SFB
„Sonntags
Immer“ vom 3.3.1991
Redaktion: Andreas Knaesche
Manuskript:
Annette Wilmes
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Justitia - was wägt sie?
Autorin: An einem Parkhaus
in Alt-Moabit hängt seit einigen Jahren eine merkwürdige Skulptur. Eine Hand
hält ein Gebilde. Auf der einen Seite ein Käfig, in dem ein Mensch steht, auf
der anderen ein Käfig, der sich öffnet. Was soll das? Ach ja, Käfig, Knast, das
Parkhaus befindet sich in unmittelbarer Nähe der Untersuchungshaftanstalt. Hat
wohl irgendetwas damit zu tun. Und das Gebilde? Es könnte eine Waage sein. Soll
es wohl auch. Justitia hält eine Waage in der Hand.
Hinter
der Untersuchungshaftanstalt, durch unterirdische Gänge miteinander verbunden,
liegt der gewaltige Bau des Moabiter Kriminalgerichts. Und an dem großen
Eingangsportal in der Turmstraße hängt der Kopf der Justitia, über den Augen
trägt sie eine Binde. Darunter wieder die Waage, beide Waagschalen allerdings
sind leer.
Justitia,
die Göttin der Gerechtigkeit, was hat sie wohl zu wägen?
Im
Strafprozess wirft der Staatsanwalt seine Argumente in die eine Waagschale.
Sie senkt sich merklich. Der Angeklagte soll eine Eisenstange auf ein Polizeifahrzeug
geworfen haben, nur wenige Zentimeter am Kopf des Beifahrers entfernt soll sie
steckengeblieben sein. Die Beweise, die Zeugenaussagen der Polizisten, all das
kommt in die Waagschale. Der Angeklagte hat aber auch einen Verteidiger, auch
der hat einiges zu bieten. Seine Argumente werden gewogen. Die
Belastungszeugen verwickeln sich in immer schlimmere Widersprüche. Letztlich
gelingt es dem Verteidiger, das Gericht davon zu überzeugen, dass der
Angeklagte die Eisenstange gar nicht geworfen haben kann. Er wird
freigesprochen. Ihm ist Gerechtigkeit widerfahren. Die Waagschalen sind im
Gleichgewicht.
Im
Schwurgerichtssaal des Kriminalgerichts gibt es eine Deckeninschrift -
"Suum Cuique" - "Jedem das Seine" - und "Fiat
Justitia" - "Es geschehe Gerechtigkeit". In der mächtigen
Eingangshalle des Gebäudes sind an den Treppenaufgängen steinerne Figuren
angebracht. Justitia - die Gerechtigkeit - ist unter ihnen, aber eben auch die
Streitsucht, die Friedfertigkeit, die Religion, die Lüge und die Wahrheit. Im
Kriminalgericht Moabit geschieht eben mehr als Gerechtigkeit. Ungerecht
behandelt fühlte sich jedenfalls schon so mancher Angeklagte. Zum Beispiel der
Dieb, der als Wiederholungstäter hinter Gitter muss, obwohl er nur ein paar
Flaschen Schnaps geklaut hat. Im Knast trifft er einen Wirtschaftskriminellen,
dessen Beute ein paar Hunderttausend Mark mehr wert war. Der wird jedoch aus
der Untersuchungshaft heraus entlassen. Ein fester Wohnsitz und eine Million
Mark Kaution haben es möglich gemacht. Der Dieb indes muss weiter brummen. Ist
das etwa gerecht?
Justitia
wägt ohne Ansehen der Person, deshalb trägt sie ja die Binde. Sie prüft,
vergleicht, überlegt, bedenkt und findet schließlich das Urteil. Sie soll
dasselbe Recht für alle gelten lassen, egal, welche gesellschaftliche Stellung
die Angeklagten einnehmen, egal, ob sie Frauen oder Männer sind. Manchmal
allerdings könnte man auch vermuten, dass die Binde einen ganz anderen Effekt
hat, dass sie Justitia blind macht, blind für die Umstände, aus denen heraus
manche Taten entstehen. Wenn eine jahrelang misshandelte Frau ihren Mann, den
eigentlichen Übeltäter, schließlich umbringt, ist das doch etwas anderes als
ein kaltblütig geplanter Raubmord. Für Justitia gibt es da leider nicht immer
einen Unterschied.
1929
hat Kurt Tucholsky eine Geschichte geschrieben, die sich nachts im Treppenhaus
des Berliner Kriminalgerichts abspielt. „Justitia, die tagsüber in Stein
gehauen dasteht, löst sich von der Wand und tappt, mit verbundenen Augen,
einige Schritte vorwärts."
Dann
reißt sie die Binde ab, wirft die Waage weg und auch das Schwert. Der
Staatsanwalt kommt. Justitia ist sein braves Mädchen. "Streiker und Revoluzzer
und Demokraten und Spartakisten und Unabhängige und Pennbrüder und Pazifisten
und Schriftsteller und Kommunisten und all das Pack - Wohin?" Für
Justitia ein klarer Fall: Ins Kittchen. "Und die Offiziere? Und die feinen
Leute? Wohin?"
Runter
von der Anklagebank natürlich.
Wenn
Justitia sagt: "Wir haben die Unabhängigkeit der Justiz!" , dann
lachen bei Tucholsky die Hühner. Und die Waage hängt schief, die Binde hat Gucklöcher,
das Schwert ist zweischneidig.
Das
war 1929. Irgendwie immer noch aktuell.
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