S E N D E R F R E I E S B E R L I N
Kultur Aktuell
Menschen und Paragraphen
Hans Litten - Portrait eines
engagierten Strafverteidigers
der Weimarer Zeit
Manuskript:
Annette Wilmes
Redaktion: Gerald Endres
Sendetag: 21.4.1992
Sendezeit: 18.30 Uhr,
3. Programm
Autorin: Am
17. Juni 1991 veranstaltete die Berliner Justizverwaltung im Gerichtsgebäude in
der Littenstraße einen Tag der offenen Tür. Vor der Wende waren dort
verschiedene DDR-Gerichte untergebracht, zum Beispiel das Stadtgericht Berlin,
die Stadtbezirksgerichte Berlin-Mitte und Berlin-Prenzlauer-Berg sowie das
Oberste Gericht der DDR. Jetzt bezog das Berliner Landgericht mit einigen
seiner Zivilkammern das prächtige Gebäude aus wilhelminischer Zeit. Am Tag der
offenen Tür konnten sich die ehemaligen DDR-Bürger und andere Interessierte
über die Arbeit der Kammern, es sind hauptsächlich Mietberufungskammern,
informieren.
Die Festrede zum Beginn der Veranstaltung hielt
Rechtsanwalt Gerhard Jungfer. Sie war dem Mann gewidmet, dessen Namen die
Straße seit 1951 trägt: Hans Litten.
Zitator: Es
ist für die Rechtsanwaltskammer Berlin und für mich als Rechtsanwalt eine große
Ehre, auf dieser Festversammlung vor so vielen Juristen anderer juristischer
Berufe, insbesondere vor so vielen Richtern und Staatsanwälten, über einen
Rechtsanwalt sprechen zu dürfen: über Hans Litten.
Autorin: So
begann Jungfer seine Rede über den Juristen, der im Jahre 1938 im
Konzentrationslager Dachau umgekommen war, nach jahrelangen schlimmsten
Foltern. Die Nationalsozialisten hatten ihm nicht verziehen, dass er sie - mit
juristischen Mitteln - bekämpft hatte, wo er konnte. Hans Litten hat sein
couragiertes Auftreten als junger Rechtsanwalt vor Gericht Ende der 20er und
Anfang der 30er Jahre mit dem Leben bezahlt.
Stefan König, wie sein Kollege Gerhard Jungfer
heute um das Andenken Littens bemüht, hatte schon Monate vor der feierlichen
Wiedereröffnung des Gerichtsgebäudes einen Brief an die Berliner Justizsenatorin
geschrieben.
Zitator: Ich
habe erst vor kurzem festgestellt, dass sich im (ehemaligen) Bezirksgericht
Mitte eine bronzene Büste des Rechtsanwalts Hans Litten befindet. Sie steht
dort auf dem Gang im ersten Stock. Vielleicht ist Ihnen bekannt, dass die
Straße, in der sich das Gericht befindet, auch Littenstraße heißt, jedenfalls
noch heißt. Am 2. Oktober, am Tage vor der Vereinigung, fiel mir das ein, und
ich habe mich nach dem Schicksal der Büste im Gericht erkundigt. Ich hatte
befürchtet, dass sie im Zuge der Auflösung des Gerichts dem Drang nach
Beseitigung aller Spuren und Symbole des Überwundenen, untergegangenen Gesellschaftssystems
und seines Staates zum Opfer fallen könnte. Denn für viele mag es naheliegen,
Hans Litten mit der realsozialistischen Justiz der DDR zu identifizieren, deren
erste Richter und Staatsanwälte auf der "Hans-Litten-Schule"
ausgebildet wurden, die jene Straße, an der auch das Oberste Gericht der DDR
residierte, nach ihm benannte, und die sich gerne, wenn sie ihre Traditionen
beschwor, auf ihn berief.
Autorin: Dass
sie dies zu Unrecht tat, hob auch Gerhard Jungfer in seiner Rede hervor. Hans
Litten war zum Beispiel nie Kommunist gewesen.
Rechtsanwalt Stefan König schlug vor, die Büste
Littens ins Kriminalgericht Moabit zu schaffen, denn dort habe Hans Litten
hauptsächlich gewirkt. Er hatte dort Arbeiter verteidigt oder war als
Nebenklagevertreter für sie aufgetreten, wenn sie Opfer von Nazi-Schlägern geworden
waren.
