Annette Wilmes über Eleanor Marx, genannt Tussy Berlin, den 25.4.1997
Für Elefantenpress-Kalender, ”Bad Women” 1998
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Tussy
"Nein diese Tussy!"
sagten Zeitgenossen immer wieder, wenn von Eleanor Marx die Rede war. Die
jüngste Tochter von Karl und Jenny, am 16. Januar 1855 geboren, führte für die
damaligen Verhältnisse ein eher ungewöhnliches Leben. Zigaretten rauchend im
Café zu sitzen und dort Zeitungen zu lesen, entsprach nicht unbedingt den
Vorstellungen von einer anständigen jungen Frau.
Warum Eleanor ausgerechnet
Tussy genannt wurde, ist wohl eher Zufall.
Spitznamen waren in der Familie Marx beliebt." Mohr" hieß der
Vater,“ Mümmelchen“ oder "Möhmchen" Mutter Jenny. Tochter Jenny war
"Qui-qui, Kaiser von China", manchmal nur kurz "Kaiser".
Laura wurde "Hottentott" oder "Cacadou" gerufen, Eleanor
"Quo-quo, Kronprinz von China", "Zwerg Alberich" und später
nur noch "Tussy".
In ihrer Kindheit widmete sie
viel Zeit und Liebe allen möglichen Tieren. Sie war 13 Jahre alt, als Engels an
Marx schrieb: "Leider habe ich für Tussy eine Todesanzeige zu machen. Der
arme Igel hatte sich in seine Bettdecke ein rundes Loch gefressen, seinen Kopf
hineingesteckt und hat sich darin so verarbeitet, daß er gestern morgen
erdrosselt gefunden wurde. Friede seiner Asche und better luck to the next
one." - Welches Schicksal der nächste Igel erlitt, ist nicht überliefert.
Von Tussy aber ist bekannt, daß sie später eine fleißige Gehilfin ihres
berühmten Vaters wurde, auch engagierte sie sich selbst in der
Arbeiterbewegung. Eleanor Marx wurde zur Mitbegründerin und zu einer der
führenden Persönlichkeiten der Eigth-Hour-League, die für den Achtstundentag
kämpfte. Sie gründete die ersten Frauengewerkschaften und war 1889 beim großen
Streik der Londoner Docker die "Seele des Streikkomitees".
Seit 1884 lebte sie mit dem
sozialistischen Schriftsteller Edward Aveling zusammen. Gemeinsam mit ihm
schrieb sie mehrere Bücher, zum Beispiel "die Fabrik-Hölle" und
"Die Arbeiter-Klassen-Bewegung in Amerika".
Am 31. März 1898, sie war gerade 43 Jahre alt, beendete
Eleanor Marx selbst ihr Leben. Der Grund für ihren tragischen Tod ist
wahrscheinlich privat: Ihr Lebensgefährte hatte sie ein Jahr zuvor verlassen.
Wilhelm Liebknecht schrieb in seinem Nachruf über Eleanor
Marx:
„Aufopferung und Arbeit war ihr Leben. An sich selbst dachte
sie nie; ihr Denken, ihr Fühlen, ihr Tun, - alles für andere, für andere als
einzelne, für andere als Gesamtheit, als Menschheit. Die Lehre ihres Vaters ins
Handeln umsetzen, das war ihr Streben, im Dienste des Vaters der Menschendienst
ihr Beruf.“
Vielleicht war sie aber auch gerade deshalb, weil sie nur
durch und für andere lebte, ein unglücklicher Mensch. Wir werden es nicht mehr
herausfinden. Eines jedenfalls war Eleanor Marx gewiß nicht: Eine dumme Tussi.
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