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13.9.2005
Sachbuch:
“Seilschaften – Die verdrängte Vergangenheit des Auswärtigen Amtes” von
Hans-Jürgen Döscher
Propyläen
Verlag, Berlin 2005, 383 Seiten, € 22,00
Rezensentin: Annette Wilmes
Am Wochenende hat die von Außenminister Joschka Fischer einberufene Historikerkommission zur Erforschung der Rolle des Auswärtigen Amtes in der NS-Zeit ihre Arbeit mit einem Colloquium aufgenommen. Eingeladen war auch Hans-Jürgen Döscher, dessen Buch mit dem Titel “Seilschaften – Die verdrängte Vergangenheit des Auswärtigen Amtes” wenige Tage zuvor erschienen ist. Der Osnabrücker Historiker hat sich nicht zum ersten Mal mit dem Thema befasst. Seine 1987 und 1995 erschienen Werke sind vergriffen. Annette Wilmes stellt das neue Buch vor.
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Autorin
Hans-Jürgen Döschers Buch ist wissenschaftlich fundiert. Der geschickte Aufbau, die Zitate aus Verhören, Zeugenbefragungen und Zeitungsartikeln und immer wieder eingebaute kleine Anekdoten machen es jedoch auch für den historischen Laien gut lesbar.
Zitator
Tatsache ist, dass auch Diplomaten, die der NSDAP und SS fern standen, die Maßnahmen des Regimes zur Vernichtung der europäischen Juden hinnahmen, billigten und durch ihr Verhalten sanktionierten – trotz unbestreitbarer Kenntnis der Massentötungen seit Anfang 1942.
Autorin
Mit zahlreichen Quellenangaben
belegt Hans-Jürgen Döscher, dass die Diplomaten über die Morde informiert
gewesen sein müssen. Zum Beispiel der Gesandte von B., der in Belgien tätig
war. Es ging um die Deportation von Juden nach Auschwitz.
Döscher zitiert aus einem Bericht an das Auswärtige Amt vom 27. November 1942:
Zitator
Die Evakuierung der Juden aus Belgien hat für dieses Jahr ihren vorläufigen Abschluss gefunden. Es sind insgesamt in 14 Transporten 16 882 jüdische Personen aus Belgien entfernt worden. In den kommenden 34 Monaten werden keine Transporte durchgeführt, jedoch werden solche für das nächste Jahr vorbereitet und weitere Juden den Sammellagern zugeführt.
Autorin
Das ist der Bericht eines Bürokraten
über Transporte in den Tod. Gesandter von B., seit Frühjahr 1933 Mitglied der
NSDAP, ab 1947 Mitglied der CDU, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg auf
Empfehlung einflussreicher Kollegen wieder in den Auswärtigen Dienst
eingestellt. Er beendete seine Karriere 1963 als Botschafter der Bundesrepublik
Deutschland in Bagdad, ausgezeichnet mit dem Großen Verdienstkreuz. Am 22.
November 1975 ist von B. in Bonn verstorben.
Mit zahlreichen weiteren Beispielen belegt Döscher, wie die Erfüllungsgehilfen
der Nazis nach dem Krieg das Entnazifizierungsverfahren durchliefen, und wie
leicht es ihnen dabei gemacht wurde. Gesandter von B. zum Beispiel schaffte es,
sich als “beharrlicher Widerstandskämpfer” darzustellen.
Oder Herbert Blankenhorn, Diplomat von 1925 bis 1945 im Auswärtigen Amt, seit
1938 NSDAP-, seit 1946 CDU-Mitglied. Er war Adenauers Mann, als das neue Amt
aufgebaut werden sollte. Der Kanzler, gleichzeitig Außenminister, wollte zwar
mit den alten Leuten so wenig wie möglich zu tun haben, aber Blankenhorn vertraute
er. Döscher zitiert aus Blankenhorns Zusicherung, keine ehemaligen Nazis in den
Konsulatsdienst der Bundesregierung einzustellen:
Zitator
Da praktisch der gesamte ehemalige Konsulatsdienst in die Partei eintreten musste, müssen wir neue finden und ausbilden. Dies hat uns jedoch eine einmalige Gelegenheit gegeben, wir haben beschlossen, mit der alten hitlerschen Tradition zu brechen. Wir interessieren uns nicht im Geringsten für die Klasse, den Reichtum oder den Einfluss des Kandidaten. Jeder muss eine Chance haben.
Autorin
Leere Worte. Eingestellt wurden
fast ausschließlich Berufsdiplomaten des alten Amtes, Angehörige des Adels oder
des akademisch gebildeten Großbürgertums. Man habe auf die Professionalität der
Berufsdiplomaten nicht verzichten können, wurde erklärt. Es waren auch
angeblich unbelastete darunter, weil sie nicht der NSDAP angehört hatten. Ein
völlig unbrauchbares Kriterium, schreibt Hans-Jürgen Döscher, denn einige waren
nur deswegen nicht Mitglied der Partei, weil man sie nicht aufgenommen hatte.
Es war eben ein Märchen, dass alle mehr oder weniger unter Zwang eintreten
mussten. Manche wollten nicht, und manche durften nicht.
Schnell kam Kritik auf, dass wieder die alten Seilschaften das Geschick der
noch jungen Bundesrepublik im Ausland vertreten sollten. Eine Artikelserie in
der Frankfurter Rundschau Anfang September 1951 löste schließlich die
Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses aus. Heraus kam:
Zwei Drittel der Führungskräfte im Bonner Auswärtigen Amt waren ehemalige
NSDAP-Mitglieder. Von 21 überprüften Diplomaten hielten die Ausschussmitglieder
nur fünf für uneingeschränkt geeignet.
Hans-Jürgen Döschers Buch bewertet die “Seilschaften” durchaus differenziert,
bietet neue Erkenntnisse dank inzwischen vorliegender Akten und bezieht auch
aktuelle Entwicklungen ein. Dazu gehört, dass die bisherige beschönigende
amtliche Darstellung vom “zähen, hinhaltenden Widerstand des Auswärtigen Amtes
gegen die NS-Machthaber” endlich aufgegeben wurde.
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