Der Präsident des Landgerichts, Manfred Herzig,
hielt von dem Vorschlag jedoch nicht viel.
Zitator: Die
Ehrung Littens im Westteil der Stadt wäre bereits vor dem Fall der Mauer, ja
sogar vor ihrem Bau möglich gewesen. Was die Dortmunder Anwaltschaft für ihre
Stadt (mit)durchgesetzt hat, (dort wurde 1988 eine Straße nach Hans Litten
benannt) ist meines Wissens in Berlin (West) von den hiesigen Rechtsanwälten
nie thematisiert worden, obwohl hier der Schwerpunkt seines Wirkens als
Strafverteidiger und "proletarischer Anwalt" lag. Dass sich die
Westberliner Justiz in diesem Punkt - möglicherweise durch die ausschließliche
Inanspruchnahme des "Littenerbes" durch die DDR - zurückhielt, beleuchtet
ebenfalls ein Stück Zeitgeschichte und verdient zur Kenntnis genommen zu
werden. Nach meinem Dafürhalten könnte eine eilfertige Umsetzungsaktion den
Verdacht nähren, frühere Gedankenlosigkeit oder Versäumnis solle kaschiert
werden.
Autorin: Die
Furcht Königs, die Büste könnte entfernt und die Straße umbenannt werden, hielt
der Präsident des Landgerichts zwar für unbegründet. Dass der Rechtsanwalt
jedoch so falsch nicht gelegen hat, zeigte sich im Februar 1992, als im Tagesspiegel
zu lesen war:
Zitator: Was
der Stadt Dortmund noch im Jahre 1988 die Benennung einer Straße wert war, jene
unbeugsame und jeglicher Konzession an die Zerstörer des Rechts bare
Standhaftigkeit, droht in Berlin indes Opfer ideologisch beratener
Aufräumarbeit im Osten der Stadt zu werden: Der Berliner CDU zumindest ist, ob
nun aus politischen Gründen oder aus Ignoranz, der Name Litten ein Dorn im
Auge, will sie doch die Littenstraße im Zuge der Straßenumbenennungen in
"An der Klosterkirche" zwangsumtaufen.
Autorin: Der
CDU-Fraktionsvorsitzende Klaus Landowsky reagierte zwar prompt mit einem
Dementi, eine Umbenennung komme nicht Frage. Fakt ist jedoch, dass am Rande
einer CDU-Klausurtagung in Leipzig Vorschläge zur Umbenennung von 13 Straßen
bekannt geworden waren, darunter eben auch der Littenstraße.
Auf die Veröffentlichung reagierten vor allem
Menschen, die Hans Litten noch persönlich gekannt haben. Margot Fürst schrieb
zum Beispiel an die Justizsenatorin:
Zitatorin: Ich
bin empört und entsetzt, dass es in der Bundesrepublik möglich sein soll, einen
Kämpfer gegen Hitler und seine Bande schon vor 1933, der dafür von der Nacht
des Reichstagsbrandes an bis zum Ende in Dachau am 5. Februar 1938 durch die
KZs geschleift und mehrfach gefoltert wurde, die Ehrung zu bestreiten.
Sollten Sie Carlheinz von Brücks Buch "Ein
Mann, der Hitler in die Enge trieb / Hans Littens Kampf gegen den
Faschismus" kennen, so wissen Sie auch, dass ich seine Sekretärin war.
Aber dieser Legitimation bedarf es kaum, da ich eigentlich im Namen jedes
demokratischen Bürgers dieses Landes sprechen können müsste.
Autorin: Aus
dem Marienfelder Lager schrieb eine Jugendfreundin Littens an den Tagespiegel,
eine 86jährige Jüdin, die vor 6 Monaten aus dem Exil in der Sowjetunion
zurückkehrte.
