Forschung
und Gesellschaft 10.11.2005
Die
Regierung Hitler
Akten der
Reichskanzlei als Quelle historischer Forschung
Von Annette
Wilmes
Friedrich Hartmannsgruber
Man wird sagen, dass
natürlich jedes Jahr ab 1933 in der Geschichte des Nationalsozialismus auf seine
Weise wichtig war, weil es, wie wir heute wissen, ja im Grunde Vorkriegsjahr
war. Alle Jahre waren Vorkriegsjahre, nicht Friedensjahre. Auf die Entwicklung
lief es ja hin.
Autorin
Friedrich Hartmannsgruber bearbeitet die Edition „Akten der Reichskanzlei. Regierung Hitler 1933-1945“. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und des Bundesarchivs. Unlängst ist der Vierte Band der Edition erschienen, er umspannt das Jahr 1937.
Friedrich Hartmannsgruber
Das Bezeichnende ist ja
gerade, dass sich eben hinter der Alltagsfassade scheinbarer Normalität auch in
den so genannten Friedensjahren scheinbare Normalität und äußere Ereignisarmut,
Alltäglichkeit eben, nicht nur von Anfang an eben eine waffenstarrende
Aufrüstung ablief, sondern die tendenzielle Umstellung aller zivilen Bereiche,
angefangen von der Wirtschaft auf die Erfordernisse des Krieges und vor allem,
noch wichtiger, würde ich meinen, eine mentale Wehrhaftmachung, wie man sagte, Wehrhaftmachung
der Bevölkerung, die zum Beispiel den Reichsinnenminister schon 1936, also im
Jahr vor diesem jetzigen Band, hatte sagen lassen, das deutsche Volk befinde
sich in einem überreizten Zustand ständiger Mobilmachung. Schon im Jahr der Olympiade,
scheinbar friedlichem Jahr, diese den wirklichen Sachverhalt treffende
Äußerung.
Autorin
Mehr als 200 Quellen belegen das Handeln der Regierung im Nationalsozialismus. Staatliche Entscheidungsprozesse und deren Ziele, die das Regime mitunter hinter den dürren Buchstaben seiner Gesetze und Erlasse verbarg, werden transparent.
Knut Nevermann
Der Nutzen von
Quelleneditionen ist in der Fachwelt unbestritten, und er sollte es auch in der
an historischer Erkenntnis interessierten Öffentlichkeit sein. An Editionen
können nicht nur angehende Historiker die Kunst des kritischen Umgangs mit
ihrem Urstoff, eben den Quellen, erkennen und lernen, sondern die Editionen
ermöglichen auch die Erstorientierung und eine zielsichere Navigation in den
ungeheuren Quellenmassen, wie sie namentlich die Zeitgeschichte bereithält,
indem sie filtern, qualitativ verdichten, kommentieren und erschließen.
Autorin
Ministerialdirektor Knut Nevermann, Abteilungsleiter bei der Staatsministerin für Kultur und Medien, spricht über Quelleneditionen im Allgemeinen und über die Edition der „Akten der Reichskanzlei“ im Besonderen. 1968 hatte man damit begonnen, zunächst die Akten der Regierungen der Weimarer Republik herauszugeben.
Knut Nevermann
Es war zweifellos ein
ehrgeiziges Vorhaben, das nach zweieinhalb Jahrzehnten im Jahr 1990 im
Gesamtumfang von 23 Bänden erfolgreich abgeschlossen werden konnte, umfassend
alle Kabinette von Philipp Scheidemann 1919 bis Kurt von Schleicher 1932/33.
Autorin
Die „Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik“ – ein Projekt, das seinerzeit in Fachkreisen viel Anerkennung fand.
Knut Nevermann
Diese Edition zählt sozusagen
zu den Rückgrat-Serien der Weimar-Forschung, ist im besten Sinne historische
Grundlagenforschung von tendenziell zeitlosem Wert. Eine einzige Zahl mag dies
illustrieren: Heinrich August Winkler, den Sie alle kennen, stützt sich in
seiner 1993 veröffentlichten Geschichte der Weimarer Republik an nicht weniger
als 181 Belegstellen auf just diese Edition.
