SFB / ORB
* radio kultur
Gulliver
Sätze und Gegensätze
Manuskript: Annette Wilmes
Redaktion: Johannes Wendt
Sendetag: 13. Januar 2001
Sendezeit: 17.05 Uhr
92,4 MHz
Redakteur: Radio Kultur wie immer um diese Zeit
mit der Sendung Gulliver, die heute in ein verschlossenes Terrain führt - in
den Berliner Männerknast. Jonathan Swift ließ seinen Lemuel Gulliver gleich im
ersten Kapitel zum Gefangenen werden. Im Reich der Liliputaner wachte er als
riesiger Menschenberg auf - gefesselt und später gekettet. 36 Schlösser an 91
Ketten wurden gezählt. Der gnädige Kaiser immerhin untersagte den Wächtern und
anderen Untertanen - bei Todesstrafe - , den Menschenberg zu betreten. Aus der
weiten Welt der Fantasie von damals springen wir nun in die enge Wirklichkeit
von heute mit Annette Wilmes; denn Frauen sind im Berliner Männerknast nichts
Ungewöhnliches mehr:
Regie: Gulliver-Spot,
direkt daran:
Take 1 (Wolfgang Fixson, Anstaltsleiter Moabit)
Ich bin ein großer Fan des Einsatzes von weiblichen Vollzugsbeamtinnen im geschlossenen Männervollzug, und ich glaube als Leiter einer der größten deutschen Haftanstalten sagen zu können, dass wir auch im Vergleich zur Bundesrepublik insgesamt doch Vorreiterfunktion dargestellt haben. Auch hier in Moabit gerade, was die Art und Weise des Einsatzes von weiblichen Mitarbeiterinnen betrifft.
Autorin: Wolfgang Fixson, Leiter der Justizvollzugsanstalt Moabit, der Berliner Untersuchungshaft für Männer.
Regie: Take 2
Wir haben weibliche Kolleginnen auf Stationen eingesetzt zu Zeiten, wo das sicherlich in vielen bundesdeutschen Anstalten noch undenkbar war.
Autorin: So brachen vor etwa 10 Jahren weibliche Bedienstete in eine reine Männerdomäne ein. Frauen im Männervollzug, das waren bis dahin allenfalls Sozialarbeiterinnen oder Psychologinnen.
Regie: unter den Text ziehen
Autorin: Gulliver hat sich in den Männer-Knästen Berlins umgesehen, zunächst in Moabit, wo etwa 1300 Männer in Untersuchungshaft sitzen. Für die Gefangenen hier gilt die Unschuldsvermutung, das heißt, sie stehen zwar unter dringendem Tatverdacht, gelten aber als unschuldig, bis ihr Urteil rechtskräftig ist. Einige werden ja auch freigesprochen und kommen am Tag des Urteils frei. In Moabit sitzen also keine überführten Kriminellen, dennoch sind die Haftbedingungen in der Untersuchungshaft härter als in der Strafhaft. Untersuchungsgefangene sind nämlich in der Regel in Einzelzellen untergebracht, die – bis auf die Freigangstunde – den ganzen Tag, also 23 Stunden, verschlossen sind. Kontakte zu Mitgefangenen sind entsprechend selten.
Die harten Haftbedingungen wirken sich auf die Atmosphäre in Moabit aus. Angst vor dem Prozess, Wut oder Verzweiflung, angestaute Aggression – die Gefangenen hier sind besonders suizidgefährdet. Es kommt auch immer wieder zu Gewaltausbrüchen gegen die Mitgefangenen und gegen die Bediensteten. Warum ist Anstaltsleiter Fixson ein „Fan“ – wie er sagte - des Einsatzes von weiblichen Bediensteten in einer solch angespannten Alltagssituation?
Zum einen glaube ich, dass die Art und Weise des
Umganges mit Frauen auch gerade im Männervollzug zu einer erheblichen
Deeskalation beiträgt, dass auch männliche Inhaftierte, schwierige Inhaftierte,
sich höflicher verhalten, dass insgesamt das ganze Sozialverhalten sich in der
Anstalt die Kultur insgesamt durch den Einsatz verbessert.
Autorin: Etwa 380 Bedienstete arbeiten in Moabit im allgemeinen Vollzugsdienst, also auf den Stationen, davon etwa ein Viertel Frauen. Gulliver sprach mit Ilona Strazzieri und Gudrun Kagel, die vor rund 9 Jahren in Moabit anfingen. Zunächst brachten ihnen die männlichen Kollegen nicht viel Sympathie entgegen. Ilona Strazzieri:
Frauen im Männerknast, kann man vergessen, nicht angebracht und so.
Außerdem hat die Stellung einfach der Frau im
Beruflichen, anstatt Familie, Kinder und so, kam da auch ein bisschen mit
durch, kann man nicht ganz vergessen dann, spielt ja auch eine Rolle.
A: Was wurde Ihnen denn dann gesagt, was Sie
vielleicht nicht tun können sollten, also dass Sie nicht stark genug sind, oder
was?
S: Nee, würde ich nicht so sagen, sondern mehr eben
die Haltung. Die Vorstellung war, rein von der Haltung, wie verhält sich ne
Frau im Vollzug, was könnte da alles passieren, auch zwischen den Geschlechtern
und wie dann die Hemmschwelle zu den Inhaftierten, wie die nicht eingehalten
wird, ich denke mal, diese ganz normalen Ängste, die da ne Rolle spielen. Ich
denke mir, die Frau musste erst mal zeigen, die weibliche Bedienstete, dass es
eben doch geht.
Autorin: Ilona Strazzieris Kollegin sieht das ähnlich. Gudrun Kagel:
Also ich habe 91 hier in Moabit angefangen, und
natürlich sind wir, sage ich mal,
in eine Männerdomäne eingebrochen. Der Vollzug war
bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend eine Männerdomäne, und es gab sicherlich
Vorurteile, manche haben es gesagt, manche haben es hinter vorgehaltener Hand
gesagt, die Frauen suchen sich vielleicht jetzt die schönsten Jobs aus, es gab
Vorurteile. Aber ich denke mal, die Frau hat sich hier bewiesen, wir haben
eigentlich gezeigt, dass wir genau die gleichen Arbeiten durchführen können,
dass auf uns genauso viel Verlass ist wie auf die männlichen Bediensteten und
wir haben ihnen einfach bewiesen, dass wir als Frau genauso gut Dienst tun
können wie die männlichen Bediensteten auch. Und was natürlich unheimlich
geholfen hat, wir hatten von Anfang an Unterstützung durch die
Dienststellenleitung und durch den
Personalrat. Es gab Situationen, wo das vielleicht mal ein bisschen grob auch
gesagt wurde, aber auch wir Frauen sind keine Mimosen und wir können uns auch
rechtfertigen und haben uns bewiesen, und jetzt sind wir da, wo wir hinkommen
wollten, dass die Frau in Moabit genau
die gleiche Stellung hat wie die Männer auch.
Autorin: Beide, Gudrun Kagel und Ilona Strazzieri, sind davon überzeugt, dass der Umgangston auch zwischen Gefangenen und Bediensteten entspannter ist, seit Frauen im Männerknast arbeiten.
Regie: Take 6 (Strazzieri, Kagel)
S: Ja, sagen wir mal so, wenn ich von meiner Seite
das beobachte, empfinde ich selber das Verhalten der Inhaftierten anders Frauen
gegenüber, auch die, die sagen wir mal, extrem aggressiv reagieren, dieses sich
profilieren müssen, wenn auch ein kräftiger Beamter dann vor der Tür steht, vor
der Zellentür, kommt dann doch stärker durch. Bei Frauen ist es eben wirklich
so, die Reaktion, vielleicht auch die erste Hemmschwelle, doch so
Zehntelsekunden, wo eine Frau die Chance
hat, verbal erst mal ranzugehen und etwas zu reagieren oder etwas rauszunehmen
aus der Spannung, wo Frauen vielleicht
auch mehr die Bereitschaft auch haben oder die Fähigkeiten. Aber es ist bei
meinen Beobachtungen, bei mir und meinen Kolleginnen und doch, das ist spürbar.
A: Haben Sie das Gefühl, dass die Gefangenen Sie
respektieren, auch als Autoritätsperson?