Zitatorin: Wir
wuchsen beide in Königsberg auf, waren beide Mitglieder eines Wanderbundes
(Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens). Ich war damals 16
Jahre alt, Hans Litten 2 Jahre älter. Von Politik war damals für uns noch nicht
die Rede, aber es "blühte" der Antisemitismus (wie immer in
Ostpreußen). Desto bemerkenswerter war für mich, dass Hans Litten sich gerade
einer jüdischen Gruppe anschloss. Warum? Er war ein Halbjude. (...) Hans Litten
zählte sich zu den Juden, was in der damaligen Zeit sehr tapfer war. Dies
zeigt, dass er schon als ganz junger Student ein sehr prinzipieller Mensch war,
obwohl er keiner Partei angehörte. Die Nachricht, dass man der nach Hans Litten
genannten Straße jetzt seinen Namen nehmen will, empört und betrübt mich sehr,
es sollte doch das Andenken an einen so aufrechten, tapferen Menschen, der sein
Leben für Recht und Wahrheit hingab, wenigstens in der Benennung einer Straße
weiterleben.
Autorin: Und
schließlich Dr. Götz Berger, Jahrgang 1905, der zur selben Zeit wie Hans Litten
in Berlin als Rechtsanwalt praktizierte:
Also ich muss sagen, dass etwas derartiges mich heute noch erschüttert
und empört. Wenn es irgendjemand gegeben hat, der menschlich sauber, politisch
einwandfrei und intellektuell auf der Höhe gestanden hat, wie wir es nur von
jedem gewünscht hätten, dann war es Hans Litten, der Anwalt, der für seine
Überzeugung und auch für seinen Beruf, richtig aufgefasst, Beruf als Anwalt, in
den Tod gegangen ist.
Autorin: Götz
Berger, in Berlin aufgewachsen, studierte Jura in Berlin und Freiburg, wo er
auch promovierte. 1932 ließ er sich als Rechtsanwalt nieder, nachdem er vorher
Erfahrungen als Referendar gesammelt hatte.
Ich war seit Ostern 32 im rötesten Wedding, am Gesundbrunnen, und zwar,
was bei manchen heute eine Gänsehaut erzeugt, ich war zusammen mit Hilde
Benjamin. Eine Praxis. Das ergab sich einfach daraus, dort, wir mussten dort
wirken, wo Not am Mann ist, dort war eben, gerade eben in der roten Gegend,
wurde ein Anwalt gebraucht, sehr, und für mich galt eben die Notwendigkeit.
Aut.: Hans Litten war ein sehr
junger Anwalt, wie haben Sie ihn denn erlebt?
Berg.: Gerade dieses junge war
großartig. Wir hatten auch andere Anwälte, die durchaus gut waren und sich für
die Sache der kämpfenden Arbeiter eingesetzt haben, aber die sich nicht so mit
Leib und Seele, mit der ganzen Person, für sie eingesetzt haben, wie es bei
Hans Litten war.
Aut.: Und Hans Litten war
damals trotz seiner Jugend bekannt?
Berg.: Er war bekannt. Er war
sehr bekannt, also einmal, ich will sagen, das Äußere, damit es nur erwähnt
wird, Hans Litten war ein halber Anarchist, ein viertel Anarchist, will ich
sagen, und ist aus der bündischen Jugend hervorgegangen, und das hat er
beibehalten zu einem Teil. Er ist also lange mit einem Schillerkragen
'rumgelaufen und mit Haaren, wie es heute vielleicht nicht mehr so ungewöhnlich
ist, aber damals, also mit langen Haaren. Und noch dazu, man wusste ja, zum
Teil wenigstens, dass er der Sohn eines sehr hochrangigen Juristen aus
Königsberg war, eines Professors, ja, also er stammte ja aus sehr bürgerlichem
Haus.
Aut.: Und war das denn in der
Arbeiterschaft, die er ja doch hauptsächlich vertreten hat, nicht auch etwas
merkwürdig? Oder bei den Kommunisten, die liefen ja auch nicht gerade mit langen
Haaren 'rum.
Berg.: Also da wurde er sehr
geschätzt. Auch weil Litten der Letzte war, der etwa auf den Ertrag gesehen
hat. Er hat gratis auch verteidigt, wenn's notwendig war, er hat mit den Kumpels
gelebt. Er hat das Erlebnis gehabt der Entwicklung in der bündischen Jugend, in
der freien Jugend, dann im Kontakt mit den Kommunisten, ja, da hatte er eben
auch den menschlichen Kontakt zu denen, die er verteidigt hat. Das war nicht
nur eine Beziehung Anwalt-Mandant, sondern eine Beziehung zwischen Anwalt und
Genossen, im weitesten Sinne.
Autorin: Aber
eben nur im weitesten Sinne, denn Litten war ja nie Mitglied der
Kommunistischen Partei gewesen.