Autorin
Die Edition „Akten der Reichskanzlei. Die Regierung Hitler“ knüpft an die Grundsätze an, die schon für die Edition der Weimarer Kabinettsakten galten. Deren Herausgeber Karl Dietrich Erdmann schrieb:
Zitator
Dieser Aktenbestand ist (…) eine Fundgrube für die verschiedenen einzelnen Fragen der deutschen Politik. (…) Seine besondere Aussagekraft beruht jedoch darin, dass hier das Ineinandergreifen und die gegenseitige Bedingtheit der verschiednen Bereiche staatlicher Tätigkeit – Innen-, Außen-, Wirtschafts-, Sozial-, Verfassungs- und Wehrpolitik erkennbar werden. Die Akten der Reichskanzlei unter diesem Gesichtspunkt zu erschließen, ist der Zweck der (…) Reihe.
Autorin
Der erste Band erschien 1983, der zweite 1999 und der dritte 2002. Die Fertigstellung des vierten Bandes war der Anlass für Knut Nevermanns kleine Rede im Bundeskanzleramt, wo das Werk der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Er sprach gewissermaßen für den einen Mitherausgeber der Edition, für das Bundesarchiv. Für die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften sprach der Münchener Zeithistoriker Professor Hans Günter Hockerts.
Hans Günter Hockerts
Jetzt also liegt der neue
Band vor, 1937. Aber natürlich ist nicht die gesamte Regierungsaktenproduktion
dieser zwölf Monate abgedruckt. Es ging ja nicht darum, möglichst alles zu
reproduzieren, Spreu und Weizen. Was die Edition zum Vorteil der Benutzer
leistet, ist viel mehr die quantitative Verdichtung der Quellenmassen, die
aufwändige Kommentierung und das Angebot vielfältiger Erschließungshilfen,
darunter Indices für Namen, Sachen und Orte.
Autorin
Bearbeiter der Edition ist seit 1989 Friedrich Hartmannsgruber. Er ist wissenschaftlicher Angestellter der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und stieg beim zweiten Band ein.
Friedrich Hartmannsgruber
Ich bin jetzt ziemlich genau
16 Jahre mit dieser Tätigkeit befasst. Die ersten sechs Jahre habe ich nur
darauf verwandt, mich durch etliche tausend Aktenbände zu wühlen. Und dann nach
sechs Jahren war ich allerdings wirklich so weit, dass ich förmlich drauf
gebrannt habe, jetzt endlich mal was vorlegen zu können, man will ja auch
irgendwann mal die Ernte einfahren. Dauernd nur sammeln, um die Ernte in 30
oder 40 Leitzordnern vor sich zu sehen, das ist keine sehr schöne Aussicht.
Drum habe ich das dann wirklich dann an dem Zeitpunkt mal zunächst
abgeschlossen. Die Hauptaktenauswahl der Hauptbestände ist bereits jetzt
getroffen und liegt im Grunde fest mit einer Änderungsrate von vielleicht plus
minus zehn Prozent, was dann noch wegfällt oder dazukommt.
Autorin
Der jetzt vorliegende vierte Band beschreibt das Jahr 1937. Drei Jahre hat Friedrich Hartmannsgruber daran gearbeitet.
Friedrich Hartmannsgruber
Für 1937 ist an wichtigen Etappen
oder Einschnitten hervorzuheben, wenn man in der Außenpolitik anfängt, die
einseitige Auflösung der letzten internationalen Bindungen von Reichsbahn und
Reichsbank, damit die Abschüttelung der letzten Fesselungen von Versailles. Für
die Reichsbank hatte das zur Folge, dass sie nun auch offiziell zur
Durchführung aller ihr vom Reich zugedachten Geldgeschäfte verpflichtet war.
Und das hatte zur Folge den Verlust des Restes ihrer Unabhängigkeit mit fatalen
Folgen für die weitere inflationäre Kreditausweitung.