K: Auf alle Fälle, das liegt an jeder Bediensteten
eigentlich selbst, wie sie sich darstellt, auf alle Fälle ist zu erwähnen, dass
die Hemmschwelle der Gefangenen gegenüber weiblichen Bediensteten auf alle
Fälle größer ist. Es ist speziell auch bei ausländischen Gefangenen, wo ja die
Frau nicht immer die Stellung hat, die sie hier in Deutschland hat, oder in
anderen Ländern, so dass es hier für einige Gefangene erst mal
gewöhnungsbedürftig war, im ersten Moment auch gesagt wird, Sie haben mir gar
nichts zu sagen, und dann muss man ihnen klipp und klar sagen, wer man ist, was
man darstellt, und im Gespräch erreicht man dann, dass sie einen akzeptieren.
Aber es liegt an mir selber, an jeder Frau selber, und ich weiß, wo ich hier
arbeite, und dementsprechend muss ich hier auftreten.
Autorin: Wie unterscheidet sich der Aufgabenbereich der weiblichen Bediensteten von dem der männlichen? Eigentlich nur beiden Körper-Kontrollen, wie der Leiter der Aufsichtsbehörde, Christoph Flügge, ausführt:
Das ist ein Punkt, der naturgemäß ein schwieriger Punkt ist, körperliche Kontrollen insbesondere dann, wenn sie mit einer Entkleidung verbunden sind, manchmal müssen Gefangene auch völlig nackt ausgezogen werden, um bestimmte Kontrollen durchzuführen, ob sie nicht irgendwelche verbotenen Gegenstände bei sich haben, nach Besuchen oder wenn sie vom Ausgang oder von einem Urlaub in die Anstalt zurückkehren, da können selbstverständlich, wenn es sich um männliche Gefangene handelt, Frauen nicht zugegen sein und umgekehrt bei weiblichen Gefangenen können männliche Bedienstete nicht zugegen sein, das ist selbstverständlich. Das ist eine Einschränkung. Es kommt noch was anderes hinzu, bei den sogenannten Urinkontrollen, dann, wenn nämlich Kontrollen durchgeführt werden müssen, ob Gefangene möglicherweise Restbestände von Rauschgift im Urin haben, diese muss unter Sicht vorgenommen werden, diese Urinkontrolle, das können selbstverständlich bei männlichen Gefangenen auch nicht Frauen machen.
Autorin: Was meinen die Gefangenen? In Moabit sind die Sicherheitsvorkehrungen so streng, dass Gulliver auf den Stationen keine Aufnahmen machen durfte. Aber in Tegel, in Deutschlands größtem Männerknast, hatte Gulliver mehrfach Gelegenheit, mit Gefangenen zu sprechen.
Regie: Take 7
Schließen,
quietschen, Stimmen, schließen, lautes Klappern mit dem Schlüssel, schließen,
Tür zu, Stimmen
Regie: unter den Text ziehen
Autorin: „AufBruch“, so heißt eine Theatergruppe aus professionellen Schauspielern und Regisseuren von draußen, die seit einigen Jahren in Tegel mit Gefangenen Stücke probt. Theateraufführungen werden für ein Publikum von drinnen und draußen inszeniert. Seit die Gelder für sinnvolle Freizeitaktivitäten knapper geworden sind, öffnet sich die Anstalt zunehmend solchen Gruppen, die ehrenamtlich arbeiten. Bei der jüngsten Inszenierung im Kultursaal der Anstalt, der „Sprechstunde zur Lage der Nation“, war Gulliver dabei.
Lautsprecherstimme: Bitte achten Sie auf
herumliegende Kabel
Nr.
45 an Tisch 14 bitte ...
Musik, lautes klingeln,
Lautspecherstimme: leider müssen wir abbrechen.
Stimme: Nr. 36, Lebendkontrolle
Autorin: Gulliver nutzte die Gelegenheit, um einen Gefangenen nach seiner Meinung über die weiblichen Bediensteten zu fragen.
Regie: Take 9 (lauter Hintergrund)
Also, ich will jetzt nicht der Frauenfeind sein oder
so, aber ich finde, teilweise sind die Frauen wirklich fehl am Platz. Wenn man
sich jetzt die Frauen anguckt, allgemein jetzt, um keinen jetzt zu beleidigen,
wenn wirklich jetzt mal ne Schlägerei sein sollte, und dann kommt so ne
mickrige Frau, die 1,50 groß, gerade mal, oder so, und ziemlich dünn ist, was
ich erlebt habe, auf meiner Station war zum Beispiel eine, die ist
Ballettlehrerin mal gewesen, auch ziemlich dünn und so, was will die im
Herrenknast oder im Männerknast, was will die denn da, die ist doch total
falsch irgendwie.
Das ist, was ich so erlebt habe, in den drei Jahren,
in denen ich in den Häusern war, auch in Haus 6 oder so.
A: Haben Sie denn solche Situationen schon erlebt,
dass es Konflikte gab?
G: Ja, ja, da konnte die Frau gar nichts machen. Habe
auch schon erlebt, wie ne Frau richtig was gekriegt hat, eben halt. Ne Schelle,
oder irgendwie, das sieht auch nicht so schön aus.
A: Aber das kann natürlich Männern auch passieren.
G: Ja klar, logisch, aber die stellen ja nicht so
Männer ein, die, weeß ich, 1 Meter 40
sind oder 1 Meter 50, stellen die ja nicht ein.
Autorin: Gulliver, Sätze und Gegensätze.
Ein anderer Gefangener über den Einsatz weiblicher Bediensteter auf den Männerstationen:
Regie: Take 10 (sehr lauter Hintergrund)
G: Na ja, von der Sache her ist gegen weibliche Bedienstete im Vollzug nicht viel zu
sagen, ich finde das persönlich ganz in Ordnung, weil sie deeskalierend wirken.
A: Haben Sie da schon Beispiele erlebt, ist die
Stimmung besser?
G: Ja, natürlich, absolut, es ist ja ein Unterschied,
ob eine Frau einem eine Weisung erteilt im normalen Vollzugsgeschehen, oder
eben ein Mann. Ich persönlich kann mit Frauen oft besser umgehen als mit
Männern, weil der Ton eben auch ein ganz anderer ist. Man nimmt sich ja als
Mann selber einer Frau gegenüber auch ein bisschen mehr zurück als gegenüber
einem anderen Mann.
A: Also es herrscht mehr Höflichkeit?
G: Absolut.
A: Und ist es denn keine Respektsfrage, malen wir mal
ein Klischeebild, also wenn Ihnen ne schmächtige Frau gegenübersteht, und sagt,
so, nun gehen Sie mal in Ihre Zelle, funktioniert das dann trotzdem?
G: Ja, je schmächtiger die Frau ist, desto mehr
werden ja die Beschützerinstinkte beim Mann geweckt. Insofern, nee, gibt’s da
überhaupt keine Probleme, die wird genauso ernst genommen wie ein Mann ooch.
Regie: Atmo-Take 2
Lautes Schließen, Türknall, Tür zu.
Autorin: Gulliver verlässt den Kultursaal und begibt sich in ruhigere Gefilde. Im Verwaltungsgebäude hat der Anstaltsleiter sein Büro. Klaus Lange-Lehngut leitet seit mehr als 20 Jahren die Justizvollzugsanstalt Tegel. Er kennt den Knast also auch noch aus der Zeit, als auf den Stationen keine Frauen eingesetzt wurden.
Regie: Take 11
Natürlich sind schon seit vielen, vielen Jahren Sozialarbeiterinnen im Männervollzug tätig, Psychologinnen, Verwaltungsbeamtinnen und Angestellte, also die Männer hier im Vollzug haben schon Frauen gekannt, das war nichts fremdes für die. Aber auf den Stationen war das schon etwas ganz neues, und da gab es schon entsprechende Vorbehalte, das muss ich schon sagen, selbst bei mir. Ich war auch nicht ganz begeistert von Anfang an, weil Frauen ja in bestimmten Aufgabenfeldern nicht eingesetzt werden können, nämlich bei der Körperkontrolle der Gefangenen, auch habe ich immer befürchtet, dass Frauen vielleicht bei Auseinandersetzungen zwischen zwei Gefangenen nicht dazwischen gehen würden, aber inzwischen weiß ich, da ist vielleicht auch dieser oder jener Mann, der es nicht tun würde.
A: Haben Sie etwas mitbekommen von Reaktionen der Gefangenen?
