gestorben.

 

Die Wannsee-Konferenz fand erst im Januar 1942 statt, Wörmann und Weizsäcker waren nicht dabei. Das Gericht kommt jedoch nach weiteren Ausführungen zu dem Schluß, daß sowohl Wörmann als auch Weizsäcker im Verlauf des Jahres 1942 über die Konferenz informiert worden sind.

An einer anderen Stelle im Urteil schließlich kommt jenes von Wörmann und  Weizsäcker abgezeichnete Schreiben zur Sprache, in welchem das Auswärtige Amt keine Einwände gegen die Deportation von 6000 Juden von Frankreich nach Auschwitz  vorbringt. Zitat aus dem Urteil:

 

Zitator 2:                                  Es gibt auch  nicht den Schatten eines Zweifels, daß sowohl Wörmann als auch Weizsäcker über diesen schändlichen Plan unterrichtet worden sind, und daß sie ihre amtliche Genehmigung dazu gegeben haben. Nirgendwo steht in den Akten, daß sie über seine Zulässigkeit Zweifel gehegt, Einwendungen dagegen erhoben oder Proteste eingelegt hätten oder daß sie die Gelegenheit benutzt hätten, Ribbentrop klarzumachen, daß selbst vom Standpunkt der deutschen Außenpolitik gesehen die Ausführung dieses Planes ein katastrophaler Fehler sein würde, da er nicht nur die öffentliche Meinung in Frankreich vor den Kopf stoßen, sondern auch eine Welle von  Entsetzen und Mißbilligung in der ganzen Welt hervorrufen würde.

 

 

Regie:                                      Take 21 (Richard von Weizsäcker)

Mein Vater hat gewußt, daß es sich um eine mörderische Ideologie und Programmatik gegenüber den Juden handelte, er war geprägt von den Nachrichten, aber auch von dem Verdacht, den man in seiner Position haben mußte, gegenüber denkbaren und undenkbaren, bis dahin undenkbaren Untaten und Verbrechen. Mit anderen Worten, er hat immer genug gewußt, um zu wissen, daß man um das Leben jedes Juden nur auf das äußerste besorgt sein konnte. In welcher Form, mit welcher sozusagen Maschinerie und welcher systematischen Aktion nun die massenweise Ermordung von Juden in den Todeslagern erfolgte, davon hat er jedenfalls im Jahr 1942 bei weitem nicht alles das gewußt, was wir heute schon für das Jahr 1942 wissen.

Aber ich möchte noch einmal sagen, nicht konkret gewußt zu haben im Jahr 1942, was es an Verbrechen in der Planung oder schon in der ersten Ausführung gab, war für ihn niemals ein Grund zu sagen, na ja, er habe eben nichts gewußt. Das was er wußte, reichte für ein Gewissen, wie es das seine war, vollständig aus, um sich entsprechend innerlich einzustellen.

 

 

Sprecherin:                               In zahlreichen Fällen wurden Weizsäcker und Wörmann vom Anklagevorwurf „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ freigesprochen, etwa im Fall der Deportationen von ungarischen Juden, von kroatischen Juden, bulgarischen Juden und im Fall der Erschießung von serbischen Juden.

In dem Punkt jedoch, in dem es um die aus Frankreich deportieren Juden ging, hielt das Gericht beide Angeklagte, Ernst Wörmann und Ernst von Weizsäcker, für schuldig.

Im Urteil heißt es.

 

 

Zitator 2:                                  Wir sind zwar bereit und sogar darauf bedacht, in jedem Fall im Zweifel zugunsten des Angeklagten zu entscheiden - das ist sein Recht -,  aber hier ist es schwer, einen Zweifel zu hegen, selbst wenn wir annehmen, daß zu jener Zeit keiner der Angeklagten wußte, daß Auschwitz ein Todeslager war. Aber sie waren immerhin wohl unterrichtet über das Schicksal jedes Juden, der der SS und der Gestapo auf Gnade und Ungnade ausgeliefert war; sie kannten das Schicksal der polnischen Juden und der Juden aus dem Baltikum und Rußland; sie kannten das entsetzliche Los der deutschen Juden.