Autorin
Im Juni 1937 wurden die später so mächtigen „Reichswerke Hermann Göring“ gegründet. Mit der Folge, dass Besitzer von Erzlagerstätten verpflichtet wurden, sich in den Reichswerken zu einer Zwangsgemeinschaft zusammenzuschließen. Zu diesem Thema findet sich zum Beispiel die Vorlage eines Ministerialdirektors im Reichswirtschaftsministerium vom 22. Juli 1937 an Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht:
Zitator
Soeben ruft mich Staatssekretär Körner an und bittet mich, dem Herrn Präsidenten folgende Mitteilung zu machen: Herr Ministerpräsident Göring habe ihn beauftragt, dem Herrn Präsidenten mitzuteilen, dass die Andeutung, die der Herr Ministerpräsident vor etwas 4 bis 5 Wochen Herrn Schlattmann gemacht habe, nun Tatsache geworden sei. Es sei im Einverständnis mit dem Finanzministerium eine Reichsgesellschaft gegründet worden, die „Reichswerke A.G. für Erzbergbau und Eisenhütten Hermann Göring“. Der Herr Ministerpräsident habe seinen Namen für die Firma zur Verfügung gestellt, um damit das Gewicht zu bekunden, das er der Sache beilege.
Friedrich Hartmannsgruber
Das war ja das Ziel des
Regimes, die Wirtschaft sollte so organisiert sein, dass von einem Tag auf den
anderen gewissermaßen auf den Krieg umgestellt werden sollte. Das war der
Begriff der Wehrwirtschaft. Und der bedeutete eben auch, dass schon im Frieden
die Autarkie möglichst weit getrieben werden sollte, um im Kriegsfall die
Unabhängigkeit von äußeren Einfuhren sicherzustellen. Also, Schacht war
eigentlich dagegen, gegen diesen Weg, musste sich aber schließlich und endlich
dem Einfluss von Hermann Göring als Chef des Vierjahresplans einfach beugen und
hat dann das Handtuch geschmissen.
Autorin
Die Kriegsvorbereitung lief 1937 bereits auf vollen Touren. Das ist keine neue Erkenntnis. Es sei allerdings auch nicht die Aufgabe der Edition, spektakulär Neues zu finden, vor allem wenn man bedenkt, dass die Zeit des Nationalsozialismus zu den am gründlichsten erforschten Gebieten der neueren deutschen Geschichte gehört, sagt Friedrich Hartmannsgruber.
Friedrich Hartmannsgruber
Dennoch aber findet sich
immer wieder Überraschendes wie im Fall der Rheinlandbastarde. Bei den
Rheinlandbastarden handelte es sich um farbige Jungen und Mädchen, die aus Beziehungen
von deutschen Frauen aus dem Rheinland mit farbigen französischen farbigen
Besatzungssoldaten nach dem ersten Weltkrieg hervorgegangen waren. Diese Jungen
und Mädchen, es handelte sich da um 6-700 Personen, kamen nun allmählich in
das, wie man so sagt, fortpflanzungsfähige Alter. Und das Regime hatte zu
entscheiden, was machen wir mit denen. Denn es war durchaus nicht im Sinne
dieses Regimes, auf diese Weise eine Rassenmischung, wie man damals sagte,
zuzulassen. Und nun kam es eben dann zu dieser Entscheidung Hitlers, die alle
polizeilich zu erfassen auf einen Schlag und zwangsweise zu sterilisieren. Und
da kann nun die Edition den Beweis führen, dass diese Anweisung dieses barbarischen
Verhaltens wirklich von Hitler selber kam, nicht auf unterer Ebene getroffen
wurde, sondern wirklich aus der Reichskanzlei im Wege einer geheimen
Übermittlung eines Führervortrags an den Reichsinnenminister vonstatten ging.
Autorin
Das Schicksal der jungen Menschen aus dem Rheinland ist in der Forschung seit längerem bekannt. Aber erst durch die jetzt veröffentlichten Dokumente wird die persönliche Involvierung Hitlers belegt. Bisher war das nicht möglich, weil sich die Anordnung in den Geheimakten der Reichskanzlei befand, die bei Kriegsende vernichtet worden waren. Friedrich Hartmannsgruber sucht nun aber nicht nur in den Akten der Reichskanzlei, sondern auch in den Überlieferungen sämtlicher Reichsministerien. Die Geschichte der Zwangssterilisation belegt zum Beispiel eine Mitteilung des Auswärtigen Amtes an das Innenministerium mit Abschriften an das Justiz- und an das Finanzministerium und mehrere andere Behörden. In dem Schreiben, das als „Geheime Reichssache“ gekennzeichnet ist, meldet das Auswärtige Amt Bedenken gegen die Zwangssterilisierung an, weil sie im Ausland als „unerhörte deutsche Grausamkeit gegen unschuldige Menschen“ aufgefasst werden könnte. Das Auswärtige Amt empfahl, das Problem auf „humanere“ weniger auffällige Weise zu lösen:
Zitator
Das Auswärtige Amt schlägt daher vor:
1. die in Frage stehenden Negerbastarde aus der Zeit der Rheinlandbesetzung sofort durch polizeiliche Maßnahme zu kasernieren (z. B. im Arbeitslager),
2. entsprechend den in der Besprechung vom 11. März 1935 gemachten Vorschlägen ihre Exportation ins Ausland zu betreiben (z. B. Übernahme in italienische Kolonien oder freiwillige Abwanderung mit staatlichen Beihilfen).