L: Eigentlich haben mich die Reaktionen der Gefangenen überrascht. Ich hatte ja eher die Befürchtung, dass die Frauen überhaupt keine Autorität gewinnen würden, gerade bei Gefangenen, die aus bestimmten Gebieten kommen, wo die Rolle der Frauen eben eine andere ist als bei uns in Mitteleuropa. Ich hatte immer die Vorstellung, dass der Araber beispielsweise, von denen wir hier eine ganze Menge haben, einer Anordnung einer Bediensteten überhaupt nicht Folge leisten würde, aber das ist überhaupt nicht eingetreten. Das hat sich eingespielt. Die Frauen haben Autorität gezeigt und gewonnen, und die wird in der Zwischenzeit von den Männern hier in der Anstalt akzeptiert.
A: Da gibt es dann vielleicht doch so etwas wie einen Grundrespekt, eine Grundhöflichkeit gegenüber dem anderen Geschlecht. Hat es denn auch mal doch so etwas gegeben, was befürchtet wurde, dass Frauen in körperliche Auseinandersetzung geraten und dabei den Kürzeren ziehen?
L: Ich kenne einen Fall, der sich hier abgespielt hat vor vielen Jahren, das war in der Anfangszeit des Einsatzes von Frauen im Männervollzug, die Frau ist ganz erheblich psychisch und physisch verletzt worden, aber psychisch ganz stark, und musste dann nach vielen Behandlungsversuchen, die alle keinen Erfolg hatten, in Pension gehen, ein Vorkommnis, das wir sehr bedauert haben. Das ist aber nach meiner Erinnerung der einzige Fall. Auf der anderen Seite muss man sagen, es ist unheimlich wichtig, dass die Frauen im hohen Maße professionell arbeiten. Von Anfang an keine Grenzüberschreitungen zulassen, sie müssen klarmachen, dass sie eine berufliche Beziehung zu den Gefangenen haben, ich sage immer, wenn die weibliche Bedienstete in dem Gefangenen einen netten jungen Mann sieht, dann ist sie eigentlich schon verloren. Also diese Grenze muss natürlich ganz strikt eingehalten werden.
A: Wo lernen sie diese Professionalität?
L: Ich denke, in der Ausbildung, im Referat für Aus- und Fortbildung bei der Senatsverwaltung für Justiz. Da ist dies, ich bin ja nicht dabei, aber ich weiß das, ein ganz zentraler Punkt natürlich der Ausbildung, und da muss auch ne Frau entsprechend vorbereitet sein, denn wenn die einen Liebesbrief bekommt von einem Gefangenen, dann darf die jetzt nicht einen roten Kopf bekommen und sich darüber freuen, dass sich ein Gefangener über sie so positiv auslässt, sondern da müssen bestimmte professionelle Mechanismen greifen, um dieses Problem zu lösen, bevor es dann richtig entstanden ist.
A: Können Sie vielleicht noch mal ganz kurz etwas näheres zu dem Fall sagen, den Sie in den Folgen nur beschrieben haben, war das ein Überfall?
L: Ja, das war ein Überfall, es ist nicht zu einer Vergewaltigung gekommen, aber es war kurz davor, die Frau hat jedenfalls über Stunden furchtbare Angst gelitten, musste sich dann danach in psychiatrische Behandlung begeben, und sie ist nie wieder, ja, man kann sagen, gesund geworden.
Autorin: Klaus Lange-Lehngut, Anstaltsleiter der Justizvollzugsanstalt Tegel.
Die Idee, Frauen auch im allgemeinen Vollzugsdienst zu beschäftigen, kam aus der Aufsichtsbehörde über die Berliner Justizvollzugsanstalten in der Senatsverwaltung für Justiz. Sie wird von Christoph Flügge geleitet. Frauen als Bedienstete auf den Stationen im Männervollzug einzusetzen, sei vor rund zehn Jahren noch fast einem Tabubruch gleichgekommen, sagt Flügge.
Aber wie das immer bei Tabubrüchen ist, lag es auch sozusagen in der Luft, weil die andere große Sicherheitseinrichtung in Deutschland, nämlich die Polizei, das schon Schrittmacherdienste geleistet hatte. In vielen Polizeien der Länder hat es dieses Vorhaben, auch Frauen im Vollzugsdienst einzusetzen, schon gegeben, und zwar mit außerordentlich gutem Erfolg, es hat darüber etliche Veröffentlichungen gegeben, die uns bestärkt haben, auch das Wagnis, was es für viele erst einmal war, im Berliner Justizvollzug einzugehen. In Hamburg, ich glaube, Hamburg war da durchaus Vorreiter, hatte man schon entsprechende Schritte eingeleitet, da gab es schon Frauen, die im Männervollzug, also in Strafanstalten für Männer eingesetzt wurden, wenn auch in sehr kleiner Zahl, und dann haben wir uns entschlossen, in einem breiten Diskussionsprozess im Berliner Justizvollzug in Diskussionen mit Gewerkschaften, mit Personalräten, mit Anstaltsleitungen ebenfalls diesen Weg einzuschlagen.
A: Gab es denn Widerstände dagegen? Also gerade in diesem Gesprächskreis, den Sie erwähnten?
F: Natürlich gab es Widerstände, was auch ganz natürlich ist. Vielfach, was ich noch heute nachvollziehen kann, obwohl es sich so nicht realisiert hat, haben männliche Bedienstete einerseits gefürchtet oder jedenfalls als Argument gebraucht, dass Frauen im Vollzugsdienst, also da wo sozusagen vor Ort mit den Gefangenen gearbeitet wird und man dann auch notfalls unmittelbaren Zwang anwenden muss, dass Frauen dort nicht ihren Mann stehen werden, wie die Männer es formulieren, wie die männlichen Kollegen. Ich denke, zusätzlich wird es ein Motiv gegeben haben, was Widerstand motiviert hat, nämlich die Furcht vor guter Konkurrenz. Allerdings hat sich bewahrheitet, dass Konkurrenz das Geschäft belebt, und das ist hier genau eingetreten, dass außerordentlich gute Bewerberinnen für den allgemeinen Vollzugsdienst in einer großen Zahl eingestellt werden konnten und auch gute, wirklich hervorragende Leistungen erbringen, und für die männlichen Bediensteten wirklich eine Konkurrenz darstellen.
A: Was für Leistungen sind es denn im Einzelnen, können Sie das vielleicht beschreiben?
F: Der allgemeine Vollzugsdienst hat ja im Grunde zwei bis drei Schwerpunktaufgaben. Neben der Grundversorgung der Gefangenen, das ist selbstverständliches, das sozusagen der Tagesablauf gewährleistet wird, einschließlich Essen, Freistunde und was es so alles gibt, gibt es eben die Bereiche erste Ansprechpartner für die Gefangenen zu sein, also im weitesten Sinne der Betreuungs- und Behandlungsfunktion gerecht zu werden, und auf der anderen Seite für die Sicherheit zu sorgen, die Beaufsichtigung der Gefangenen durchzuführen bis hin zum Turmdienst, auch notfalls mit Waffen, Ausführungen vorzunehmen, aber auch bei außerordentlichen Vorkommnissen einzuschreiten und unmittelbaren Zwang anzuwenden.
A: Wo werden denn die Bediensteten im allgemeinen ausgebildet, gibt es da Unterschiede zwischen Frauen und Männern?
F: Sie werden in den einzelnen Bundesländern an Justizvollzugsschulen, hier in Berlin vom Referat für Aus- und Fortbildung unserer Senatsverwaltung für Justiz ausgebildet, durchlaufen, wenn sie zum allgemeinen Vollzugsdienst gehören, eine zweijährige Ausbildung, abwechselnd in theoretischen und praktischen Ausbildungsabschnitten. Also Einsatz vor Ort in der Anstalt und dann wieder Unterricht in den verschiedensten Fächern in unserer Vollzugsschule. Da gibt es überhaupt keine Unterschiede einschließlich auch Schießausbildung. Auch wenn man eine Gleichstellung der Frauen in diesen Diensten will, müssen sie natürlich alle Rechte und Pflichten haben und auch die Aufgaben genauso wahrnehmen wie die männlichen Bediensteten.