Rudolf Olden, in der Weimarer Zeit Rechtsanwalt
und Publizist, schrieb später über Litten:
Zitator: Übrigens
war es nicht so lange nachher, dass seine Tätigkeit in politischen Prozessen
abnahm; die "Rote Hilfe", die Rechtshilfe-Organisation der
Kommunistischen Partei, ließ ihm keine Mandate mehr zukommen. Warum? Ein
Harmloser würde den Grund nicht erraten: Litten war zu erfolgreich. Der
kommunistischen Agitation war mit Bluturteilen und mit Märtyrern in den
Zuchthäusern gedient, nicht mit Freisprüchen und mit gerechten Entscheidungen
der bürgerlichen Gerichte. Das war die Erklärung, die Litten selbst mir gab,
der ja mit der Partei nichts zu tun hatte.
Mit der Kommunistischen Partei oder irgendeiner
anderen, mit Politik im engeren Sinne, hat Hans Litten nichts zu tun gehabt.
Regie: Take 3 (O-Ton Berger)
Dazu war er viel zu kritisch veranlagt, zu wenig geneigt, Dogmen
anzunehmen und zu vielfach gebildet. Er hat sich mit großen Weltanschauungen
auseinandergesetzt und alles sehr gründlich studiert. Also die Kommunistische
Partei war ihm aus mancher Hinsicht nicht sympathisch. Aber er hat eben damals
im Vorfeld des Nazismus, das ging ja um einige Monate vor der Machtergreifung,
da hat er eben erkannt, wo ist der Hauptfeind, gegen wen muss man sich jetzt
wehren. Kann man die theoretischen Differenzen, die es sicher gegeben haben
mag, kann man die hervorkehren, oder kommt es jetzt darauf an, dem Feind die
Reaktion, und er sah das eben als gebildeter Mann an, das Kapital, das hinter
Hitler steckt, das muss man im Visier haben. Also alle theoretischen
Erwägungen, die für ihn wirklich wichtig waren, hat er zurückgestellt gegenüber
der Haupt- und entscheidenden Aufgabe, dem Kampf gegen den Faschismus.
Autorin: Hans
Litten wurde vor allem deswegen bekannt, weil er Arbeiter und Kommunisten
verteidigte. Berühmtheit erlangte er im sogenannten Eden-Palast-Prozess. Hier
trat Litten als Vertreter der Nebenkläger, also der Opfer des Nazi-Terrors,
auf.
Im Tanzpalast "Eden" in Charlottenburg
hatte am 22. November 1930 eine Zusammenkunft des Arbeiterwandervereins
"Falke" stattgefunden. Eine sogenannte Sturmabteilung der Nationalsozialisten,
der "Sturm 33", hatte an jenem Abend das Lokal überfallen, einige
Arbeiter niedergeschlagen, einem jungen Mann mit einem Totschläger die
Schädeldecke zertrümmert und schließlich durch die Eingangstür auf die
ahnungslosen Gäste im Tanzsaal geschossen.
Vier der an dem Überfall beteiligten Nazis wurden
vor Gericht gestellt, angeklagt wegen versuchten Totschlags in drei Fällen,
Landfriedensbruchs und Körperverletzung. Verurteilt wurden lediglich drei
Angeklagte wegen schweren Landfriedensbruchs in Tateinheit mit schwerem
Hausfriedensbruch zu zwei ein halb
Jahren Gefängnis, ein Angeklagter wurde freigesprochen.
Dieses Prozessergebnis war alles andere als
sensationell. Aber das Auftreten Littens, vor allem seine Zeugenbefragungen,
erregte Aufsehen. Ihm ging es darum, zu beweisen, dass die Überfälle der Nazis
zur planmäßigen Taktik ihrer Parteiführung gehörten. Litten wollte klarstellen,
dass die Nationalsozialisten nur vorgaben, legal handeln zu wollen.
Carlheinz von Brück beschreibt in seinem vorhin
schon erwähnten Buch "Ein Mann, der Hitler in die Enge trieb" das
Ereignis, das Litten schließlich berühmt machte:
Zitator: 8.