Autorin
Der Führer lehnte die Vorschläge ab, die jungen Menschen wurden zwangssterilisiert.
Dagmar Pöpping
Der Sinn einer Edition ist, dass
man an Quellen kommt und nicht in die diversen Archive fahren muss, und vor
allen Dingen, dass diese Quellen bereits aufgearbeitet sind, das heißt, sie
sind kommentiert. Ich muss mir nicht selber erst die Mühe machen, diese Quellen
einzuordnen.
Autorin
Dagmar Pöpping hat selbst eine Edition bearbeitet, die Protokolle des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland im Jahr 1951.
Dagmar Pöpping
In Veröffentlichungen, wo es
um die deutsche Nachkriegsgeschichte geht, habe ich schon ziemlich häufig die Kabinettsprotokolle
der Bundesregierung benutzt, das ist eine ziemlich gute, große Edition. Solche
Sachen sind vor allen Dingen dann gut, wenn man zu bestimmten Themen einfach
mal ein Zitat sucht, wo man immer wieder ganz erstaunliche Funde macht und die
dann eben verwenden kann. Also zum Beispiel was die Regierung Adenauer, das ist
ein ganz aktuelles Beispiel, über die Türkei schon gedacht und gesagt hat im
Kabinett. Das sind natürlich ganz andere Sachen, als die CDU zum Beispiel heute
über die Türkei redet. Da kann man immer wieder Sachen finden, wo dann Leute
ganz erstaunt sind, die das nicht wissen.
Autorin
Für Historiker sind derartige Editionen von unschätzbarem Wert, auch wenn es sich immer nur um eine Auswahl von Quellen zu einem bestimmten Thema handeln kann. Und dabei spielen die speziellen Interessen und politischen Anschauungen des Bearbeiters natürlich auch eine Rolle. Allerdings sollten die ausgewählten Quellen in jedem Fall vollständig veröffentlicht werden, ergänzt die Bearbeiterin der frühen EKD-Protokolle aus eigener Erfahrung. Auszüge aus einem Dokument könnten historische Tatbestände auch verfälschen. Dagmar Pöpping:
Dagmar Pöpping
Weil ja innerhalb eines
Textes dann bestimmte Aussagen vielleicht am Ende wieder zurückgenommen werden
oder relativiert werden. Und wenn man das dann eben weglässt, entsteht ein
falsches Bild. Also insofern sollte sich natürlich jede Edition bemühen, jede
Quelle vollständig abzudrucken, sei sie auch noch so langweilig, weil man weiß
nie, was vielleicht in zehn, 20 Jahren für die Leute interessant ist.
Vielleicht ist dann gerade das interessant, was wir heute langweilig finden.
Autorin
Eine Monographie zu einem bestimmten Thema verliert schnell an Gültigkeit, wenn ihrem Autor oder ihrer Autorin nachgewiesen wird, Quellen falsch oder unvollständig zitiert zu haben. Arbeiten, die vielleicht vorher als Standard galten oder zumindest bestimmte historische Bilder prägten, werden hinfällig. Streit unter Historikern, der Anlass für solche Korrekturen sein könnte, gebe es genug, meint Dagmar Pöpping.
Dagmar Pöpping
Gerade was die Zeitgeschichte
angeht, es gibt sicher immer noch den Streit um die Stalin-Noten und die
Bedeutung, die sie damals gehabt haben für die Wiedervereinigung Deutschlands.
