Anmoderation
Kein
Zweifel: Viele Kinder – ob Deutsche oder Migranten – brauchen eine sprachliche
Förderung, am besten schon im Kindergarten, spätestens in der Grundschule. Aber
wie kann ihnen geholfen werden? Mit dem bloßen Pauken von Rechtschreibung und
Grammatik bestimmt nicht. Dahin aber führt ein Weg, den Berlin gerade
einschlägt – ein Holzweg, der allen sprachdidaktischen Forderungen der letzten
Jahrzehnte widerspricht. Aber noch ist eine Umkehr möglich: in diesem Jahr sind
nur vier Bezirke betroffen, erst im kommenden Jahr soll der neue Plan für ganz
Berlin gelten.
In
einer Berliner Kindertagesstätte wird Geburtstag gefeiert. Vehbi ist sechs
Jahre alt geworden, im Sommer kommt er ins erste Schuljahr. Um ihn herum sitzen
andere Sechsjährige an einem Tisch, knabbern Chips und unterhalten sich
angeregt mit der Erzieherin über Vehbis Geburtstagsgeschenk.
„Na, was hast du alles schon entdeckt, was ist denn da drin, Vehbi? – Ein Stempel, ein Stift, Seifenblasen. – Ich hab‘ das, wo du mir das geschenkt hast, aufgemacht. ... Hanna hat auch so eine ... Klappt das? – Man darf nicht so viel drücken; dann geht‘s ab.“
Und
mitten in das muntere Gespräch hinein kommt die Journalistin und fragt ein kleines
Mädchen:
„Geburtstag
hat.“
Spricht’s und dreht der lästigen Fragerin kurzerhand den Rücken zu. Wen wundert’s, meint die Diplompädagogin Petra Wagner.
„Ja, das war jetzt genau so eine Situation wie bei einem Test. Also man fragt was, und die Kinder haben den Mund voll Chips und eigentlich gar keine wirkliche Motivation in ganzen Sätzen zu sprechen oder überhaupt Ihre Fragen zu beantworten.“
Was
jedem unmittelbar einleuchtet – der Berliner Schulbehörde will es nicht in den
Kopf. Ihr jüngstes Bravourstück – nach etlichen anderen Ungereimtheiten in
Sachen Sprachunterricht – heisst „Bärenstark“. Eine sogenannte
Sprachstandserhebung für Kinder, die kurz vor der Einschulung stehen, damit die
künftige Schule bei Bedarf Fördermaßnahmen ergreifen kann. Vier
Aufgabenbereiche sollen Hinweise über die „Sprachhandlungskompetenz“ eines
Kindes geben; alle sind angeblich „kindgemäß, handlungsorientiert und
situativ“. Die Wirklichkeit sieht anders aus.
Im
ersten Aufgabenbereich beispielsweise muss das Kind Körperteile zeigen und
benennen. Hilfsmittel ist ein Teddybär, wohl um dem Kind die Kommunikation mit
der fremden Lehrerin zu erleichtern. „Streichle den Bär – am Kopf! am Arm! am
Bauch! am Rücken! am Bein!“ fordert die Lehrerin das Kind nacheinander auf. Für
jedes „richtige“ Zeigen und Benennen erhält das Kind einen Punkt. Ähnlich
Aufgabenbereich zwei, drei und vier: Stets stellt die Lehrerin eine Aufgabe,
das Kind erfüllt sie und bekommt dafür Punkte. Ein Verfahren, dass dem
kindlichen Sprechen keineswegs gerecht wird.
„Es ist einfach für Kinder schwierig, wenn eine komplett fremde Person sie in so eine Testsituation bringt und dann etwas abfragt, weil Kinder sehr schnell merken, jetzt wird etwas abgefragt, und es ist nicht ein normales Gespräch über irgendetwas, das den anderen auch interessiert. – Wir machen wirklich die Erfahrung, dass Kinder schon ganz früh merken, wo so eine Bewertung oder so eine Abfragesituation geschaffen wird. Es gibt so eine interessante Gegenüberstellung von so einem didaktischen Sprechen und dem Alltagssprechen, und Alltagssprechen wäre das, worin Kinder zeigen können oder worin man erkennen kann, wie Kinder sprachlich handeln. Das eine ist, im Alltag würde man sagen: ‚Denise, wie spät ist es?‘ Dann sagt Denise ‚Halb drei‘. Und dann sagt man ‚Danke‘. Und im didaktischen Sprechen sagt man ‚Denise, wie spät ist es?‘ Sie sagt ‚Halb drei‘. Man sagt ‚Sehr gut!‘.