Weizsäcker hat zwar zugegeben, daß ihm viele Dinge aufs Pult gelegt und von ihm abgezeichnet worden seien, gegen die er innere Bedenken und Skrupel hegte, aber er sei trotzdem im Amt geblieben, und zwar aus folgenden zwei Gründen: Erstens, um auf diese Weise wenigstens einen Kristallisationspunkt in der heimlichen Widerstandsbewegung gegen Hitler zu bilden, dadurch, daß er einen wichtigen Horchposten bekleidete, Mitglieder der Widerstandsbewegung in strategischen Posten hielt und den Widerstandsgruppen in der Wehrmacht, den verschiedenen Regierungsabteilungen und der Zivilbevölkerung Nachrichten übermittelte und zweitens, um in der Lage zu sein, Versuche zu Friedensverhandlungen einzuleiten oder bei solchen Versuchen mitzuhelfen. Wir glauben ihm; aber obgleich dies als mildernder Umstand in Betracht gezogen werden kann und werden wird, bringt es die Anklage wegen Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht zum Scheitern. Man darf die Begehung eines Mordes nicht gutheißen oder dabei mitwirken, weil man hofft, man könne auf diese Weise die Gesellschaft am Ende von dem Hauptmörder befreien. Im ersten Fall handelt es sich um ein unmittelbar gegenwärtiges Verbrechen, im zweiten Fall nur um eine künftige Hoffnung.

Als die SS anfragte, ob das Auswärtige Amt irgendwelche Bedenken habe, war es die Pflicht des Angeklagten, auf diese Bedenken hinzuweisen. Das ist die Funktion einer politischen Abteilung und eines Staatssekretärs im Auswärtigen Amt. Diese Pflicht wird nicht dadurch erfüllt, daß man nichts sagt und nichts tut. Selbst der Zeuge des Angeklagten, Schlabrendorff, der persönlich aktiv und führend in der Widerstandsbewegung tätig war und an dem Komplott vom 20. Juli 1944 teilnahm, hat ausgesagt, daß die Mitgliedschaft in dieser Bewegung einen Menschen nicht dazu berechtigt habe, bei dem Programm zur Ermordung der Juden mitzuwirken.

In diesem und in gleichgelagerten Fällen werden die Angeklagten Weizsäcker und Wörmann schuldig gesprochen.

 

Sprecherin:                               Ähnlich wie Weizsäcker und Wörmann erging es Adolf Steengracht von Moyland, der im Mai 1943 Ernst von Weizsäcker im Amt des Staatssekretärs ablöste. Zum Teil wurde er für schuldig befunden, zum Teil freigesprochen. Im Fall  des ungarischen Deportationsprogramms hatte er sich nach Auffassung der Richter schuldig gemacht. Ebenso im Fall des Vernichtungsprogramms jüdischer Kinder.

Damals gab es Rettungsversuche für Tausende von jüdischen Kindern  - sie sollten zunächst in Großbritannien, dann in Palästina aufgenommen werden. Im Urteil heißt es:

 

Zitator 2:                                  Steengracht nahm an den Bemühungen zur Verhinderung der geplanten Rettungsaktion tätigen Anteil. Er wies die Gesandtschaft in Bukarest telegraphisch an, Marschall Antonescu davon zu unterrichten, daß die Auswanderung von Juden nach Palästina die freundlich gesinnten Araber sehr verstimmen würde; es sei im Interesse der rumänischen Regierung, sich die Stellungnahme des Reiches in der Frage der Auswanderung von Juden zu eigen zu machen; es müsse verlangt werden, daß die von der rumänischen Regierung erteilte Erlaubnis rückgängig gemacht werde.  (...)