Eine spezielle Ausbildung ganz bewusst nicht, weil dies schon wieder stigmatisierende Wirkung hätte, als ob die Frauen eine besondere Ausbildung bräuchten, um in dieser gefahrvollen Umgebung überhaupt tätig werden zu können. Aber selbstverständlich werden, übrigens Männern auch, spezielle Fortbildungen angeboten, es werden viele Diskussionen, aber auch mit den Männern über Rollenkonflikte, Rollenverhalten durchgeführt, denn Männer müssen sich ja auch mit der Situation, wie sie eigentlich mit Männern umgehen, wie sie mit Gewalt umgehen, wie sie mit Aggressionen umgehen, sich auseinandersetzen. Das müssen Frauen auch.
A: Was ist aus denen geworden, die damals Widerstand gegen diese Entscheidung leisten wollten, also die nicht einverstanden damit waren, gibt’s die immer noch?
F: Natürlich, wissen Sie, in einer Behörde, in der 3000 Bedienstete arbeiten, gibt es natürlich alle denkbaren Grundeinstellungen, die es auch in unserer Gesellschaft gibt, und es gibt Bedienstete, die das nach wie vor nicht gut finden, wie sie auch andere Entscheidungen nicht gut finden, aber in einer Behörde, wenn sie denn getroffen sind, die Entscheidungen auch loyal mit zu tragen haben, und das geschieht auch. Das ist kein Dauerkonflikt, aber Diskussionen finden darüber selbstverständlich nach wie vor statt.
A: Nun würden ja sicherlich die, die immer schon Bedenken hatten, solche Vorfälle, wie sie doch auch vorgekommen sind, als Argument dafür nehmen, das dann doch wieder zu lassen, nämlich Situationen, in denen Frauen in Gefahr, in richtige Todesgefahr geraten sind?
F: Ja in der Tat, mit dieser Situation muss man sich auseinandersetzen, weil Frauen zwar im Prinzip genauso gefährdet werden wie Männer gefährdet werden können, auch diese sind Opfer von Geiselnahmen oder sogar von Mordanschlägen, es sind auch schon Anstaltsleiter umgebracht worden, wie man weiß, das ist also schon ein Gefahr geneigter Bereich. Frauen sind in der Gefahr, auch auf sexuellem Gebiet noch besonderen Attacken oder Verletzungen ausgesetzt zu werden. Das ist aber kein Argument, was letztlich gegen den Einsatz von Frauen spricht, sondern hier bedarf es einer guten Schulung, hier bedarf es einer Stärkung der Frauen in der Wahrnehmung ihrer beruflichen Aufgaben, und vor allen Dingen natürlich auch der Schärfung eines gewissen Risiko- und Sicherheitsbewusstseins. Manchmal hat man das Gefühl, dass die Vorfälle, die es in der Tat immer mal wieder gegeben hat, die dann auch zu Dienstunfähigkeit und zu schlimmen Verletzungen geführt haben, dann manchmal auch auf bestimmte Dienstpflichtverletzungen zurückzuführen sind. Wenn eben im Nachtdienst die Zelle von einer weiblichen Bediensteten allein aufgemacht worden ist, obwohl sie nur zu zweit hätte aufgemacht werden dürfen, weil Personalknappheit war, oder weil man besonders gutherzig war. Also auch hier muss professioneller beruflicher Standard gewährleistet sein. Aber risikofrei ist sowohl für Männer als auch für Frauen dieser Beruf nicht, das gilt auch für die Polizei, wo weibliche Polizisten ja ebenfalls auf dem Funkwagen unterwegs sind.
Autorin: Für die weiblichen Bediensteten, mit denen Gulliver sprach, scheint die Gefahrensituation jedenfalls keine überragende Rolle zu spielen. Angelina Maasch, frisch gewählte Frauenvertreterin in der Jugendstrafanstalt Berlin, organisiert in der Gewerkschaft ÖTV:
Regie: Take 13
M: Natürlich können Insassen immer gefährlich werden mit ner kriminellen Karriere hinter sich, aber ich denke, die Gefahr besteht dann immer zu gleichen Teilen, also die werden für Männer genauso gefährlich wie für Frauen.
A: Wird denn während der Ausbildung auch über bestimmte Probleme schon vorher geredet oder darauf hingewiesen?
M: Also während der Ausbildung hat man schon immer wieder Unterricht darin, wie sich Insassen benehmen und wie man am besten in Konfliktsituationen damit umgeht. Aber es gibt keine spezielle noch mal für Frauen, sondern die ist für Männer und Frauen gleich.
A: Sie arbeiten als Vollzugsbedienstete in der Jugendstrafanstalt Berlin, seit vielen Jahren auch auf der Station, seit wann ist das denn eigentlich möglich?
M: Also die ersten Frauen im Jugendstrafvollzug gibt es seit 1990, und seitdem bin ich auch dabei.
A: War es damals etwas ganz neues?
M: Ja, es war etwas ganz neues, wurde als Pilotprojekt gestartet und also aus meiner Erinnerung her war es so, dass man gesagt hat, dass gerade Jugendliche und überhaupt in den Männervollzug Frauen sollen, weil die Frau noch mal eine ganz andere Komponente in den Strafvollzug bringt, ne höhere soziale Kompetenz hat und daher auch schneller eingreifen kann bei Problemen und deeskalierend auf die schwierigen Situationen wirken kann.
A: Also höhere soziale Kompetenz, wie wirkt sich das denn auf die Praxis aus, also zum Beispiel im Gespräch?
M: Na, in der Praxis wirkt sich das eben so aus, dass Frauen ganz oft, wenn sie gefragt werden nach ner Schmerztablette, nicht nur sagen, ja, haben wir, hier ist die Schmerztablette, sondern auch nachfragen, wieso hast Du denn Schmerzen, hast Du zu wenig gegessen, warst zu lange auf der Arbeit. So nehmen sie schon im Vorfeld oft dem Insassen son bisschen Schmerz von der Seele, so dass er dann nicht nur seine Tablette kriegt, sondern auch noch ein paar Zuwendungseinheiten.
A: Wie sieht denn der Alltag so aus auf der Station?
M: Also der Alltag sieht so aus, dass man im Durchschnitt 20 Insassen hat, also der Tag fängt damit an, dass man sie weckt, das Frühstück verteilt, und dann gewisse Anträge, die sie haben, entgegen nimmt, sie bearbeitet, zuschaut, dass sie pünktlich zur Arbeit kommen, dass sie ihre Arbeitskleidung anhaben und keine private Kleidung, dass sie pünktlich sind, gekämmt und gewaschen, das sind so die anfänglichen am Tage, dann sind sie auf der Arbeit, dann hat man die Dinge zu tun, Hafträume zu kontrollieren, dem Hausarbeiter zu zeigen, wo er sauber machen soll, und ja so administrative Sachen kommen dann halt, dass, wenn man auf einer Langstrafer Station ist, Ausgänge kontrollieren muss.
Regie: Stimme
oben!
Autorin: Angelina Maasch, Frauenvertreterin in der Jugendstrafanstalt Berlin, die sich am Friedrich-Olbricht-Damm in Plötzensee befindet. Auf der anderen Straßenseite wurde Anfang der 80er Jahre ein neues Gefängnis mit hohem Sicherheitsstandard errichtet, ursprünglich für die inhaftierten Frauen gedacht. Da der Bau für die wenigen inhaftierten Frauen zu groß war, die Männerknäste indes aus allen Nähten platzten, entschloss man sich, hier eine weitere Anstalt mit geschlossenem Männervollzug einzurichten. Geleitet wird sie von einer Frau, Karin Tilmann-Reinking:
Regie: Take 14
Die Anstalt ist im März 1998 erstmalig belegt worden,
nachdem wir uns vorher ein halbes Jahr in einem Projektteam darauf vorbereitet
haben, kamen im März die Gefangenen, die kamen alle aus der Strafanstalt Tegel.
Seit dem machen wir hier Vollzug mit erwachsenen Männern. Im vorigen Jahr ist
außerdem noch die ehemalige PN-Abteilung aus Tegel zu uns gekommen, und seitdem
haben wir hier auch noch ein psychiatrisches
Krankenhaus.
Autorin: PN heißt Psychiatrisch-neurologisch.
Regie: Take 15
Wir haben ein Konzept, wir haben Gefangene, die
Freiheitsstrafen bis zu vier Jahren zu verbüßen haben, und wir haben in unserem
Konzept zwei besondere Abteilungen eingerichtet, eine für Kurzstrafer, das sind
Gefangene bis zu 18 Monaten, und eine Abteilung für Erstverbüßer, das heißt,
das sind Gefangene, die erstmalig im Vollzug sind, und dann haben wir noch in
einem anderen Bereich die, die da nicht unterzubringen sind, und man hat sich
damals bemüht, uns Gefangene zu schicken, die auch in dieses Konzept passen.