Mai 1931. An diesem Tag ist das Berliner Kriminalgericht Moabit von zwei
Hundertschaften der Schutzpolizei besetzt. Eine weitere Hundertschaft steht in
der Nähe in Bereitschaft. Der Zutritt zum Gerichtsgebäude ist nur mit amtlicher
Legitimation möglich. Im Saal selbst befinden sich zahlreiche Pressevertreter
und bekannte Persönlichkeiten, wie Landgerichtspräsident Soelling,
Oberstaatsanwalt Sethe und inoffiziell auch Vertreter der Regierung, die den
Höhepunkt dieses Prozesses, die Vernehmung Adolf Hitlers, verfolgen wollen. Als
der Zeuge Hitler im "blauen Zivil", von seinem Adjudanten Brückner
begleitet, den Saal betritt, springen die Angeklagten mit dem Faschistengruß
auf. Während der stundenlangen Vernehmung ihres "Führers" bleiben sie
ostentativ stehen.
Autorin: Auch
Götz Berger erinnert sich an die Vernehmung Hitlers durch Litten:
Also einmal, und das war wichtig, bevor Hitler die Macht ergreifen
konnte, wie man damals sagte, hatte er das Bestreben, als normaler Politiker,
der keine Gewalt anwendet, auf parlamentarischem Wege zur Macht zu kommen. So
hat er es X-mal gesagt, nicht wahr, wir lehnen die Gewaltsamkeit ab. Das hat
ihn natürlich in vielen Kreisen Sympathien verschafft. Sympathien, die er
brauchte, vorher. Und nun hat Litten bewiesen, dass das Gegenteil der Fall war.
Also Litten, der ja außerordentlich geistesgegenwärtig war und auch die gesamte
Materie aus dem FF kannte, hat dann, als es gelang, und das war großartig, als
es gelang, Hitler als Zeugen vernehmen zu lassen, da hat ihm Litten
entgegengehalten, Sie haben doch in einem Rundschreiben an ihren Gauleiter von
Berlin, Goebbels, daraufhingewiesen, dass mit allen Mitteln, auch mit den
Mitteln der Gewalt, gegen die Gegner vorgegangen werden muss. Also es ist
Litten gelungen, den Beweis aus den Materialien der Nazis zu erbringen, dass
die Nazis eine Partei war, die mit Gewalt vorgehen wollte, was bis dahin also
noch nicht allen so klar war.
Aut.: Und vor allem das zu tun
in einem öffentlichen Gerichtsverfahren.
Berg.: In einem öffentlichen
Gerichtsverfahren, und das Verfahren, natürlich, wo Hitler als Zeuge vernommen
wurde, das ging ja natürlich über die Welt.
Und das andere, das zeigte eben, dass Litten auch ein Mann war, der
nicht bloß billige Agitation betrieb, sondern der den Sachen auf den Grund
gegangen war. Also es ging bei der Vernehmung Hitlers auch darum, woher die
Gelder der Nazi-Partei stammten. Nun hatte sich doch die NSDAP immer, bis zum
Schluss, als eine Arbeiterpartei ausgegeben, als eine Partei, die also nur für
die Notleidenden sich einsetzt, also die soziale Demagogie. Das war doch ein
wesentliches Mittel, mit dem Hitler zur Macht gekommen ist.
Autorin: Im
Prozess habe Litten Hitler vorgehalten, dass die NSDAP von der Schwerindustrie
bestimmte Geldsummen bekommt, er habe dabei die Namen der Betriebe und die Höhe
der Beträge genannt, weiß Götz Berger zu berichten. Danach sei jedem klar
geworden, dass die Nazi-Partei eine Partei des Kapitals war.
Regie: Take 5 (O-Ton Berger)
Und das war also zur Entlarvung der Demagogie, der sozialen Demagogie
der Nazis, von unerhörter Bedeutung.
Autorin: Hans
Litten konnte damals ahnen, was auf ihn zukam. Jedenfalls wurde schon während
dieser Zeit eine enorme Hetze gegen ihn entfacht, die ihren H”hepunkt während
eines anderen Prozesses erreichte.
Zitator: Wie
lange darf Litten noch provozieren?
Legt dem Anarchisten endlich das unsaubere
Handwerk!
Autorin: Das
schrieb das nationalsozialistische Blatt "Der Angriff" am 3. Juni
1932.
Es folgte ein Bericht über den
"Felsenecke-Prozess".