Und das bringt so auf den Punkt, in was für Situationen man Kinder bringt, indem man abfragt und nicht tatsächlich kommuniziert über Dinge, die einem ein Anliegen sind. Und das merken Kinder.“
Petra Wagner, Mitarbeiterin im internationalen Projekt „Kinderwelten“, das vom Institut für den Situationansatz der Berliner Freien Universität unterstützt wird, ist nicht die einzige Kritikerin von „Bärenstark“. Heftige Proteste kommen u.a. vom Berliner Institut für Mehrsprachigkeit sowie von Erziehungs- und Sprachwissenschaftlerinnen der Universitäten Hamburg und Köln. Denn die sprachlichen Leistungen, zu denen die Lehrerin das Kind auffordert, liegen allein auf der lexikalisch-syntaktischen Ebene; das Kind soll beweisen, dass es grammatisch korrekte Regeln einhalten kann. Es geht also letztlich um Drill und damit um einen völlig antiquierten Sprachunterricht. Er entspricht genau den überholten Bildungsvorstellungen, die dafür gesorgt haben, dass Deutschland in der Schulleistungsstudie PISA einen der hinteren Plätze einnimmt. Deutsche Kinder lernen Formeln auswendig, das wirkliche Verstehen und die Anwendung lernen sie nicht.
Sprachhandlungskompetenz ist wesentlich umfassender als die formale Kenntnis von Satzbauplänen und Rechtschreibregeln. Sie meint die Fähigkeit, verschiedene Situationen richtig einschätzen und entsprechende sprachliche Mittel einsetzen zu können. Das aber lernt ein Kind – ob deutscher oder nichtdeutscher Herkunftssprache – nur in der Situation selbst. Petra Wagner schlägt deshalb vor, das Kind in seinem Alltag – zum Beispiel im Kindergarten – zu beobachten:
„Und dann könnte man mit den Beobachtungen über ihr sprachliches Handeln auch Aufschluß darüber bekommen, was sind im Kindergarten denn überhaupt kommunikationsstarke Situationen, was meint man mit ‚Sprachfreundlichkeit‘, wenn man es so sagt. Und das könnte man rauskriegen, indem man sie in verschiedenen Alltagssituationen beobachtet und dann merkt, in manchen Situationen verstummen sie, und in machen Situationen mit bestimmten Gesprächspartnern, da sind sie ganz engagiert bei der Sache.“
Ein
Beobachtungsbogen mit entsprechenden Kriterien – und zwar für Migrantenkinder -
wird gerade am Münchner Staatsinstitut für Frühpädagogik entwickelt. „Am
Frühstückstisch“ oder beim „Geprächskreis“ sind zum Beispiel die Situationen,
in denen die Erzieherinnen die Kinder beobachten. Die Merkmale heißen unter
anderem: „Das Kind schweigt“ oder „spricht sehr leise“, „hört aufmerksam zu“
oder „erschrickt, wenn es direkt angesprochen wird“, „gibt eine angemessene
Antwort, wenn es direkt gefragt wird“ oder „bringt von sich aus eigene Beiträge
ein“. Der zweite Teil des Beobachtungsbogens geht dann verstärkt auf das
„Sprachvermögen“ im engeren Sinn ein (also auf Artikulation, Wortschatz,
Grammatik, Satzbau usf.). Der dritte Teil schließlich umfasst auch die
familiäre Situation des Kindes.
Der
Unterschied zu „Bärenstark“ liegt auf der Hand: Während die Berliner Erhebung
nur den Sprachstand im Moment des Tests feststellt, registriert der Münchner Beobachtungsbogen
die sprachliche Entwicklung eines Kindes über einen längeren Zeitraum hinweg;
vor allem können die Erzieherinnen hier feststellen, wie Kinder ihren
Lebensalltag sprachlich bewältigen.
„Der
Beobachtungsbogen ist eine Hilfe für deutschsprachige Erzieherinnen, gibt ihnen
einige Fragen an die Hand, mit denen sie in ganz bestimmten Situationen im
Kindergartenalltag genauer gucken können, was macht da das Kind eigentlich, wie
setzt es Sprache ein, und wie kommt es zum Ziel auch, wie kommt es in der Kommunikation
zu seinem Ziel?“
Der
Beobachtungsbogen für Migrantenkinder könnte – in abgewandelter Form – auch
deutschen Kindern dienen, auch bei ihnen hapert es schließlich nicht selten an
der Sprachfähigkeit. Berlin braucht also bloß über die regionalen Grenzen
hinauszusehen: Anregungen für einen verbesserten Deutschunterricht gibt es
schon, und die entsprechen weit eher dem sprachlichen Handeln als „Bärenstark“.