A: Und wie viele sind das ungefähr?
T: Ja, wir haben
Strafgefangene ungefähr 250, und in der PN-Abteilung sind immer so
zwischen 20 und 40 Gefangene.
A: Und da sind dann aber auch Untersuchungsgefangene,
zum Beispiel?
T: Da sind dann auch Untersuchungsgefangene und auch
Gefangene mit sehr viel längeren Strafen bis hin zu lebenslänglich und auch
solche mit Sicherungsverwahrung können dort untergebracht werden.
Autorin: Anstaltsleiterin Tilmann-Reinking befürwortet ohne wenn und aber, dass auch Frauen unter den Vollzugsbediensteten arbeiten. Eine von ihnen heißt Bärbel Ramcke, ist seit 20 Jahren im Vollzug tätig, davon den größten Teil im Frauenvollzug. Jetzt arbeitet sie als Teamleiterin in der Justizvollzugsanstalt Charlottenburg, einem Männerknast.
Regie: Take 16
Also meine Aufgaben sind vorrangig die in der
Leitzentrale, zentrale Aufgaben,
sicherheitsrelevante Aufgaben, Abwicklung von Sprechstunden in der
Anstalt, Kontrollen, die damit zusammenhängen und Pfortentätigkeit.
A: Meinen Sie, dass es spezielle Probleme gibt, die
weibliche Bedienstete haben im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen?
R: Ich glaube, die weiblichen Kolleginnen, die fühlen
sich oft so ein bisschen benachteiligt im
Männervollzug, da man ihnen möglicherweise vermittelt, dass sie nicht
vollwertig sind. Sie haben halt nicht so viel Kraft, können nicht immer so einspringen
vielleicht wie das Männer sich vorstellen, und deshalb denkt man immer, ne Frau
ist vielleicht nicht so wertvoll im Männervollzug, wie es Männer sind.
A: Aber sie haben zum Teil oder zum großen Teil dann
sicher auch schon das Gegenteil bewiesen, nur eben auf andere Art?
R: Ja, Frauen sind schon wichtig für den Vollzug. Ich
denke, sie bringen ein anderes Element darein, dass sich die Gefangenen
vielleicht auch anders verhalten, dass sei zum Teil auch ne andere
Verhaltensweise irgendwo an den Tag
legen. Manchmal hängt es mit Sauberkeit zusammen, mit Freundlichkeit oder so,
muss nicht immer sein, aber kann sein. Ich denke, genauso wichtig wie Frauen im
Männervollzug sind auch Männer im Frauenvollzug, weil sie das wirkliche Leben
auch spiegeln.
A: Nun gibt es ja auch immer wieder Konfliktpunkte,
und diejenigen, die das immer noch kritisch sehen, dass Frauen hier tätig sind,
die führen das ja immer wieder an, auch, dass Frauen in Gefahrsituationen
kommen, also sprich Geiselnahme, Vergewaltigung und so weiter. Spielt so etwas
hier im täglichen Leben auch eine Rolle, diese Gefahrmomente, schwebt das immer
so über einem?
R: Also über einem schweben tut es eigentlich nicht.
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich hier mehr gefährdet bin als draußen, als im
wirklichen Leben. Ich habe also keine Angst davor, und dich denke, meinen
Kolleginnen geht’s genauso, dass sie nicht ständig daran denken, wie gefährlich
es hier drin ist. Und man muss einfach sehen, es kommen halt diese Übergriffe
immer, oder es passieren sie, aber
gemessen an der Zahl der Inhaftierten sind sie relativ wenig. Und da, wo Menschen
zusammenarbeiten, Männer und Frauen, wird es überall passieren, es passiert in
Krankenhäusern, es passiert an Schulen, also überall eigentlich, warum soll es
dann nicht im Gefängnis passieren, es ist normales Leben. Aber es ist natürlich
so, dass jedes solcher Übergriffe, die passieren, schrecklich sind und nicht
passieren dürfen.
Autorin: Das sagt Bärbel Ramcke aus der Justizvollzugsanstalt Charlottenburg. Ihre Kollegin Regine Glawe arbeitet in Tegel, im Haus 4, in der sogenannten SoTha, der Sozialtherapeutischen Anstalt, wo hauptsächlich Sexualsstraftäter behandelt werden. Regine Glawe ist sogenannte Gruppenbetreuerin und stellvertretende Frauenvertreterin im Tegeler Knast, Deutschlands größter Strafanstalt für Männer – wie erwähnt.
Regie: Take 17
Wir sollen unsere Leute resozialisieren und
sozialisieren. Viele können nicht lesen, nicht schreiben, ein bisschen Ordnung
beibringen. Wir gehen also mit denen, machen Ausführungen, zu Ämtern, das sie
erst mal den Grundstock eigentlich legen, was also hier viele überhaupt nicht haben.
A: Therapieren im eigentlichen Sinne, das tun Sie
aber nicht, das ist dann Aufgabe von anderen Berufsgruppen?
G: Das ist richtig, das machen die Diplompsychologen,
ja, eigentlich nur Diplompsychologen haben wir hier.
Autorin: Als Regine Glawe vor ungefähr 10 Jahren in Tegel anfing, war sie eine der ersten Frauen im allgemeinen Vollzugsdienst.
Regie: Take 18
Also Schwierigkeiten mit den Klienten, bei uns heißen
die Klienten, gab es überhaupt nicht, eher mit den Kollegen. Weil ne Frau im Männervollzug, undenkbar. Und,
ja, die haben also Angst gehabt, dass wir ihnen ein bisschen den Rang ablaufen.
Und die hatten Angst, sie mussten uns beschützen vor dem Klientel, den wir hier
haben, und haben aber schnell gemerkt, wir stehen alle unseren Mann. Gut, ab
und an kam denn, ja, du kannst nicht alle Arbeiten machen, die wir machen, zum
Beispiel Kontrolle dürfen wir ja nicht übernehmen, ja, aber kriegst das gleiche
Geld, und wir müssen für dich die Arbeit machen, aber es hat sich relativ
schnell also normalisiert.
A: Also Sie
werden jetzt rundum akzeptiert und respektiert?
G: Ja, so ist es , also im vollen Umfang.
A: Und liegt das daran, dass auch neue Kollegen
hergekommen sind, oder haben auch die alten, die damals große Bedenken hatten,
tatsächlich gelernt, das geht mit Frauen sehr gut?
G: Also ich glaube, die alten haben das auch schnell
begriffen, dass es mit uns geht, und klar, viele alte gehen jetzt, das ist
jetzt auch so’n Trend, Pensionäre, von früher, die gehen, und neue Kollegen
kommen, und für die ist das eigentlich ganz normal mit weiblichen Kollegen zu
arbeiten, ist ja in der freien Wirtschaft oft ebenso.
Autorin: Noch nicht pensioniert ist Dierich Astrath, der seit mehr als 30 Jahren im Vollzug arbeitet, sowohl in der Untersuchungs- als auch in der Strafhaft. Zunächst war er im allgemeinen Vollzugsdienst tätig, später wurde er stellvertretender Anstaltsleiter in Moabit. Dann war er als Sicherheitsbeauftragter unter anderem für den berüchtigten Hochsicherheitstrakt verantwortlich. Mitte der 90er Jahre kam er nach Tegel, wieder für die Sicherheit zuständig. Seit drei Jahren ist er Vorsitzender des Verbandes der Justizvollzugsbediensteten im Deutschen Beamtenbund, der in den Berliner Knästen weitaus mehr Mitglieder hat als die ÖTV.
Dietrich Astrath war schon vor rund 10 Jahren dafür, dass Frauen in den Vollzugsdienst einsteigen sollten. Damit war er unter seinen Kollegen ziemlich allein.
Regie: Take 19
Die Reaktion einer überwiegenden Zahl von Kollegen
war skeptisch, nicht weil sie frauenfeindlich waren, sondern im Gegenteil,
sondern weil sie einfach Angst um die Dienstkräfte hatten, aufgrund der
Erfahrungen, die wir mehr als 20 Jahre lang mit wenigen weiblichen
Dienstkräften im Justizvollzug hatten, in der Regel waren es dann Leute im
Bereich der Gruppenbetreuung, Sozialarbeiterinnen, aber da gab es halt die eine
oder andere üble Geschichte, und diese Angst, die steckte halt noch in den
Knochen.