In den geschilderten Verhandlungen hat sich die krasseste Perfidie offenbart, die man sich vorstellen kann. Wir haben es hier mit einem der seltenen Fälle zu tun, in denen Ribbentrop sich in seiner Eigenschaft als Außenminister an sein Außenamt um Rat gewandt hat; das Auswärtige Amt und sein Staatssekretär hatten hier endlich einmal Gelegenheit, zum Guten und nicht zum Bösen zu raten; hier hätte darauf hingewiesen werden können, daß es zur Verbesserung der außenpolitischen Beziehungen Deutschlands und zur Wiederherstellung seines Ansehens in der Welt beitragen würde, wenn man duldete, daß wenigstens Kinder vor der Vernichtung bewahrt würden.

 

 

Sprecherin:                               Im Fall der Kinder also wurde Steengracht von Moyland verurteilt, freigesprochen wurde er zum Beispiel im Fall der Abschiebung dänischer Juden sowie im Fall der Verschickung slowakischer Juden, außerdem wurde er - übrigens genauso wie Weizsäcker und Wörmann - von der Anklage der Verfolgung der Kirche freigesprochen.

Alle drei - Ernst von Weizsäcker, Ernst Wörmann und Adolf Steengracht von Moyland - erhielten Haftstrafen von 5 Jahren wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

Die übrigen 18 Angeklagten erhielten Freiheitsstrafen, die zwischen 3 Jahren zehn Monaten und 25 Jahren lagen.

 

Zitator 1:                                  Edmund Veesenmayer, Regierungsbevollmächtigter in Ungarn, wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Sklavenarbeit und Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation.

 

Zitator 2:                                  Hans-Heinrich Lammers, Reichsminister und Chef der Reichskanzlei, erhielt ebenfalls 20 Jahre, wegen Verbrechen gegen den Frieden, gegen die Menschlichkeit, wegen Kriegsverbrechen, Sklavenarbeit und Mitgliedschaft in verbrecherischen Organisationen.

 

Zitator 1:                                  Die höchste Strafe, 25 Jahre, erhielt Gottlob Berger, General der SS, wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Sklavenarbeit und Mitgliedschaft in verbrecherischen Organisationen.

 

Sprecherin:                               Im Oktober 1950 ordnete der Hohe Kommissar in der amerikanischen Besatzungszone, John D. McCloy, die sofortige Haftentlassung Ernst von Weizsäckers an. Er war der erste Nürnberger Verurteilte, dem vorzeitig die Freiheit wiedergegeben wurde.

Zahlreiche andere Verurteilte aus dem sogenannten Wilhelmstraßen-Prozeß wurden durch einen Gnadenerweis des Hohen Kommissars am 1. Februar 1951 entlassen, nachdem sie 5 ¾ Jahre verbüßt hatten. Die hohen Strafen von 20 und 25 Jahren wurden auf 10 herabgesenkt.

General Telford Taylor, Hauptankläger in Nürnberg, schrieb in seiner Zusammenfassung der Prozesse:

 

Zitator 3:                                  Nürnberg ist eine historische und moralische Tatsache, und mit ihr muß von jetzt ab jede Regierung in ihrer Innen- und Außenpolitik rechnen. Im Laufe der Zeit werden sich die harten und zackigen Umrisse des Dritten Reiches verwischen. Wenn die Zukunft wirklich einmal erfreulicher als die jüngste Vergangenheit aussehen wird, so wird die Erinnerung an die Greueltaten blasser werden, genauso wie der durch den Krieg erzeugte Haß allmählich ausstirbt. Man kann nur wünschen, daß dies geschieht.

 

 

Sprecherin:                               Winston Churchill bezeichnete das Verfahren gegen Ernst von Weizsäcker als „deadly error“, als „tödlichen Irrtum“ der Anklagebehörde. Auch die Richter des amerikanischen Militärtribunals machten sich die Verurteilung von Weizsäckers nicht leicht. Einer der drei Richter votierte für Freispruch.

 

Regie:                                      Take 22  (Gerichtsatmo, Gerichtsmarschall)

Defendant Ernst von Weizsäcker, (...)  - how do you plead to this indictment: guilty or not guilty? -- Ich erkläre mich für nicht schuldig.