"Felsenecke" hieß eine Kolonie in
Reinickendorf. Während des Winters lebten dort höchstens 50 Familien. Für die
Nationalsozialisten war es eine "rote Kolonie", in der hauptsächlich
Kommunisten wohnten. Im Januar 1932 überfielen 150 Nazis, die sich zuvor in
einem Lokal getroffen hatten, die Kolonie und feuerten zahlreiche Schüsse ab.
Fritz Klemke, ein 29jähriger Bewohner der Kolonie, wurde niedergeschossen. In
dem folgenden Handgemenge wurde auch ein SA-Mann namens Ernst Schwarz getötet.
Carlheinz von Brück schreibt über den
"Felseneck-Prozess", der am 20. April 1932 begann:
Zitator: Angeklagt
sind lediglich 5 der 150 SA-Männer, die am Überfall beteiligt waren. Die von
Staatsanwaltschaftsrat Stenig vertretene Anklage wirft ihnen gemeinschaftlichen
Totschlag an Fritz Klemke vor. Dagegen sitzen von den überfallenen
"Felseneck"-Bewohnern 19 auf der Anklagebank. 15 von ihnen wirft die
Anklage gemeinschaftlichen Totschlag an dem SA-Mann Schwarz und den anderen 4
Arbeitern schweren Landfriedensbruch und unerlaubten Waffenbesitz vor. Unter
ihren Anwälten befindet sich auch Hans Litten als Wahlverteidiger im Auftrage
der Roten Hilfe.
Autorin: Und der setzte sich in
einem Maße für seinen Mandanten ein, dass er sich nicht nur den Hass der Nazi-Presse,
sondern auch den Ärger des Gerichts zuzog. Im August wurde Litten von der
Verhandlung ausgeschlossen, mit einer fadenscheinigen Begründung. Er habe eine
"hemmungslose parteipolitische Propaganda im Prozess entfaltet",
"die Zeit des Gerichts mit Fragen aufgehalten, die der Aufklärung des
Sachverhalts nicht dienlich" seien, zahlreiche "Anträge nur aus
politischem Sensationsbedürfnis" gestellt und "unter den Angeklagten
eine verhetzende Tätigkeit ausgeübt".
Hans Litten legte gegen diesen Beschluss Beschwerde
ein, der das Kammergericht auch
stattgab. Daraufhin legten jedoch der Vorsitzende und der Berichterstatter des
Schwurgerichts ihre Ämter nieder. Der Prozess musste noch einmal von vorn
beginnen. Das neue Gericht ließ Hans Litten nicht als Verteidiger zu. Er gelte
als wichtiger Zeuge, der in mehreren Fällen verdächtig sei, Angeklagte
begünstigt zu haben.
Die Nichtigkeitsbeschwerde des Anwaltskollegen
Erich Cohn-Bendit blieb erfolglos, obwohl er den Verdacht der Begünstigung
entkräftet hatte. Außerdem hatte sich Cohn-Bendit dagegen verwahrt, dass ein
Rechtsanwalt "ohne Urteil, sondern durch Verdacht diffamiert wird".
Die Anwaltskammer war vor dem Hintergrund des
"Felsenecke-Prozesses" ebenfalls dafür eingetreten, Verteidigerrechte
besser zu schützen. Im Fall Litten nützte das jedoch nichts.
Am 22. Dezember 1932 ging der Prozess zu Ende.
Zwei der angeklagten Arbeiter wurden wegen Diebstahls zu 6 Monaten Gefängnis
verurteilt, ein weiterer Angeklagter wurde freigesprochen. Gegen alle übrigen
Angeklagten wurde das Verfahren auf Grund eines Amnestiegesetzes eingestellt.
Regie: Take 6 (O-Ton Berger)
Hans Litten, der Anwalt, der für seine Überzeugung und auch für seinen
Beruf, richtig aufgefasst, Beruf als Anwalt, in den Tod gegangen ist.
Autorin: Etwas
mehr als zwei Monate nach dem Ende des "Felsenecke-Prozesses" begann
das Martyrium von Hans Litten. In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er
verhaftet.
Regie: Take 7 (O-Ton Berger)
In der Nacht zum Reichstagsbrand wurden eine Reihe von linksorientierten,
vor allen Dingen Intellektuellen, Schriftstellern, Bühnenkünstlern und
natürlich auch Anwälten, festgenommen. Dazu gehörten auch einige, die nicht
Kommunisten waren, aber die sich für die revolutionäre Arbeiterschaft
eingesetzt haben. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Rechtsanwalt Apfel, der
ein durchaus bürgerlicher Mann war, es sind eine Reihe von Anwälten damals auch
festgenommen worden, aber Litten war einer der ersten.