A: Ja können Sie da vielleicht auch Beispiele nennen, wie sich diese Angst begründet
hatte, was gab es da für Vorfälle?
Ast: Ich habe selbst erlebt, die erste weibliche Dienstkraft, eine Sozialarbeiterin in der JVA Tegel, etwa 1967 war es, ihr Büro lag über meinem eigenen Büro, schon im Vollzugsbereich, zugänglich für die Inhaftierten, es polterte, es trampelte, meine beiden Kollegen und ich rasten die Treppen hoch, einige Türen schließend, als wir dann dahin kamen, wurde gerade ein Gefangener von Mitgefangenen von dieser Kollegin weggezerrt, wir mussten dann den weggezerrten Gefangenen schützen, sonst hätte der von seinen Mitgefangenen nicht nur das Jackstück vollbekommen, sondern sicherlich noch etwas mehr Probleme gehabt, aber das war schlicht und ergreifend der Versuch, diese Mitarbeiterin, diese Kollegin, zu vergewaltigen.
A: Warum waren Sie denn so wenig skeptisch?
Ast: Wissen Sie, ich war zu der Zeit schon nicht mehr
am allgemeinen Vollzugsdienst tätig, sondern war im Rahmen meiner übrigen
Aufgaben in Tegel Sicherheitsbeauftragter, hatte mehr weibliche als männliche
Mitarbeiter im Bereich, die dann auch dafür sorgten, dass ich nicht nur im
Anzug, sondern gelegentlich auch in Jeans kam, und meine Erfahrung war, dass
auch sehr schwierige Situationen, bei der Vernehmung von Gefangenen zum
Beispiel, das war ja eine unserer Aufgaben, dass in dieser schwierigen
Situation durch die Präsenz weiblicher Dienstkräfte gemildert wurde, die
Ausdrucksweise wurde etwas friedfertiger und die Bereitschaft zur körperlichen
Aggression wurde zurückgenommen, so die alte Knabenerziehung, Mädchen schlägt
man nicht.
Autorin: Die weiblichen Vollzugsbediensteten sind jedoch alles andere als mädchenhaft. Sie arbeiten in allen Bereichen, in denen auch ihre männlichen Kollegen beschäftigt sind, nicht nur auf der Station, auch auf den Türmen. Von dort aus müssen sie die Mauern beobachten und notfalls schießen, wenn ein Gefangener zu fliehen versucht. Den Umgang mit Gewehren haben sie zu diesem Zweck gelernt.
Wer Vollzugsbediensteter werden will, muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Er – oder sie – sollte Lebenserfahrung haben, eine abgeschlossene Berufsausbildung und mindestens 25 Jahre alt sein.
Regie: Take 20 (Astrath)
Aber interessant vielleicht auch, wir haben eine
Kollegin im Lohnempfängerbereich, sprich als Arbeiterin, die als Rohrlegerin,
Gas- Wasser- Sanitär sozusagen mit zwei Gefangenen durch die Gegend marschiert,
sie ist die Vorarbeiterin, und die Gefangenen arbeiten nach ihrer Weisung. Wir
haben eine Kollegin, die ist Tischlermeisterin und leitet mit einen der
Tischlerei-Betriebe der JVA Tegel, wir haben ne weitere Kollegin, die als
Gärtner-Meisterin praktisch den gesamten Grünpflanzenbau in der JVA Tegel
einschließlich der Grünanlagen sicherstellt. Insofern ist das keine Ausnahme.
Die Zahl der weiblichen Dienstkräfte in
allen Bereichen wird steigen.
Autorin: Aus welchen Berufssparten ihre Kolleginnen kommen, erklärt Regine Glawe, Vollzugsbedienstete und stellvertretende Frauenvertreterin in Tegel.
Regie: Take 21
Von der Krankenschwester, Hausfrau, Bäuerin, also
letztes Mal musste ich so schmunzeln, Melkerin, also kaufmännische Angestellte,
wir haben auch Akademikerinnen, muss ich auch sagen, also Diplomsportlehrer,
oder Lehrerinnen, die einfach ja aus dem Ostteil kommen, keine Anstellung bekommen,
und es dann hier versucht haben.
A: Und halten Sie es für richtig, dass solche
Voraussetzungen an diesen Beruf geknüpft werden, also dass schon eine
Ausbildung in irgendeiner Art vorliegen muss?
G: Also doch, es ist also von Vorteil, wenn man schon
gewisse Berufs- und auch Lebenserfahrung mitbekommen hat, denn wenn jetzt ein
22 jähriger Abiturient, das gibt es alles, von der Schulbank hier in den Knast
kommt, ich weiß nicht, was will der hier vermitteln, aber auch, wenn dann
wirklich so ein alteingesessener Knacki dem gegenüber sitzt, es ist nicht sehr
schön. Also ich finde, man sollte erst mal eine gewisse Lebenserfahrung
sammeln.
A: Es kann ja auch sein, dass einem ein Gefangener
etwas vormacht.
G: Eben, und das zu unterscheiden, ich meine, wir
sind alle nicht gefeit, auch einem Vierzigjährigen wird noch was vorgemacht,
oder jedenfalls wird versucht, uns über den Tisch zu ziehen, aber bei uns sind
dann doch schon mehr Zweifel, oder man hinterfragt mal kritisch, und der merkt
dann, der Knacki, glaubt die nun, oder glaubt die nicht, aber sonem Jungschen,
dem kann man doch noch viel erzählen.
A: Was heißt denn übern Tisch ziehen, also versuchen
die da einem ein X für ein U vorzumachen, oder was läuft denn da?
G: Ja, Sie versuchen ’s, und zwar Beispiel
Ausführung, es geht zur Familie, vorher wurde eine Einbringungsgenehmigung
beantragt auf Hemden, Hosen, Pullover, wurde auch genehmigt, und nun geht der
Beamte oder die Beamtin mit dem Knacki nach Hause, die Frau gibt die Tüte
gepackt der Kollegin oder meistens auch dem Angehörigen in die Hand, hier sind
die Sachen, der Vormelder ist geschrieben, alles genehmigt, man guckt also
zuhause nicht mehr nach, und dann kommt man hier in die Anstalt, und so kurz
vorm Tor, bei uns auf’m Parkplatz, heißt es dann, ach Mensch, können Sie nicht
mal das Fleisch mitnehmen, das meine Frau eingepackt hat, (lacht) und dann
steht man natürlich da, was soll man jetzt machen, der ältere Kollege weiß
sicherlich, was er jetzt zu machen hat, dann fliegt es eben in die Mülltonne,
denn tiefgefrorenes Fleisch kann man nicht aufheben, kann man nicht
aufbewahren, können wir auch nicht aufbewahren, damit wir jetzt sagen, gut, die
Frau soll es wieder abholen, das geht ja ooch nicht, hat er schlichtweg mit
Zitronen gehandelt. Der junge Kollege nimmt es vielleicht mit auf die Station
zum Braten, ich weiß es nicht, wie er sich entscheidet, aber sicherlich wird
er so ad hoc ein bisschen zu knabbern
haben, was er zu machen hat.
A: Also ein bisschen Erfahrung ist auch in solchen
Situation immer ganz gut, dass man sich nicht so leicht hochnehmen lässt?
G: Ja, oder eben wenn man jetzt so ne Situation erlebt
hat, dass man doch zuhause schon den Blick in die Tüte schweifen lässt und
fragt, was haben Sie denn da alles eingepackt?
Regie: Atmo-Take
3 (einblenden unter den vorherigen
Text, ab: und fragt, was haben Sie denn da ...)
Knast-Geräusche, Lautsprecher-Durchsage: An alle Stationen, Arbeitsaufschluss!
Autorin: Nach dem Mittagessen werden die Gefangenen an ihre Arbeitsplätze in den verschiedenen Anstaltsbetrieben gebracht. Auch Gulliver kann sich in Tegel nicht frei bewegen, muss sich durch die verschiedenen Türen und Tore mit den überdimensionalen Schlössern führen lassen. Regine Glawe bringt ihn über den Freistundenhof durch das Anstaltsgelände nach Haus 3, dem ehemaligen Zuchthaus, schließt ihn durch, wie man hier sagt.
Regie: Take 22
Schlüsselklappern,
Schließen,
A:
Und die Schlüssel, die gehören von Anfang an dann zum Berufsalltag dazu?