Also, es gibt hier immer noch genug Leute, die glauben, dass eine
Wiedervereinigung möglich gewesen wäre, und dass das Angebot Stalins, deutsche
Neutralität zu gewährleisten und so weiter, schon in Ordnung war. Darüber wird
es wahrscheinlich noch lange Streit geben. Es tauchen ja auch immer mal neue
Quellen dazu auf. Es gibt eigentlich über alles Streit. Gerade auch, was das
Dritte Reich betrifft. Da gibt es immer noch Streit zum Beispiel über zivilen
Ungehorsam, wie weit der ging und ob es ihn überhaupt gab. Zum Beispiel die
Rosenstraße, wo Frauen von jüdischen Zwangsarbeitern, die deportiert werden
sollten, demonstriert haben. Und da gibt es den Streit darüber, ob das wirklich
ziviler Ungehorsam war, der ja was gebracht hat in dem Fall. Oder ob das
einfach eine Sache war, die von oben beschlossen wurde, dass die Leute dann
doch nicht deportiert wurden. Oder teilweise wieder zurückkamen. Kurz und gut,
da geht es auch immer um Quellenauslegungen. Und wenn jemand etwas Bestimmtes
sagen will und nur bestimmte Teile einer Quelle zitiert, dann entsteht
vielleicht ein falsches Bild.
Autorin
In der Edition „Akten der Reichskanzlei. Die Regierung Hitler“ hat Friedrich Hartmannsgruber als Bearbeiter natürlich auch eine bestimmte Auswahl getroffen.
Friedrich Hartmannsgruber
Grundsätzlich ist es so, dass
solche Stücke ausgewählt werden, welche die Entscheidungsfindung im weitesten
Umfang sichtbar machen. Das heißt also, die Interessen der beteiligten Stellen,
konkret also der Ressorts, der Reichsministerien, ihre Intentionen und
Abänderungswünsche, Dokumente, die mögliche Alternativen aufzeigen und die
schließlich gefundenen Lösungen. Daneben kommen natürlich auch für den Abdruck
in Frage grundsätzlich alle geheimen Gesetze und Erlasse, soweit sie nicht im
Reichsgesetzblatt oder anderen Verkündigungsformen abgedruckt sind. Auch
geheime Verwaltungsanweisungen, in dem Band zum Beispiel die
Verwaltungsanweisung zur Umsetzung der geheimen Grenzzonenverordnung, an der
Grenze zu Polen und der Tschechoslowakei. Also, es ist ein breites Spektrum.
Wichtig ist wie gesagt, die Dokumente sollen so komplex sein, dass aus ihnen
die Entscheidung nachvollziehbar ist, auch mithilfe des Kommentars dann
notfalls.
Autorin
Eigentlich sollen die Dokumente für sich selbst sprechen. Der Kommentar ist jedoch nötig, allein schon weil manche Ausdrücke heute nicht mehr geläufig sind, aber auch Sachverhalte müssen gelegentlich erklärt und eingeordnet werden.
Friedrich Hartmannsgruber
Zum Beispiel das Wort die
Getreidebewegung, mit dem wird heute keiner mehr etwas anfangen können. Das
meint eben einfach den gesamten Komplex der Steuerung, der Erfassung und
Bewirtschaftung der gesamten Getreideproduktion im Rahmen der
landwirtschaftlichen Marktordnung damals durch den Reichsnährstand. Oder zum
Beispiel kommt sehr oft vor im Rahmen der Kriegsvorbereitung das Wort A-Fall.
A-Fall heißt eben einfach Aufstellungsfall, also bedeutet die allgemeine
Mobilmachung. Und solche Sachen ganz einfach muss man natürlich nicht nur dem einfachen
Leser, sondern auch dem Fachhistoriker bisweilen erklären. In einer
Auswahl-Edition wie der unseren muss der Kommentar auch noch eine weitere
Funktion erfüllen, er muss nämlich auch die Brücke zwischen zwei Dokumenten
desselben Sachverhalts schließen. Er muss auch die Vorgeschichte kurz
darstellen und den Ausblick resümieren.