Autorin: 1938 nahm sich Hans Litten im Konzentrationslager Dachau das Leben.
1940 erschien in England, Frankreich, Amerika, Mexiko und China Irmgard Littens
Buch "Eine Mutter kämpft gegen Hitler", mit einem Vorwort von Rudolf
Olden. Irmgard Litten kämpfte tatsächlich um ihren Sohn, setzte sich mit all
ihren Kräften dafür ein, dass seine Situation in den Konzentrationslagern
verbessert wurde. Letztlich tat sie dies vergeblich. Ihr Bericht, in dem sie
nicht nur das Schicksal ihres Sohnes beschreibt, sondern auch die grausamen
Verbrechen an anderen Häftlingen schildert, beginnt mit den Worten:
Zitatorin: Seit dem
Felsenecke-Prozess war ich in Angst um ihn. Ich hatte ihn angefleht, wenigstens
für eine Weile ins Ausland zu gehen. Ein Haus und Geld waren ihm dort zur Verfügung
gestellt. Er lehnte alles mit den Worten ab: "Die Millionen Arbeiter
können nicht heraus, also muss ich auch hier bleiben."
Autorin: Dass
Littens Festnahme und seine späteren schwersten Misshandlungen in den
verschiedenen Konzentrationslagern, die ihn schließlich in den Tod trieben, in
unmittelbarem Zusammenhang mit seiner Anwaltstätigkeit standen, beschreibt auch
Rudolf Olden im Vorwort zu Irmgard Littens Buch:
Zitator: Dieser letzte große
Prozess, in dem Litten tätig war, ging um einen Überfall, den
Nationalsozialisten auf die Kolonie "Felsenecke" unternommen hatten
und dem Kommunisten entgegengetreten waren. In dem Getümmel war ein
Nationalsozialist namens Schwarz zu Tode gekommen. Wer den Streich gegen ihn
geführt hatte, war nicht zu ermitteln gewesen. Als dann Hitler regierte,
griffen die Behörden, von neuem Geist beseelt, viele der blutigen Vorfälle der
Bürger-Guerilla wieder auf, stellten neue Erhebungen an, verurteilten Kommunisten
und Sozialisten, die mit einer Gefängnisstrafe weggekommen waren, zum Tode,
sperrten andere ein, die vorher für unschuldig befunden worden waren; Die
Nazi-Bürgerkrieger waren seither gebührend geehrt worden und fungierten jetzt
als klassische Zeugen. Im Verlauf der Wiederaufnahme des Felsenecke-Prozesses
wollte man von Litten, nun Insasse eines Konzentrationslagers, erfahren, wer
eigentlich jenen Schwarz vom Leben zum Tode gebracht hatte. Das wusste er
wahrscheinlich nicht, wollte es aber jedenfalls, treu seiner Anwaltspflicht,
nicht sagen. Darum wurde die Tortur gegen ihn angewendet, und er versuchte
Selbstmord, um sich selbst den Mund zu verschließen.
Autorin: Dieser
erste Selbstmordversuch misslang. Hans Litten erlebte noch vier weitere
grauenvolle Jahre in den Lagern Sonnenburg, Esterwegen, Lichtenburg, Buchenwald
und Dachau. Die Spuren der Misshandlungen sind bleibend: Ausgeschlagene Zähne,
ein gebrochener Kiefer, das Gehör und ein Auge irreparabel verletzt, ein
steifes Bein. Die Mutter lässt in ihrem Buch einen Mithäftling ihres Sohnes zu
Wort kommen, der aus den Lagern entkommen war:
Zitator: SA-Leute
kamen in der Nacht in die Einzelzelle von
Hans und erklärten: Jetzt wirst du erschossen. Wir wollen aber ein
Andenken an diesen Moment haben: Im Augenblick der Erschießung werden wir dich
photographieren. An jede Schläfe wurde dann ein Revolver gesetzt, das
Blitzlicht leuchtete auf, der Apparat klickte, aber die Schüsse gingen nicht
los. Mit solchen und ähnlichen Scherzen amüsierte man sich stunden-, ja
tagelang.