G: Ja, in der ersten Zeit hat man dann Angst, um
Gottes Willen, meine Schlüssel, nirgendwo liegen lassen, also Horror, wenn die
weg wären, aber nachher tastet man so an sich, wo sind die Schlüssel, also es
gehört hierzu.
Laute Atmo, Schritte, Schlüssel, Türquietschen
Regie: Atmo-Take 4
unter den Text und die folgenden Takes legen, bis zum Ende
laute Knastgeräusche
Autorin: Haus 3, heute auch offiziell Teilanstalt 3 genannt, hat offene Flure ohne Zwischendecken, der Geräuschpegel ist entsprechend hoch. Wenn sich suizidgefährdete Gefangene in die Tiefe stürzen, werden sie von Maschendrahtgittern aufgefangen.
Das Zellengebäude ist vor mehr als 100 Jahren in panoptischer Bauweise errichtet worden, von der Zentrale aus können die Beamten die Zellenflure überblicken. Im ersten Stock sind die Räume der Gefangenzeitschrift „Der Lichtblick“ untergebracht.
Hier trifft Gulliver auf drei Mitglieder des Redaktionsteams, Gefangene mit langen Haftstrafen, Wolfgang R., Cemal S. und York K., der seine Zeit im Knast bald hinter sich haben wird.
Regie: Take 23
Also als ich gehört hatte, dass es da Frauen gibt,
und ich kam in eine Vollzugssituation, in der dann tatsächlich Frauen zu sehen
und zu erleben waren, war ich überrascht, wie wirkungslos das eigentlich war.
Ich hatte mehr vermutet, hatte mehr Hahnenkämpfe vermutet, mehr Balzverhalten
seitens der Bediensteten oder der Mitgefangenen, das blieb alles aus, und so im
Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass es doch nicht so ganz spurlos ist.
Es gibt die Kleinigkeiten an Verhaltensänderungen. Ob das die unschönen
Begleiterscheinungen sind, dass die Leute aus dem Fenster rauspfeifen und johlen, wenn ne Frau vorbeikommt,
oder ob das so Dinge sind, wenn ne
Beamtin klagt, mensch, da gibt es Schwierigkeiten, stellen sich die
Männer hin, und sagen, mensch, ich zeig dir mal, wie man mit denen umgeht. Das
hätte man früher sicherlich ruhig regeln können, wenn es Schwierigkeiten gab.
Und nun wollen die auftrumpfen, es ist eine Frau dabei, dann will man mal
zeigen, wie man mit den Jungens umspringen kann und was man sich erlauben darf.
Also das sind die unerfreulichen Geschichten. Der angenehme Teil überwiegt aber
ganz deutlich. Und zwar von Anfang an. Es ist ne Ruhe eingekehrt, es ist ne
Normalität eingekehrt, man erlebt zum ersten Mal seither ein ganz normales
Umgehen auch, und auch diese unerfreulichen Geschichten sind ja irgendwo
Normalität. Dass man hier ne Frau sieht, mit ihnen ganz normal reden und
sprechen kann, denke ich mal, ist ein gutes Training auch für draußen.
A: Haben Sie denn auch schon mal brenzlige
Situationen erlebt, also wenn man an Strafvollzug denkt, an Knast denkt, dann
fällt einem ja auch ein, dass es mal zu Gewalttätigkeiten kommen kann.
K: Also Gewalt gegenüber Frauen habe ich noch nicht
erlebt, das man was hört, ist ne andere Sache, ich habe im Gegenteil gerade
hier in Haus 3 eine Situation erlebt, wo Häftlinge untereinander in eine sehr
gewalttätige Situation kamen, und eine Frau sprang sofort dazwischen, so’n
kleines, wirklich kleines Mädchen, sprang dazwischen, ganz energisch, schob die
Leute auseinander, und da hatte ich schon ein bisschen Angst um die, weil ihre
Kollegen standen da und hatten viel Angst und haben geguckt, was macht denn die
da? Da hatten alle schon ihre Pfeife im Mund. Aber die ist dazwischen
gesprungen und hat sie auseinander geschoben und so die Situation entschärft.
Es kam also so nicht zur Gewalt, ich denke mal, Frauen verhindern da auch ne
ganze Menge, weil auch der übelste Knacki überlegt sich schon, vergreift er
sich an einer Frau? Beim Mann hätte er vielleicht wirklich zugelangt, hätte
gesagt, lasst uns das mal austragen, aber bei ner Frau überlegt man sich schon
deutlicher, was man da macht.
A: Ich habe neulich auch mal mit einem Gefangenen
gesprochen, der meinte, er fände das völlig absurd, dass hier Frauen sind, weil
die eben zu schwach sind, und die könnten ja gar nichts machen, wenn was
passiert, und das würde auch nicht schön aussehen, wenn so ne Frau mal einen
abkriegt, also kennen Sie auch solche Meinungen?
S: Ich habe mich mit anderen Gefangenen nie über das
Thema Frauen im Gefängnis gesprochen, aber ich persönlich habe das immer als
angenehm empfunden, dass Frauen hier gearbeitet haben. Also ich habe die
Zeiten, wo es hier im Gefängnis keine Frauen gegeben hat, nicht erlebt. Während
meiner Zeit im Knast waren immer Frauen als Bedienstete hier tätig, und ich
habe es immer als angenehm empfunden, weil schon die Anwesenheit von Frauen
setzt ein anderes Verhalten voraus. Oder bringt Menschen dazu, sich anders zu
verhalten und anders zu reagieren. Es ist ein Stückchen Normalität. Und der
Tonfall wird ein anderer, wenn eine Frau da ist, und die Reaktionen werden ganz
anders, und ich denke, Frauen gehören ins Gefängnis.
K: Ich würde schon einen negativen Aspekt noch sehen,
den das mit sich bringt. Ich wohne ja nun hier. Es gibt morgens eine
Lebendkontrolle, dann liege ich im Bett, im Sommer vielleicht ohne Decke, liege
dann nur mit nem Unterhöschen, muss ich das einer Frau zumuten, oder muss ich’s
ihr nicht zumuten, manche haben nicht
mal das Unterhöschen an. Ich kann, eben weil ich hier wohne, einerseits
nicht sagen, ich verhalte sogar mein Schlafverhalten anders, nur weil da irgendjemand
Dienst tut, und andererseits ist es eine Zumutung. Wenn ich zum Duschen gehe,
was ziehe ich an unter Männern, da reicht ein Handtuch, sind da Frauen, da
reicht wahrscheinlich nicht ein Handtuch, da sieht auch ein Bademantel schon
merkwürdig aus. Und andererseits wohne ich nun mal hier, ich muss mich daran
gewöhnen, ich wohne unter Umständen sehr, sehr lange hier, und dann muss ich
mich daran gewöhnen, dass ich für ne Frau ne Zumutung bin für ne gewisse Zeit
am Tage oder bestimmte Phasen.
A: Lebendkontrolle, heißt es, dass dann morgens, wenn
man noch schläft als Gefangener, da dann reingeguckt in die Zelle?
K: Ja, die müssen die Tür aufmachen, ob man die Nacht überstanden hat, und ob man dann arbeitsfähig noch ist und überhaupt noch lebt, und dann wird die Tür erst mal wieder zugemacht. Abererst mal müssen die gucken und prüfen. Und die meisten, gerade in den Häusern, wo man sich noch nicht so kennt, so’n Zugangshaus wie Haus 1, ist es eben besonders wichtig zu gucken, ob die noch überlebt haben. Weil Suizid-Gefahr ist eben einfach da, die meisten, die aus der U-Haft kommen und hier ankommen, sind schon gefährdet, die wissen, jetzt kommen sie nach Tegel, jetzt bleiben sie sehr, sehr lange unter Umständen, da muss man schon genauer gucken, und da muss man eben auch sehen, dass die sich bewegen sonst ist es keine Lebendkontrolle, wenn der da so’n bisschen atmet, dann kann das auch ein Koma-Atmen noch sein. Ja, gut, da gibt es halt optische Momente, die für beide Seiten schwierig sind.