 

 

Sprecherin:                               Ernst von Weizsäcker hielt sich sowohl am Anfang wie auch am Ende des Prozesses im Sinne der Anklage für unschuldig. Die Schuldfrage war damit für ihn jedoch noch nicht beantwortet. Sein Sohn Richard von Weizsäcker:

 

Regie:                                      Take 23

Mein Vater hat ein tiefes Gefühl dafür gehabt, daß die Zeit, in der lebte, die Aufgaben, die diese Zeit ihm stellte, ihn in eine Lage brachte, in der er, wie auch immer er sich verhielt, vor seinem eigenen Gewissen, oder wenn man so sagen darf, vor Gott, ganz gewiß keine Unschuld für sich in Anspruch nehmen durfte. Daß es sich aber um eine Schuld handeln würde, die er vor einem deutschen oder alliierten Gericht als solche hätte bekennen müssen, das allerdings hat er nicht geglaubt, und dafür hat er, wie ich finde, auch die besten Gründe. Wenn es sich um eine juristische Verfolgung seiner Taten hätte handeln müssen, die er, wenn Sie wollen, formal gesprochen als gerechtfertigt angesehen hätte, dann wäre es eine Verfolgung durch ein Gericht in der nationalsozialistischen Zeit wegen seiner doch an Hoch- und Landesverrat grenzenden Verbindungen zum Ausland gehandelt hätte. Aber von den Alliierten unter diesen Anklagepunkten schuldig gesprochen zu werden, das hat er als einen Widerspruch zu seiner eigenen höchst gewissenhaften Prüfung seines Lebens empfunden. Und ich muß gestehen, ich auch.

 

 

Sprecherin:                               Mit  dem Verfahren gegen die Ministerialbürokratie endeten die Nürnberger Prozesse. Begonnen hatten sie im Herbst 1945 mit dem Internationalen Militärtribunal gegen die Hauptkriegsverbrecher. War dieses Verfahren der  Amerikaner, Sowjets, Briten und Franzosen gegen Prominente Nazis wie Göring und Heß von der Öffentlichkeit noch intensiv verfolgt worden, so erlahmte das Interesse namentlich der Deutschen, als die Nachfolgeprozesse durchgeführt wurden. Mehr noch: In den Jahren 1947/48 schlug die Stimmung um: Immer vehementer wurde von Deutschen ein Ende der Prozesse gefordert. Der evangelische Bischof Lilje etwa verlangte 1949 einen Schlußstrich:

 

Zitator 1:                                  Der Augenblick ist gekommen, mit der Liquidation unserer Vergangenheit zu einem wirklichen Abschluß zu kommen. Ich spreche nicht von der wichtigsten psychologischen Erkenntnis, daß es vier Jahre nach dem Abschluß des Krieges keinen rechten Sinn mehr hat, noch immer nach Vergeltung zu rufen ... Wir haben von Gott eine Frist bekommen für die Klärung unserer eigenen Vergangenheit. Nach menschlichem Urteil ist diese Frist vorbei. ...  Es kann ein tiefes Verständnis des Glaubens der Christen an die Vergebung der Sünden sein, wenn sich unsere Blicke von der Vergangenheit abwenden und entschlossen in die Zukunft richten.

 

 

Sprecherin:                               Das amerikanische Militärtribunal hielt diesem Druck stand. Exemplarisch zog es die Eliten des Nazi-Regimes in Nürnberg zur Verantwortung. Die Verfahren waren wegweisend für den juristischen Umgang mit Terror-Regimen und Kriegstreibern - auch wenn es bis fast zum Ende unseres Jahrhunderts dauern sollte, bis der Impuls von Nürnberg aufgegriffen wurde.

 

Daß viele der Verurteilten nur einen Bruchteil ihrer Strafen absitzen mußten, steht auf einem anderen Blatt: Da wichen die politisch Verantwortlichen in den USA dem Druck aus Westdeutschland und folgten den neuen politischen Leitlinien des Kalten Krieges der 50er Jahre.

 

 

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