Autorin: Selbst
in der Hölle der Konzentrationslager jedoch konnte Hans Litten nicht gebrochen
werden. Wenn die Situation es erlaubte, arbeitete er wissenschaftlich. Er
konnte hebräische und arabische Texte lesen, er hielt vor seinen Mithäftlingen
Vorträge über Geschichte. Im Lager Lichtenburg hatte er die Aufsicht über die
Bibliothek. Dort befahl die SS aus Anlass irgendeiner Nazi-Feierlichkeit, den
Häftlingen, ein Fest zu feiern. Hans Litten entschied sich dafür, ein Gedicht
vorzutragen. Er wählte ein Lied aus der Jugendbewegung: "Die Gedanken sind
frei."
Er trug alle drei Strophen vor, die letzte lautet:
Zitator: Und
sperrt man mich ein
in
finstere Kerker
das
alles sind rein
vergebliche
Werke
denn
meine Gedanken
zerreißen
die Schranken
und
Mauern entzwei:
Die
Gedanken sind frei!
Autorin: Ein
Mithäftling Hans Littens erinnert sich:
Zitator: Die
SS hatte den Sinn des Gedichtes, die Absicht des Vortragenden nicht begriffen,
jedenfalls kam sie erst darauf, als es zu spät war.
Man bedenke: Rundherum schwarze Uniformen,
Totschlägertypen; vorne, etwas erhöht stehend, ein armer, verkrüppelter,
gequälter Mensch. Er liest plötzlich ein Gedicht, das in dieser Umgebung eine
oppositionelle, nein, eine revolutionäre, eine zündende Wirkung bekam. Für uns
alle war dieses Erlebnis - ein Erlebnis! Persönlicher Mut gehörte dazu, und der
hat schließlich Hans Litten, weil er innerlich nicht gebrochen war, bei den
Nazis so verhasst gemacht.
Autorin: Hans
Litten, 1903 in Halle geboren, stammte aus bürgerlichem Elternhaus. Sein Vater
war Jurist, Dekan der juristischen Fakultät, zeitweise Direktor der
Königsberger Universität.
Die Familie, besonders aber seine Mutter, bemühte
sich vergeblich um seine Freilassung. Alle Interventionen bei einflussreichen
Persönlichkeiten, zum Beispiel dem damaligen Wehrminister Blomberg oder dem
Justizminister Gürtner, blieben ergebnislos. Irmgard Litten gelang es sogar,
bis zu Freisler vorzudringen. "Es wird niemand etwas für Litten erreichen.
Hitler lief blaurot im Gesicht an, als er den Namen hörte", soll er gesagt
haben. Der Kronprinz, der sich für Litten einzusetzen versuchte, erhielt von
Hitler die Antwort: "Wer für Litten eintritt, fliegt ins Lager, selbst
wenn Sie es sind!"
Eine Eingabe von Lord Allen of Hurtwood bei
Hitler, die von 100 hoch angesehenen Juristen Englands unterzeichnet war,
brachte auch keinen Erfolg. Rudolf Olden schreibt im Vorwort von Irmgard
Littens Buch:
Zitator: Ich
muss gestehen, ich glaube nicht, dass man bis heute verstanden hat, was der
Opfergang Hans Littens für uns, für die Juristen, bedeutet, - soll denn unser
Beruf mehr sein, als eine bestimmte Methode der logischen Argumentation und als
ein Gewerbe, nämlich der breite und feste Quader in der Grundlage
abendländischer, christlicher Zivilisation.
Autorin: Dass
man es heute verstanden hat, kann man nur hoffen. Die Berliner Justizsenatorin
jedenfalls schrieb wenige Tage, nachdem Rechtsanwalt Gerhard Jungfer im
Gerichtsgebäude an der Littenstraße seinen Festvortrag gehalten hatte,
folgenden Brief:
Zitatorin: Sehr
geehrter Herr Jungfer,
für Ihren Beitrag zum Tag der Offenen Tür darf ich
mich sehr herzlich bedanken. Mit der Erinnerung an Hans Litten haben Sie den
Teilnehmern noch einmal aufgezeigt, vor welchem geschichtlichen Hintergrund
Justiz in dieser Stadt ausgeübt wird, und das neu eröffnete Gericht an einer
mit dem Namen Litten würdig bezeichneten Straße liegt.
***