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„Wer schießt aus Liebe?“
Gerichtsreportagen von Gabriele Tergit, herausgegeben von Jens Brüning
Sendetag: 18. 3. 2000
Redaktion: Eberhard Sens Manuskript: Annette Wilmes
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Autorin: „Wer schießt aus Liebe?“ – um diese Frage dreht sich ein Artikel im Berliner Tageblatt vom 5. Dezember 1931. Autorin Gabriele Tergit, damals seit 6 Jahren Beobachterin im Kriminalgericht Moabit, beantwortete die Frage so: „Männer schießen aus Liebe zwischen siebzehn und dreiundzwanzig, Frauen schießen zwischen fünfunddreißig und fünfzig.“ Es sind unglücklich Liebende, die zum Revolver greifen, fast alle schießen aus Trauer. „Ein Beil oder ein Dolch lassen auf Wut oder Roheit schließen“, schreibt Gabriele Tergit, „zum Revolver genügt Traurigkeit.“
In den 20er Jahren war Gabriele Tergit eine bekannte Gerichtsreporterin. 1931, als ihr erster Roman erschien – „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ – wurde sie berühmt. Heute ist sie weder bekannt noch berühmt, aber immerhin erinnert man sich wieder an sie. Am neu entstehenden Potsdamer Platz jedenfalls ist eine kleine Straße nach ihr benannt: die Gabriele-Tergit-Promenade.
Der Berliner Publizist Jens Brüning, der jetzt die Gerichtsreportagen im Verlag „Das Neue Berlin“ herausgab, lernte Gabriele Tergit, die eigentlich Elise Hirschmann hieß, 1979 kennen. Sie war 85 Jahre alt und hatte gerade ihre Lebenserinnerungen abgeschlossen. Jens Brüning interessierte sich besonders für ihre Zeit als Gerichtsreporterin. Er traf sie im Dezember 1979 im Hotel am Zoo:
Dass ich mit den Gerichtsberichten angefangen habe, hat ja eigentlich damit zusammengehangen, dass man Gerichtsberichte gebraucht hat. Erfunden hat das ja der Sling, ohne dass der Sling sich hingesetzt hätte und aus einem Gerichtsbericht ein Kunstwerk gemacht, hätten wir alle nicht diesen Beruf ergriffen. Also ich glaube, dass immer über berühmte Prozesse berichtet worden ist. Der Unterschied ist nur, dass Sling entdeckt hat, und ich habe das auch noch in einem stärkeren Ausmaß entdeckt, dass das tägliche Leben, aus dem also Prozesse entstehen, sehr interessant ist, sehr viel zur sozialen Lage der Zeit sagt.
Autorin: ... sagt Gabriele Tergit. Sling, der eigentlich Paul Schlesinger hieß, der seine Gerichtsreportagen, Glossen und Feuilletons in der Vossischen Zeitung veröffentlichte, war ihr großes Vorbild. „Der berühmte Gerichtsberichterstatter – Sling“, schrieb sie, „mit dem ich das Glück hatte, fast vier Jahre lang durch Moabit zu wandern“.
Aber auch Gabriele Tergits „Gerichtsquatschereien“, wie sie selbst ihre Artikel einmal nannte, die zunächst im Berliner Börsencourier, dann im Berliner Tageblatt erschienen, erfreuten sich schnell großer Beliebtheit bei der Leserschaft.
Berichte aus dem täglichen Leben, die nun in dem schön aufgemachten Band nachzulesen sind.
Zum Beispiel die Geschichte von der „unnatürlichen Tochter“, die in einem Beleidigungsprozess gipfelte. Ein Kind war geboren worden, der Arzt sagte dem Vater, der wie damals üblich bei der Geburt nicht dabei war, „Sie haben ein gesundes Mädchen“. Der glückliche Vater ließ sein Kind unverzüglich unter dem Namen Grete beim Standesamt eintragen. Der Kinderarzt kam und stellte fest, dass Grete ein Junge war. Nun hatte der Vater die Rennerei und den Ärger mit der Bürokratie, um aus Grete Hans zu machen. Die Kosten wollte er vom Arzt ersetzt haben, der weigerte sich jedoch beharrlich. Der Vater schrieb böse Briefe, in der von „Dummheit“ die Rede war, es fiel auch das Wort „frech“. Der Arzt erhob Beleidigungsklage. Der Vater wurde zu einer Geldstrafe verurteilt.
Gabriele Tergit schrieb über Heiratsschwindler, über Transvestiten, über Mörder und Gotteslästerer und immer wieder über Frauen, die gegen Paragraph 218 verstoßen hatten, den Abtreibungsparagraphen; über eine junge, unglückliche Mutter, die ihr neugeborenes Kind getötet hatte.
Anfang der dreißiger Jahre mehrten sich Prozesse ganz anderer Art. Prozesse gegen Fememörder und „völkische Helden“ spiegeln die Verrohung der Sitten in der Weimarer Republik wider. 1933 waren die Nazis dann an der Macht. Gabriele Tergit erinnert sich 1981:
Regie: Take 2 0,38 ’
Ich hatte dauernd über Nazi-Prozesse berichtet und war also vor allen Dingen dem Sturm 33 ein Dorn im Auge, weil ich dessen Totschlagekünste mitgeteilt habe. Und wie ich also, am 4. März in der Nacht um drei ungefähr klingelte es Sturm an unserer Wohnungstür und mein Mann rief, nicht aufmachen! Und diese zwei Worte haben mich gerettet.
Autorin: Der Überfall auf die Gerichtsreporterin, ihren Mann und ihren vierjährigen Sohn verlief glimpflich. Der Denkzettel hatte jedoch seine Wirkung. Gabriele Tergit, jüdischer Herkunft, verließ am nächsten Tag, am 5. März 1933, Berlin.
Sie lebte zunächst in Prag, zog 1934 mit der Familie nach Palästina und 1938 schließlich nach London, wo Gabriele Tergit 1982 starb. Auch in London hat sie viel geschrieben, Romane, Hörspielentwürfe, zahlreiche Aufsätze zu historischen und literarischen Themen. Ihre Zeit als Gerichtsberichterstatterin aber gehörte der Vergangenheit an.
Die Reportagen, die eigentlich für den Tag geschrieben waren, sind auch heute noch gut zu lesen; sie sind witzig, ironisch, spannend – dabei voller Sachkunde und Menschenkenntnis. Ganz anders als viele Gerichtsgeschichten, die uns heute geboten werden.
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Gabriele Tergit: Wer schießt aus Liebe? Herausgegeben
und mit einem Vorwort versehen von Jens Brüning im Verlag Das Neue Berlin, 208
Seiten, 24,90 DM.