Autorin: Für die weiblichen Bediensteten scheint dies ein geringeres Problem zu sein. Regine Glawe:
Regie: Take 24
Also ich denke mal, wir wissen, wie ein nackter Mann aussieht. Wir sind alle gestandene Frauen, natürlich ist die Schamgrenze da bei den Gefangenen, ohne Frage, und wir weibliche, hier in der SoTha jedenfalls, und ich kann da auch nur von meiner Station reden, wenn wir also morgens wecken, wir kloppen mit dem Schlüssel vorher an, und wenn derjenige dann - weeß ick - auf der Toilette sitzt oder eben doch nackt im Bett liegt, kann er sich die Bettdecke rüberziehen oder sagen, Moment mal, und dann wissen wir, er lebt, und dann ist alles in Ordnung.
Autorin: Regine Glawe sieht eher ein Problem darin, dass immer wieder weibliche Bedienstete mit Gefangenen eine Liebesbeziehung eingehen.
Regie: Take 25 (Einblenden)
(Atmo) Also, es kommt ja nicht jeden Tag vor, aber es kommt vor.
Und die Anstaltsleitung und auch die
Frauenvertretung sind sehr bemüht, der Bediensteten zu helfen schon im Vorfeld,
es wäre natürlich am besten, wenn schon Gerüchte aufkommen, aber auch wenn das
Kind in den Brunnen gefallen ist, sagen wir mal so, dann der Bediensteten eben
beizustehen und zu sehen, was können wir denn da noch machen. Eventuell in eine
andere Anstalt zu versetzen, aber manchmal wird’s auch mit
Disziplinarmaßnahmen geahndet.
A: Bis hin zur Entlassung?
G: Ja, das kann auch sein, je nach Schwere.
A: Fühlen Sie sich eigentlich als weibliche
Bedienstete richtig in der Öffentlichkeit dargestellt, denn gerade wenn so was
ist, dann gibt’s wieder große Schlagzeilen, aber das ist nun nicht unbedingt
das, was hier jeden Tag im Vollzug passiert?
G: Also das Schlimme ist, dass dann alle weiblichen
Bediensteten über einen Kamm geschoren werden, wir werden dann alle in eine
Schublade gekehrt, ach guck mal, die kriegt da draußen keinen mehr ab, nun holt
sie sich eenen aus’m Knast. Das ist dann der Tenor. Aber das ist nicht richtig.
Wir arbeiten also wirklich alle hart hier, und jeder tut sein Bestes, und ich
denke, schwarze Schafe gibt’s überall, in jeder Branche.
Regie: Atmo-Take 5
Schließen,
Türknall, Tür zu
Autorin: Auch außerhalb der Mauern trifft Gulliver auf professionelle Knastbesucher. Zum Beispiel Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter der „Freien Hilfe“, die Inhaftierte unterstützen, die sich auf die Entlassung vorbereiten, oder ihnen zeigen, welche Möglichkeiten der Therapie oder Fortbildung es während der Haftzeit gibt. Dass Frauen im allgemeinen Vollzug arbeiten, halten sie für ganz normal.
Sigrid Melchert geht regelmäßig nach Tegel in die alten Häuser 2 und 3, in denen sie Drogenabhängige berät, die dort unter besonders schwierigen Bedingungen leben:
Regie: Take 26
Es gibt gar keinen Wohngruppenvollzug. Die alten Häuser haben kleine Zellen, die haben auch die Toilette noch mitten drin im Raum, es gibt kaum Gruppenräume, weil inzwischen der Belegungsdruck so groß ist, dass die Gruppenräume umfunktioniert werden zu Doppelzellen bis zu 6 Mann Zellen. Es gibt kaum Freizeitangebote, es ist ein ganz schöner Stress, auch für die hier Inhaftierten.
A: Und haben Sie den Eindruck, dass die Gefangenen die weiblichen Bediensteten, die ja zwar nun inzwischen schon einige Jahre aber insgesamt gesehen erst kurze Zeit, sagen wir mal, 8 Jahre dort sind, dass die die auch akzeptieren?
Me: Ja, das denke ich auf jeden Fall. Also am Anfang gab es ein paar Schwierigkeiten, ich mache die Tätigkeit jetzt schon sehr lange, ich habe die Häuser auch noch erlebt, als keine Frauen da waren, und da muss ich sagen, seit Frauen im Strafvollzug arbeiten, denke ich, hat sich der Umgangston auf jeden Fall verbessert.
A: Aber wenn jetzt die Frauen verschwinden sollten, weil gesagt wird, na ja, es ist uns doch alles zu gefährlich, solche Stimmen gibt es ja immer noch, gab es damals sehr massiv, wurde dann ausgeräumt, aber immer wieder, wenn mal was vorkommt, werden die Rufe laut, Frauen sollten doch wieder lieber ihrem eigenen Beruf nachgehen.
Me: Dann wäre es halt nicht mehr normal im Knast. Also wenn nur Männer tätig wären, wie gesagt, ich kenne das auch noch die Zeit, als nur männliche Bedienstete da waren, und das war auch für mich ne bedrückende Erfahrung, nicht nur mit männlichen Inhaftierten, sondern auch noch männliche Bedienstete, da war man ziemlich einsam als Frau.
Autorin: Sigrid Melchers Kollege Frank Geppert, der Gefangene im Wohngruppenvollzug der Teilanstalt 5 in Tegel berät, teilt diese Ansicht:
Regie: Take 27
Mit allen Problemen, die es mit sich bringt, ist es normaler Alltag, kann man sagen. Und ich hab den Knast auch noch persönlich erlebt, wo nur Männer da waren, also als Bedienstete, und es ist so normal für mich, ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie es früher war.
Durch die inzwischen eingekehrte Normalität, durch die Anwesenheit der Frauen ist es ja auch eine gute Möglichkeit, für die Gefangenen zu lernen, mit den Frauen umzugehen und auch in Problemsituationen mit ihnen umzugehen und auf der anderen Seite hat es ja auch ne positive Rückkoppelung, dass die Gefangenen auch ...
A: ... dass die Gefangenen wieder in das normale Leben in Freiheit zurückkehren können. Sie betreuen da ja sicherlich auch welche, die sehr lange hinter Gittern sind?
G: Ja, zum großen Teil Langstrafer, lebenslänglich Inhaftierte, ja und für die gibt es auch die Möglichkeit, ohne Scheu eine Frau als Kontaktpartner, Gesprächspartner, Vorgesetzter, auch auf dem Amt, bei der Bewährungshilfe oder überhaupt wie man im Leben immer eben auch mit Frauen zu tun hat, warum soll das ausgeklammert werden, es ist was normales, und es sollte im Strafvollzug normal bleiben.
Autorin: „Das Leben im Vollzug soll den allgemeinen Lebensverhältnissen soweit als möglich angeglichen werden“ – heißt es ja auch im Strafvollzugsgesetz.
Regie: Atmo-Take 6
Regie: unter den Text ziehen
Autorin: Das Schlusswort überlässt Gulliver Wolfgang R., Redaktionsmitglied der Gefangenenzeitung „Der Lichtblick“, seit 22 Jahren mit kurzen Unterbrechungen in Tegel hinter Gittern. Er findet es „wunderbar“, dass Frauen als Vollzugsbedienstete auf den Stationen arbeiten.
Regie: Take 28
Ich habe normalerweise immer verschiedene Schließer,
Beamtinnen, mehr Vertrauen gehabt wie
gegenüber von den Männern, weil ich normalerweise mit einer Frau viel anders
sprechen kann wie mit einem Mann, weil die alleine schon mal Muttergefühle hat,
auch selbst Kinder hat, und wahrscheinlich auch von einer kinderreichen Familie
herkam, um mit solchen Leuten, das sind die Frauen, mit denen kannst du
tatsächlich über Familiensachen viel besser sprechen wie mit Sozialarbeitern
oder Beamten oder wem. Da habe ich mir auch verschiedene manchmal Rat geholt
genau über meine Kinder, und so, wie soll ich mich verhalten und so als Vater
irgendwie, das ist für einzelne Gefangene tatsächlich sehr lehrreich, dass sone
Frauen hier arbeiten.
Regie: Atmo-Take 7
Schließen, Türknall, Tür zu
Redakteur: Gulliver heute mit Sätzen und Gegensätzen zur Lage der weiblichen
Bediensteten in Berliner Männerknästen.
Eine Sendung von Annette Wilmes.
Produktion Heinz-Dieter Probst.
Die Regie hatte Ralph Schäfer, die Redaktion
Johannes Wendt.
In einer Woche lautet das Thema „Das
Geschäft mit dem Alter". Gulliver besichtigt die Angebote von Seniorenheimen
in und um Berlin,
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