Autorin
Hinter dürren Zahlen, lakonischen Anmerkungen und anscheinend nichts sagenden Gesetzestexten aus den Akten der Regierung Hitler verbergen sich mitunter unmenschliche Planungen, aus denen grauenvolle Taten wurden. Friedrich Hartmannsgruber sagt von sich, es könne ihn da nichts mehr überraschen, nachdem er sich so viele Jahre durch Tausende von Aktenbänden durchgearbeitet hat. Er müsse sich vielmehr immer wieder aufs Neue klar machen, welche Ungeheuerlichkeiten sich bisweilen hinter äußerlich völlig unverfänglichen Formulierungen verbergen.
Friedrich Hartmannsgruber
Es ist eben genau immer das,
die oft unmittelbare Nachbarschaft von qualifizierter, niveauvoller Sachauseinandersetzung
und einer brachialen, ganz dumpfen braunen Ideologie, die sich oft in einem
Dokument unmittelbar nebeneinander findet. Ich verweise hier auf ein Stück aus
dieser Edition, übrigens dem längsten des Bandes, wo einem höchst instruktiven
und auch sachgerecht abwägenden Vortrag des Leiters der Abteilung für
bürgerliches Recht im Reichsjustizministerium über den Reformbedarf im
unehelichen Recht und im Recht der unehelichen Mütter; unmittelbar darauf folgt
eine lange Suada Himmlers, der auch in dieser Besprechung anwesend ist, der nun
die Homosexualität zum furchtbarsten bevölkerungspolitischen Problem
stilisiert, das natürlich mit allen polizeilichen Mitteln bekämpft werden
müsse. Und der dann auch das Problem in der unehelichen Mutterschaft schlicht
auf die Frage reduziert, er sagt, dem Feldherrn, der einst im Osten oder sonst
wo in Europa das Schicksal des deutschen Reiches oder der Welt zu entscheiden
haben wird, dem sei es völlig gleichgültig, ob seine Musketiere ehelich oder
unehelich seien. Das allein ist ihm wichtig.
Autorin
208 Dokumente hat Friedrich Hartmannsgruber ausgewählt, und noch mal viel mehr in die Kommentierung und das Geflecht der Verweise einbezogen. Vollständig wurden die so genannten Führervorträge publiziert.
Friedrich Hartmannsgruber
Diese Führervorträge und ihre
große Wichtigkeit und Bedeutung sind eigentlich auch wieder ein Ergebnis des
speziellen Regierungsstils von Hitler. Hitler war ja ein Regierungschef, wenn
man ihm diesen Titel geben will, der nicht am Schreibtisch gearbeitet hat. Man
findet in den Akten so gut wie nie Hinweise, dass er Akten bearbeitet hätte.
Also keine Randvermerke, keine Abzeichnungen oder keine sonstigen
Anstreichungen. Das findet man nicht.
Autorin
Mit der vollständigen Wiedergabe der Führervorträge leiste die Edition etwas wirklich Neues, hob Professor Hans Günter Hockerts hervor, als er den vierten Band der Öffentlichkeit vorstellte.
Hans Günter Hockerts
Im neuen Band, also für das
Jahr 1937, weist Herr Hartmannsgruber insgesamt 552 Vortragsbetreffe nach. Weil
diese Vorträge nicht geschlossen überliefert, sondern über rund 3000 Aktenbände
verstreut, eine zeitaufwändige Suche also, aber wissenschaftlich lohnendes
Unterfangen. Wir versprechen uns nämlich zweierlei von einer solchen seriellen
Erschließung. Denn erstens kann sie bei der genaueren Bestimmung der Rolle
Hitlers im NS-Herrschaftssystem helfen, die in der Forschung ja durchaus
umstritten ist. Und zweitens kann jeder einzelne Betreff einen Baustein bilden
in einer historischen Argumentation.
Autorin
So wie es bereits im Fall der so genannten Rheinlandbastarde dokumentiert wurde. Die Themenvielfalt dieser Vorträge ist enorm.
Friedrich Hartmannsgruber
Erstaunlich ist zunächst schon
mal, mit welcher Hingabe sich Hitler dem Ankauf einzelner Kunstgemälde widmete
oder der Bezuschussung von Theateraufführungen in Weimar oder wo auch immer.
Die wurden dann aus seinem Dispositionsfond bezuschusst oder sogar ganz
bezahlt. Oder dem Umfang, in dem er sich auch der Abwicklung von Bauvorhaben,
das war sein Lieblingsmetier, widmete.
Autorin
Hitler stimmte dem Bau eines neuen Botschaftsgebäudes in Washington zu, weil das alte unansehnlich sei und überdies inmitten eines – so wörtlich – ‚Negerviertels’ liege. Mehrfach kommt das Thema Nobelpreis zur Sprache. Das norwegische Komitee hatte den Friedensnobelpreis dem im KZ und später im Polizeikrankenhaus inhaftierten Carl von Ossietzky verliehen, woraufhin Hitler im Januar 1937 die Annahme eines Nobelpreises durch Deutsche „für alle Zukunft“ untersagte.
Friedrich Hartmannsgruber
Auch seine Rolle als
Sprachreiniger nimmt er mitunter sehr ernst. Es gibt da einen Fall, da legt der
Reichsinnenminister einen Verordnungsentwurf vor, der heißt Entwurf eines
Erlasses des Führers und Reichskanzlers über die Befugnis zur Verleihung des
Rechtes zum Tragen der Tracht des Reichsarbeitsdienstes. Ein Bandwurmtitel, und
der gesamte materielle Inhalt ist in einem einzigen mehrzeiligen Schachtelsatz
versteckt. Hitler wird nun dieser Erlass vorgelegt zur Unterschrift, er liest
ihn durch und weist ihn zurück als eine, wie er sagt, sprachliche
Unmöglichkeit. Also, dieser Erlass wird dann noch zwei weitere Male
vorgetragen, bis er ihm so weit verständlich formuliert ist, dass es auch
Nichtjuristen verstehen. Das ist ein Fall, der ganz bezeichnend ist für die
Verbissenheit, mit der sich Hitler in für uns ganz kleine Probleme hinein
vertiefen konnte und auch darauf bestand, die dann auch zu lösen.
Autorin
Für die Vorträge bei Hitler war Hans-Heinrich Lammers zuständig, der Chef der Reichskanzlei, den Hans Günter Hockerts so beschreibt:
Hans Günter Hockerts
Ein staats- und
verwaltungsrechtlich höchst qualifizierter, wenn auch politisch absolut
rückgratloser Laufbahnbeamter; der einzige Jurist, über den Hitler sich immer
nur lobend geäußert hat. Was Hitler an seinem Kanzleichef schätzte, war die
immense Tüchtigkeit sowie – in Hitlers eigenen Worten – das „Geschick, für die
Staatsnotwendigkeiten die passende juristische Untermauerung zu finden“,
einschließlich der Bereitschaft, füge ich hinzu, wo immer nötig an der
Liquidation des Rechtsstaats mitzuwirken. 1949 im Wilhelmstraßenprozess ist
Lammers übrigens zu 20 Jahren Haft verurteilt worden, zweieinhalb Jahre später
aber begnadigt und entlassen.
Autorin
Lammers hatte selbst keine Entscheidungskompetenz. Er war ein williger Vollstrecker.
Friedrich Hartmannsgruber
Es gibt da das bekannte
Zitat, das Joseph Goebbels in sein Tagebuch geschrieben hat, bereits im April
1933, in dem er sich aufs Reichskabinett bezieht und schreibt, abgestimmt wird
nicht mehr, der Führer bestimmt.
Autorin
Der Jurist Hans-Heinrich Lammers musste lediglich dafür sorgen, dass formell alles in Ordnung war. Aber wofür waren die vielen Gesetze und Verordnungen, um die es auch in den Führervorträgen ging, überhaupt noch nötig in einem Führerstaat, wozu brauchte Hitler Gesetze?
Friedrich Hartmannsgruber
Er brauchte schlicht genommen
überhaupt keine Gesetze, hätte keine gebraucht. Aber er wollte ja, genau wie er
sagte, er sei auf legalem Wege zur Macht gekommen, mit Machtergreifung,
Machtübernahme hieß es ja, auf legalem Wege, genauso brauchte er die Fiktion,
dass alles in seinem Staat mit rechten Dingen im Wege der Gesetzgebung ablief.
Wir haben ja nun, das ist ja nicht unbekannt, die Erscheinung, dass selbst das
Unmenschlichste, die unmenschlichste Verfügung auch später dann im Krieg, was
die Endlösung oder die Judenvernichtung anbetraf, alles konnte sich auf eine
formelle gesetzliche Grundlage berufen oder Verordnungsgrundlage berufen. Also,
das war ihm offenbar wichtig.
Autorin
Und dabei spielte die Reichskanzlei eine wichtige Rolle. Die Edition der Akten habe einen großen allgemeinen Orientierungswert, sei offen für viele Blickwinkel und nutzbar für verschiedene Forschungsansätze, davon ist Hans Günter Hockerts überzeugt.
Hans Günter Hockerts
Wer sich für Gender History
interessiert, wird beim Dokument Nr. 127 innehalten. Denn da wird als Weisung
mitgeteilt, dass – wörtlich – „der Führer grundsätzlich nur die Ernennung von
Männern zu Beamten des höchsten Dienstes wünscht“. Wer die Sprache der
Exekutive erschließen will, ihre Wörter, ihre Metaphern, ihre
Selbstbindungseffekte durch Sprache, der findet hier viel Rohstoff, von den
„Rheinlandbastarden“ bis zum „Gefangenenmaterial“. Wer die Kirchenpolitik im
Auge hat, wird hier besonders fündig, denn 1937 ist ein Jahr der scharfen
Zuspitzung im Verhältnis des Regimes zu den christlichen Konfessionen. Vor
allem die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ provozierte wütende Ausfälle. Eine
Zeitlang trug sich das Regime mit dem Gedanken, das Reichskonkordat einseitig
zu kündigen.
Autorin
Soweit die Einschätzung des Münchener Zeithistorikers Hockerts. Die Bestände, aus denen Friedrich Hartmannsgruber die Dokumente für die Edition zusammengestellt hat, liegen hauptsächlich im Bundesarchiv.
Friedrich Hartmannsgruber
Diese Edition ist ein Gemeinschaftsunternehmen
der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in
München und dem Bundesarchiv. Ein Projekt, das schon lange, schon vier
Jahrzehnte zurückreicht. Und es beinhaltet natürlich auch die Teilung der Kosten
durch die beiden Institutionen. Und der Anteil des Bundesarchivs besteht eben
darin, dass man mir auch im Bundesarchiv Arbeitsmöglichkeiten einräumt, dass
ich Akten benutzen kann wie Archivare sonst auch, und dass ich da an den
allgemeinen Geschäftsbetrieb eben angebunden bin. Das ist eigentlich ganz
vorteilhaft, und ich fühle mich da auch ganz gut aufgehoben bisher.
Autorin
Die Edition der „Akten der Reichskanzlei. Die Regierung Hitler“ wird fortgeführt und auch weiterhin bearbeitet von Friedrich Hartmannsgruber, der seit 16 Jahren die Dokumente sichtet, sammelt, ordnet und auswählt.
Friedrich Hartmannsgruber
Also Symptome, wie man sie
oft von Editoren hört, dass die nach einigen Jahren ein gewisses Burnout
Syndrom oder Symptome an sich verspüren, habe ich eigentlich noch nicht, weil
eben alle Sachverhalte immer vorkommen, das heißt, die Arbeit wird nie
langweilig, es ist nicht nur ein, immer nur Verkehrspolitik oder immer nur
Sozialpolitik, sondern es ist das gesamte Spektrum der Politik. Und insofern
ist es auch abwechslungsreich genug. Es geht natürlich weiter. Die
Editorentätigkeit bringt es mit sich, dass man nur dann zu Potte kommt, wenn
man sie mit Sitzfleisch, mit Ausdauer mit Beharrlichkeit betreibt. Und insofern
gehe ich dann jetzt an den Band 5, 1938. Es erscheinen ja immer Jahresbände.
Autorin
Die Edition der Akten zeigt die Reichsregierung unter Hitler in Aktion, in der Verflechtung der verschiedenen Ressorts: des Außen-, Innen-, Justiz- und Finanzministeriums und anderer Behörden. Die Geschichte des Nationalsozialismus muss zwar nicht neu geschrieben werden, aber neu ist die Systematik der Erfassung, die editorische Gesamterschließung. Sie bietet ein verlässliches Instrument, mit dessen Hilfe sich Historiker ebenso wie interessierte Laien informieren und Texte kontrollierend lesen können. Unendlich viele Details gibt es zu fast jeder Fragestellung. Das ist der unschätzbare Wert der Edition der „Akten der Reichskanzlei. Die Regierung Hitler“.
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Literatur